Kommentar

Flüchtlingspolitik Auffanglager sind keine Lösung

Stand: 14.02.2017 18:20 Uhr

Auffanglager in Tunesien? Diese Idee scheint vom Tisch. Die Probleme aber nicht. Denn die lassen sich nicht in Auffanglager auf der anderen Seite des Mittelmeers abschieben, meint Jens Borchers. Europa muss die Defizite seiner Flüchtlingspolitik selbst lösen.

Ein Kommentar von Jens Borchers, ARD-Studio Rabat

Die Idee von den Auffanglagern für Flüchtlinge in Nordafrika ist heute vielleicht endgültig auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet. Plopp - hat es nach dem Treffen der Bundeskanzlerin mit dem tunesischen Regierungschef gemacht. "War kein Thema" - das ist die Botschaft. Und schon ist die ganze Blase von Auffanglagern in Tunesien geplatzt.

Wochenlang war erst von Auffanglagern für Flüchtlinge in Nordafrika gesprochen worden. Dann wurde wenigstens erkannt: Das chaotische Libyen ist wohl kaum geeignet, um den Europäern Flüchtlinge abzunehmen, die aus dem Mittelmeer gefischt wurden. Schließlich blieb man bei Tunesien hängen. Dort könne man doch Auffanglager einrichten. Obwohl gerade mal ein Prozent der Flüchtlinge, die übers Mittelmeer nach Italien fahren, über Tunesien kommen. 

Keine Kapazitäten

Jetzt ließen die Bundeskanzlerin und der tunesische Ministerpräsident auch diese Luftblase zerplatzen. Ohnehin war es ja keine Überraschung,  dass Tunesiens Ministerpräsident schon im Vorfeld gesagt hatte, sein Land habe keine Kapazitäten dafür, Auffanglager für Flüchtlinge aus Afrika einzurichten. Angesichts der Fülle von Problemen, mit denen seine Regierung zu kämpfen hat, war dieser Vorschlag nun auch wirklich illusorisch.

Aber dass diese Idee seit Otto Schilys erstem Vorstoß aus dem Jahr 2004 immer wieder auftaucht, zeigt vor allem eines: Deutschland und die Europäische Union werfen ihre selbst gebastelten Probleme der Flüchtlings- und Migrationspolitik einfach immer wieder ins Mittelmeer. In der Hoffnung, dass sie auf der afrikanischen Seite anlanden und dort gelöst werden. Und dass wir nur noch eine Zeit lang Hilfe in Form von Geld, Material und Schulungen darüber schütten und dann das Problem damit gelöst sei.

Auffanglager lösen die Probleme nicht

Als Argument für solche Auffanglager werden dann gern immer wieder die mehr als 5000 im Mittelmeer ertrunkenen Migranten angeführt. Mehr als 5000 Tote allein 2016 - das wäre in der Tat ein sehr guter Grund, etwas zu tun. Kaum jemand spricht aber über Folgendes: dass auf den Schlepper-Routen durch West- und Zentralafrika im vergangenen Jahr drei Mal so viele Menschen umkamen. Das ist die Schätzung der Internationale Organisation für Migration. Dieses Drama wird aber nicht durch Auffanglager in Tunesien oder sonst wo in Nordafrika gelöst.   

Stopp mit dem Propagieren schneller Lösungen

Es wäre schön, wenn deutsche und europäische Politiker einfach mal aufhören würden, immer wieder vermeintlich schnelle Lösungen zu propagieren. Auffanglager oder die Kappung von Migrantenrouten. So einfach ist es nicht. Und Europa wird nicht umhin kommen, die Defizite seiner Asyl- und Flüchtlingspolitik selbst zu lösen. Die lassen sich eben nicht einfach in Auffanglager auf der anderen Seite des Mittelmeeres abschieben.

Kommentar: Auffanglager in Tunesien?
J. Borchers, ARD Rabat
14.02.2017 17:02 Uhr

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Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 14. Februar 2017 um 22:15 Uhr.

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