Kommentar

Mays Brexit-Rede Ein Sieg für Nationalisten, Kleingeister, Spießer

Stand: 17.01.2017 17:25 Uhr

Eigentlich war die britische Premierministerin May gegen den Brexit - nun ist sie die treibende Kraft hinter dem EU-Ausstieg. Dieser wird viele Verlierer, aber kaum Gewinner haben. Nun geht es um Schadensbegrenzung.

Von Jens-Peter Marquardt, ARD-Studio London

Großbritannien verlasse nicht Europa, sondern nur die EU, und werde weiter ein enger Freund der Länder auf dem Kontinent bleiben - Theresa Mays Girlanden, mit denen sie ihre Rede schmückte, konnten die traurige Wahrheit nicht verdecken: Großbritannien geht, zieht sich zurück - der Ärmelkanal wird breiter, die Insel treibt raus auf den Atlantik.

Für die EU-Bürger fand die britische Regierungschefin ebenfalls schöne Worte, die nicht viel wert sind: Sie seien weiter willkommen auf der Insel, aber nur als gut ausgebildete Fachkräfte. Bye-Bye Freedom of Movement, auf Wiedersehen Freizügigkeit für EU-Bürger.

Anfang und Ende im Lancaster House

Und Bye-Bye Single Market: Die britische Regierungschefin verabschiedete sich heute im Lancaster House auch vom Europäischen Binnenmarkt, also genau an der Stelle - Ironie der Geschichte -, wo Margaret Thatcher einst den Eintritt des Landes in den Gemeinsamen Markt verkündet hatte.

Und dabei waren es die Briten, die wie keine andere europäische Nation diesen Binnenmarkt vorangetrieben haben: Ohne den ständigen Druck von der Insel wäre der Handel in Europa mit Waren und Dienstleistungen heute nicht so frei, wie er jetzt ist.

Vielen wird es schlechter gehen

Aber das ist Schnee von gestern. Jetzt haben die Nationalisten das Wort, die Kleingeister, die Spießer - nicht nur in Großbritannien, aber hier haben sie es per Referendum geschafft, die Regierung auf ihren Weg zu zwingen.

Die vielen Briten, die sich als Verlierer fühlen und deshalb aus Protest für den Brexit gestimmt haben, werden sich bald wundern. Ihnen wird es nach dem Austritt aus der EU schlechter gehen und nicht besser.

May handelt gegen eigene Überzeugung

Das glaubte übrigens auch einmal May - vor dem Referendum. Jetzt wird sie zur Wegbereiterin dieses Abstiegs. Das ist übrigens kein Grund zur Schadenfreude für die Menschen auf der anderen Seite des Kanals - auch die Kontinentaleuropäer sind Verlierer des Brexits: Die EU wird schwächer ohne die Briten, der Brexit wird auch auf dem Kontinent Aufträge und Jobs kosten.  

Das Beste an Mays Rede ist, dass der Rest der EU nun mehr Klarheit über die Ziele der Briten für ein Austrittsabkommen und das künftige Verhältnis zur Europäischen Union hat. Man kann nur wünschen, dass sich beide Seiten jetzt kühlen Kopfes den extrem komplexen und schwierigen Verhandlungen nähern, und dass nicht Hitzköpfe die Gespräche dominieren.

Schadensbegrenzung auf allen Seiten

Beide Seiten haben viel zu verlieren. Gewinner wird es ohnehin nicht geben - es muss darum gehen, den Schaden zu begrenzen. Die EU tut gut daran, die britische Premierministerin beim Wort zu nehmen - zum Beispiel bei ihrer Ankündigung, möglichst große Teile des gegenseitigen Handels zollfrei zu halten.

Das würde den Unternehmen auf beiden Seiten des Kanals helfen, möglichst viel der etablierten Wirtschaftsbeziehungen zwischen der Insel und dem Kontinent aufrecht zu erhalten und damit Arbeitsplätze zu sichern.

Kompromissbereitschaft auf beiden Seiten ist jetzt angesagt: Hoffentlich haben die Briten ihren sprichwörtlichen Pragmatismus noch nicht vollständig den Anti-EU-Gefühlen geopfert, hoffentlich begreifen sie, dass ein EU-Brüssel immer noch ein soliderer Partner ist als das Trump-Washington. Und hoffentlich schafft es die EU, mit einer Stimme, der Stimme der Vernunft zu sprechen und nicht alle Leinen nach London zu kappen.   

Kommentar: Bye Bye Britain
J.-P. Marquardt, ARD London
18.01.2017 07:20 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 17. Januar 2017 um 17:00 Uhr.

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