Kommentar

Menschen schwenken türkische Fahnen: Der Anschlag traf die Republick mitten ins Herz | Bildquelle: dpa

Anschlag auf Militär in Ankara Der Super-GAU für die Republik Türkei

Stand: 18.02.2016 12:20 Uhr

Der Anschlag in Ankara traf ins Herz des türkischen Staates. Denn er zeigt: Terroristen können selbst im gut gesicherten Zentrum zuschlagen. Ankara bräuchte nun Freunde - doch Erdogans Politik hat fast alle vertrieben.

Ein Kommentar von Reinhard Baumgarten, ARD-Studio Istanbul

Der Terroranschlag von Ankara ist mehr als nur eine Katastrophe. Er ist ein Super-GAU für die Republik Türkei. Ganz gleich, wer ihn ausgeführt hat. Der "Größte Anzunehmende Unfall" besteht darin, dass Terroristen im gut gesicherten Zentrum der türkischen Macht zuschlagen konnten.

Die davon ausgehende Botschaft ist verheerend: Wir können euch treffen - wann, wo und wie wir wollen. Wer immer hinter der infamen Attacke steckt, hat todsichere planerische und taktische Fähigkeiten bewiesen. Die Bombe befand sich nach bisherigen Erkenntnissen in einem fahrenden Wagen, denn dort, wo sie hochging und knapp 30 Menschen in den Tod riss, herrscht striktes Parkverbot.

Das ist wirklich zum Fürchten

Die Täter haben alles gründlich ausgespäht und bis auf die Sekunde genau abgestimmt. Nein, das ist kein Grund zur Bewunderung. Das ist wirklich zum Fürchten. Etwas mehr als fünf Wochen nach dem Anschlag von Istanbul sterben in der Türkei wieder Menschen durch Terroristen.

In Istanbul traf es ein weiches Ziel - das Herz des türkischen Tourismus. In Ankara hat es mit dem gut gesicherten Regierungsviertel ein hartes Ziel und zugleich das Herz des türkischen Staates getroffen.

Angeblich syrischer Kurde identifiziert

Waren es kurdische Terroristen? Regierungschef Davutoglu ist fest davon überzeugt. Wie beim Anschlag von Istanbul soll auch in Ankara ein Finger des Täters das Inferno überstanden haben. So konnte angeblich ein syrischer Kurde identifiziert werden.

Die Türkei befindet sich im Krieg mit Terroristen. Sie braucht dringend den Beistand enger Freunde. Doch deren Zahl schwindet. Das hat viel mit dem Auftreten der türkischen Füh­­rung zu tun. Sie zeigt sich konfrontativ und beratungsresistent. Mit Moskau liegt Ankara bereits über Kreuz. Nun wachsen die Spannungen mit Washington. Es geht dabei um die Deutung von Terrorismus. Ankara beschießt Stellungen der syrischen Kurden, die Washington als wichtige Helfer im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat schätzt.

Ankara braucht mehr denn je enge Freunde

Ankara führt Krieg gegen die PKK, mit der sie bis Mitte vergangenen Jahres Friedensgespräche geführt hat. Was schon in Vergessenheit geraten ist: Der Konflikt mit der PKK flammte nach der Juni-Wahl auf, bei der die AKP massiv an Stimmen verloren hat. Diese Stimmen hat sie in einer Atmosphäre der Angst vor Terror und Gewalt im November zurückgewonnen. Der Preis für die erneute absolute AKP-Mehrheit im Parlament war das Ende des Friedensprozesses mit der PKK.

Ankara braucht dringender denn je enge Freunde, die darauf drängen, dass der Konflikt mit der auch von Washington und Brüssel als Terrororganisation eingestuften PKK friedlich beigelegt wird. Die Auswirkungen dieses Konflikts sind vor allem im Südosten des Landes jetzt schon verheerend. Mehr noch: Dieser Konflikt beherrscht zunehmend auch Ankaras Syrienpolitik und macht sie unberechenbar. Die Eskalationsschraube dreht sich weiter und droht, die Türkei immer tiefer in Unsicherheit und Krieg zu verwickeln.

Kommentar: Der Super-GAU von Ankara
R. Baumgarten, ARD Istanbul
18.02.2016 11:32 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Redaktioneller Hinweis

Kommentare geben grundsätzlich die Meinung des jeweiligen Autors und nicht die der Redaktion wieder.

Dieser Beitrag lief am 18. Februar 2016 um 19:05 Uhr im Deutschlandfunk.

Darstellung: