Kommentar

Dieses vom Pressedienst des Vatikan zur Verfügung gestellte Foto zeigt Papst Franziskus am ersten Tag der Anti-Missbrauchskonferenz im Vatikan. | Bildquelle: AFP

Anti-Missbrauchskonferenz Bitte mehr Mut, lieber Vatikan!

Stand: 21.02.2019 19:45 Uhr

Statt wenig revolutionäre Vorschläge zu machen, muss der Vatikan den Mut finden, eine grundsätzliche Diskussion über interne Strukturen und Sexualität anzustoßen.

Ein Kommentar von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Es ist an der Zeit. Viel zu lange hat die katholische Kirche die Geißel des Missbrauchs in ihren Reihen ignoriert. Geweihte Männer haben unzähligen Kindern, Jugendlichen, aber auch erwachsenen Frauen und Männern unter dem Dach der Kirche unfassbare seelische und körperliche Verletzungen zugefügt. Ein Dach, unter dem diese Sicherheit und Schutz suchten. Es war überfällig, dass der Vatikan und die Bischöfe weltweit sich zu ihren Fehlern bekennen, die Übel der Vergangenheit aufarbeiten und nach Wegen suchen, sexuellen Missbrauch künftig zu verhindern.

Daher ist es schon ein Erfolg, dass diese Konferenz stattfindet. Was für ein Unterschied vor allem zum von so vielen verherrlichten Pontifikat Johannes Paul II. Damals waren Wegschauen und Vertuschen die Leitlinie im Vatikan. Opfer wurden alleine gelassen, Täter gedeckt, manchmal sogar – der Fall McCarrick ist dafür das prominenteste Beispiel – vom Papst zum Kardinal ernannt.

Reaktion auf Druck von Opfern und Medien

Es macht Mut, dass aus dem apostolischen Palast nun ein anderer Weg vorgegeben wird. Wobei zur Ehrlichkeit auch gehört: Papst Franziskus hat einige Zeit gebraucht, um beim Thema Missbrauch den richtigen Kompass zu finden. Mittlerweile aber scheint er verstanden zu haben, dass vom Umgang mit dem Missbrauchsskandal abhängt, wie sein Pontifikat einst bewertet wird. Auf den Weg geholfen haben ihm die Opferverbände, deren Druck in den vergangenen Jahren kontinuierlich größer geworden ist, aber auch die Medien, die immer neue Missbrauchsskandale ans Licht gebracht haben. Seit einigen Monaten zeigt Franziskus beim für die katholische Kirche dramatischsten Problem endlich die Klarheit, die die Gläubigen von ihm erwarten und an ihm schätzen.

Klarheit im Wort aber ist nur ein erster Schritt. Den Maßstab hat Franziskus heute zum Auftakt selbst gesetzt. Konkrete Maßnahmen müssten am Ende stehen, sagte er in seiner Einführung. Eine Zielsetzung, die Erwartungen weckt. Erwartungen, die wahrscheinlich nur schwer zu erfüllen sein werden. Zumindest von einer dreieinhalb Tage dauernden Konferenz.

Wenig revolutionäre Vorschläge reichen nicht

Einige Vorschläge für konkretes Handeln hat der Papst heute selbst gemacht. Sie sind in der Mehrzahl sinnvoll, allerdings mit Blick auf die gelebte Realität zum Beispiel der katholischen Kirche in Deutschland wenig revolutionär. Trotzdem wäre es ein Schritt nach vorne, wenn es in der katholischen Kirche weltweit Anlaufstellen für Missbrauchsopfer gäbe. Wenn Fälle von Missbrauch überall verpflichtend an Staatsanwaltschaften weitergeleitet würden. Wenn Priesteranwärter in allen Ländern sich in ihrer Ausbildung gezielt mit dem Thema Kampf gegen Missbrauch auseinandersetzen müssen. Aber das alles reicht nicht.

Die katholische Kirche muss sich trauen, tiefer zu gehen, muss mehr Tabus in Frage stellen, wenn sie es wirklich ernst meint mit der Bekämpfung von sexuellem Missbrauch. Die internen Strukturen der Macht gehören dazu, aber auch die Sexualmoral der katholischen Kirche. Wer Sexualität bei seinen Priestern und Bischöfen unterdrückt, provoziert Probleme.

Solch grundlegende Diskussionen, die an den Wurzeln des Problems rühren, brauchen Zeit. Hier kann die Konferenz nur einen Anstoß geben. Aber wenn der Mut sichtbar wird, eine solche Diskussion auch im Vatikan zu führen, wäre das ein wertvolles Signal. Das Signal, dass es die katholische Kirche ernst meint – und diese Konferenz der Anfang sein will für wirkliche Veränderungen.

Kommentar zum Auftakt Missbrauchskonferenz: Bitte mehr Mut!
Jörg Seisselberg, ARD Rom
21.02.2019 18:28 Uhr

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