Kommentar

May und der Brexit Das ist nicht hartnäckig, sondern halsstarrig

Stand: 21.01.2019 20:32 Uhr

Dass May plötzlich sagt, "hurra, ich hab da was, worauf noch niemand gekommen ist", war nicht zu erwarten. Doch sie hätte den Briten endlich reinen Wein einschenken können. Stattdessen blieb sie halsstarrig.

Ein Kommentar von Thomas Spickhofen, ARD-Studio London

Ist das nun hartnäckig oder halsstarrig? Theresa May hält an ihrem Abkommen fest und will lieber nochmal mit der EU verhandeln, als ihrer Partei und ihren Landsleuten endlich reinen Wein einzuschenken.

Diese Premierministerin hatte zweieinhalb Jahre Zeit für einen Konsens, für einen Vertrag, für die Gesetze. Aber 66 Tage vor dem Austritt steht sie zwar mit einem festen Termin da, dafür aber ohne gültigen Vertrag. Sie will kein zweites Referendum, sie will keine Neuwahlen, sie will nicht einmal eine Verschiebung des Austrittstermins. Sie verlangt von der oppositionellen Labour-Partei, das Interesse des Landes über das Interesse der Partei zu stellen - und tut doch vor allem alles dafür, ihren eigenen Laden zusammenzuhalten.

52 zu 48 - nicht 100 zu Null

Dabei entspricht - auch das muss man sagen - ihr Deal ziemlich genau dem Ergebnis des Referendums. Die Briten haben sich ja mit 52 zu 48 Prozent für den Austritt entschieden, nicht mit 100 zu Null. Und genau so ist das Abkommen: zu 52 Prozent raus aus der EU, zu 48 immer noch irgendwie drin.

Aber die Regierung in London mit Theresa May an der Spitze hat es immer versäumt, den Menschen zu sagen: Wir werden am Ende zu einem Kompromiss finden müssen. Stattdessen wurde immer so getan, als könne man das Beste aus allen Welten haben.

May folgt dem altvertrauten Muster

Niemand hat erwartet, dass May tatsächlich einen komplett neuen Plan aus der Tasche zieht und ruft: Hurra, ich habe da etwas, woran noch niemand vorher gedacht hat. Aber sie hätte durchaus sagen können: Wir nehmen uns jetzt noch etwas Zeit, ich vereinbare mit der EU eine Verschiebung des Austrittstermins, und dann schauen wir mal, dass wir in den nächsten Monaten hier im Land eine Linie finden, über die wir dann mit Brüssel verhandeln können.

Stattdessen folgt May dem altvertrauten Muster: Ich habe den einzigen vernünftigen Plan, und die anderen brauchen nur ein bisschen lange, um ihn endlich zu verstehen. Das ist nicht hartnäckig, sondern halsstarrig: nämlich ohne die Einsicht, dass ein nationales Monsterprojekt wie der Brexit nicht im Alleingang durchgezogen werden kann. 

Kommentar: Mays "Plan B"
Thomas Spickhofen, ARD London
21.01.2019 20:44 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 21. Januar 2019 um 15:01 Uhr.

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