Kommentar: Eine Frischzellenkur für die Privatkassen

Kommentar

Privatkasse für alle

Bahrs schillernde Seifenblase

Von Rebecca Lüer, SWR, ARD-Hauptstadtstudio

Chefarzt für alle, private Krankenversicherung für jeden, der sie will - egal, wie viel er verdient. Allerdings sollen auch alle ihre Arztrechnung erst mal vorstrecken, nicht nur die Privatversicherten - das ist seine Vision, sagt der Gesundheitsminister. Nun überkam Daniel Bahr die Vision nicht über Nacht. Im FDP-Wahlprogramm, beschlossen bereits Anfang Mai, stehen genau diese Forderungen: Abschaffung des Kostenerstattungsprinzips sowie die freie Wahl bei der Krankenversicherung - was die Abschaffung der Versicherungspflichtgrenze voraussetzen würde.

Kommentar: Die Vision des Gesundheitsministers
R. Lüer, ARD Berlin
27.08.2013 14:32 Uhr

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Bahr dachte sich wahrscheinlich: "Gut drei Wochen vor der Bundestagswahl probier ich’s doch mal mit einem Gesundheitsthema im Wahlkampf." Was ja eigentlich gut ist, denn Gesundheitspolitik trifft jeden, und Baustellen gäbe es dort auch genug: Stichwort Pflegekräfte-Notstand, Bürokratie-Wahnsinn oder Kostenexplosion durch Überalterung.

Die Chance, dass Bahrs Vision umgesetzt wird, geht aber gegen null. Sie birgt die Gefahr, aus FDP-Sicht sogar nach hinten loszugehen. Denn was hieße denn deren Realisierung?

Eine Reform, deren Umsetzung niemand will

Aus Sicht der FDP: eine Frischzellenkur für die Privatkassen, weil viele junge Gesunde, die gut, aber bislang nicht gut genug für die Privaten verdienen, von günstigen Einstiegsbeiträgen angelockt würden. Und weil in einer Basis-Grundversorgung, wie sie Bahr vorschwebt, wirklich nur das Nötigste drin wäre, müsste alles darüber hinaus extra zusatzversichert werden. Ein Riesengeschäft.

Wenn aber wirklich alle die freie Wahl hätten, wie es im FDP Programm gefordert wird, dann dürften sich theoretisch auch Alte, Kranke und Geringverdiener privat versichern. Selbst wenn die nur eine Grundversorgung bekämen, würde das die Privatkassen teuer zu stehen kommen - schwer vorstellbar, dass die das wollten.

Und dass jeder seine Rechnung erst mal selber zahlt? Klar wäre es interessant und transparenter, mal zu sehen, was die Behandlung so kostet und was der Arzt wie abrechnet. Wie Oma Erna mit ihrer Minirente, die Alleinerziehende mit Halbzeitjob oder der Hartz-IV-Empfänger die Kosten für die Arztrechnung vorschießen sollen, auf diese Fragen bleiben Bahr und das Wahlprogramm aber ebenso eine Antwort schuldig wie auf andere Details - zum Beispiel, wie oft man denn dann zwischen gesetzlichen und privaten wechseln dürfte, oder was in so einer Grundversorgung denn enthalten sein soll. Bereits jetzt zahlen die gesetzlichen Versicherungen vieles, was bei den Privaten oft extra kostet - wie Krankengeld, Vorsorgeuntersuchungen oder Kuren. Nicht ohne Grund sind 5,3 Millionen Deutsche freiwillig gesetzlich versichert.

Und noch etwas spricht gegen die Umsetzung von Bahrs Vision: Keiner will mitmachen, nicht mal die Union. Und die andern wollen die privaten Krankenversicherungen sowieso abschaffen. Also, Schwamm drüber!

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 27. August 2013 um 17:00 Uhr.

Stand: 27.08.2013 18:02 Uhr

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