Kommentar

Jan Böhmermann schaut zur Seite

Kommentar zu Böhmermann Spiel mit billigen Ressentiments

Stand: 10.02.2017 15:05 Uhr

"Stinkender" Döner, "verlauste" Türken: Rassismus ist Rassismus - und passt mit Kunst schlecht zusammen. Darum haben die Hamburger Richter gut daran getan, weite Teile von Böhmermanns Erdogan-Gedicht zu verbieten.

Ein Kommentar von Max Bauer, ARD-Rechtsredaktion

Nur sechs von insgesamt 24 Zeilen blieben übrig, von Jan Böhmermanns Schmähgedicht auf den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. 18 Zeilen davon hat das Landgericht Hamburg nun auch im Hauptsacheverfahren verboten. Das sind die Zeilen, in denen es um "Ziegen ficken" und "Fellatio mit Schafen" geht, die Zeilen, in denen der türkische Präsident als "schwul", "verlaust" und "pervers" bezeichnet wird.

Dass die Hamburger Richter diese Zeilen nicht durchgehen lassen, ist nach der Eilentscheidung vom vergangenen Mai keine Überraschung. Und es ist auch keine juristische Sensation. Natürlich kann man in jedem Fall, in dem Satire vor Gericht landet, die große Frage neu stellen, was die Kunst darf, und ob diese Frage in einer freien Gesellschaft überhaupt gestellt werden kann.

Und natürlich ist der Fall des türkischen Präsidenten Erdogan ein besonderer. Satirische Kritik an einem Präsidenten, der in seinem Land die freie Presse brutal unterdrückt, ist unentbehrlich. Solche Kritik per Unterlassungsklage zu verbieten, macht jedem Demokraten Bauchschmerzen. Und diesen Punkt hat das Hamburger Gericht auch berücksichtigt. Ein Staatspräsident muss sich stärkere Kritik gefallen lassen als Du und ich, sagt das Landgericht.

Alles Ironie? Das wäre zu einfach

Trotzdem ist auch ein Präsident nicht schutzlos. Es ist nun mal bei uns geltendes Recht, dass Satire, die die Menschenwürde verletzt, untersagt werden darf. Das hat schon das Bundesverfassungsgericht im Fall von Franz-Josef Strauß entschieden, als der als kopulierendes Schwein gezeichnet wurde, und darauf kann sich auch Erdogan berufen.

"War aber doch alles nur Ironie", sagt dagegen Böhmermann. Das Schmähgedicht war doch gerade als "Schmähgedicht" angekündigt, und damit sei klar gewesen: Es ging um das Thema Pressefreiheit und nicht darum, Erdogan als Person zu verletzen. Das kann man Böhmermann aber nicht so einfach abnehmen: Er setzt auf die Vorschlaghammer-Ironie des "Schweinefurz"- und "Schrumpelklöten"-Niveaus. Und er nutzt gleichzeitig die billigen Ressentiment-Lacher, die Tabubrüche mit meilenweitem Anlauf, mit denen früher schon Harald Schmidt so gerne gespielt hat.

Ein "verlauster" Türke? Da lachen Böhmermanns Fans

Die Melange aus "stinkendem" Döner, "verlausten" Türken und "Ziegen ficken" ist ein rassistisches Gemisch. Das merkte man an den Stellen der Sendung, als Böhmermann über die Publikumslacher selber lachen musste. Nach dem Motto: Ich kann es kaum glauben, der Fäkal-Rassismus funktioniert tatsächlich.

Die Hamburger Richter haben das gesehen und zu Recht die meisten Passagen des „Schmähgedichts“ gestrichen. Alle, die sich schon während des Ermittlungsverfahrens so demonstrativ mit Jan Böhmermann solidarisiert haben und in ihm einen Verteidiger der Kunstfreiheit sehen, haben eines nicht verstanden: Kunst und Rassismus passen schlecht zusammen.

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Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 10. Februar 2017 um 15:10 Uhr.

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