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Kommentar

Kommentar zu diplomatischem Eklat im Fall Assange

Verschwörungsquatsch im Kasperletheater

Von Stephan Lochner, SWR-Hörfunkkorrespondent London

"Kommt doch bitte zur Vernunft!", möchte man ihnen zurufen - und zwar allen. Allen Protagonisten in diesem Kasperletheater, das längst nicht mehr unterhaltsam ist, sondern nur noch zum Haare raufen.

Zunächst Julian Assange, der sich mit der Flucht in die Botschaft Ecuadors wahrlich keinen Gefallen getan hat. Der WikiLeaks-Gründer ist ganz offensichtlich getrieben von der Wahnvorstellung, die schwedische Justiz sei eine Art verlängerter Arm der amerikanischen Gerichtsbarkeit und wolle ihn nur nach Stockholm holen, um ihn dann gleich an die USA weiterzureichen, wo das Todesurteil gegen ihn schon gefällt sei. Assange hat diesen Verschwörungsquatsch so oft erzählt, dass er ihn inzwischen selbst glaubt. Anders ist sein merkwürdiges Manöver nicht zu erklären.

"In nahezu jedem Gefängnis der Welt mehr Auslauf"

Nicht nur, dass er sich als vermeintlicher Kämpfer gegen Zensur lächerlich macht, indem er ausgerechnet bei Ecuador Zuflucht sucht, einem Land, in dem so etwas wie Pressefreiheit wenig zählt. Nein, Julian Assange verfehlt auch sein Ziel. Er wollte Freiheit. Nun sitzt er fest, ist zu einem Leben unter Haftbedingungen verdammt. Er hat faktisch nicht mehr als Asyl in einer winzigen Wohnung ohne Balkon. Fragt sich, wie lange der WikiLeaks-Gründer das aushält, und wann ihm dämmert, dass er in nahezu jedem Gefängnis der Welt mehr Auslauf hätte.

Kommentar zum Fall Julian Assange
S. Lochner, SWR London
16.08.2012 17:47 Uhr

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Es bleibt rätselhaft, was die ecuadorianische Regierung reitet. Wenn Präsident Rafael Correa die Chance sieht, die US-Regierung zu piesacken - und sei es indirekt - dann ist er sich offenbar für nichts zu schade. Dann stilisiert er sogar den Fall eines Mannes, der sich wegen sexueller Nötigung und Vergewaltigung in einem Rechtsstaat verantworten soll, zu einer humanitären Angelegenheit hoch. Dann macht er aus einem Julian Assange einen politisch Verfolgten.

Leider möchte man auch an Großbritannien appellieren, zur Besinnung zu kommen. Welcher neunmalkluge britische Diplomat auch immer auf die Idee gekommen ist, Ecuador in einem Brief mit der Aufhebung des Status der Botschaft in London und indirekt sogar mit einer Razzia zu drohen, der muss sich die Frage gefallen lassen, ob er noch ganz dicht ist.

Mag sein, dass ein 25 Jahre altes Gesetz in Großbritannien die theoretische Möglichkeit vorsieht, den besonderen Schutz diplomatischer Vertretungen im Extremfall aufzuheben. Doch ein solcher Schritt wäre ein nie da gewesener Tabubruch. Selbst Schurkenstaaten, die die Wiener Übereinkunft über diplomatische Beziehungen nicht unterschrieben haben, halten sich daran, dass Botschaften und Konsulate als ausländisches Staatsgebiet zu achten sind.

"Das kann Großbritannien nicht ernst gemeint haben"

Nein, das kann Großbritannien nicht ernst gemeint haben. Das war eine vollkommen überflüssige Provokation. Eine Kampfansage, die Ecuador keine andere Wahl mehr gelassen hat, als Assange Asyl zu gewähren - und die die Beziehungen Großbritanniens zu zahlreichen Regierungen Südamerikas belasten dürfte.

Kommt doch bitte zur Vernunft! Vermutlich ist es dafür leider zu spät. Und die Asyl-Entscheidung Ecuadors ist nicht der Höhepunkt, sondern erst der Anfang eines diplomatischen Konflikts.

Stand: 16.08.2012 18:19 Uhr

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