Kommentar

Der Fall von Ost-Aleppo Ein wichtiger, aber hohler Sieg

Stand: 13.12.2016 18:53 Uhr

Die Eroberung Aleppos ist für den syrischen Machthaber Assad der wichtigste Sieg seit Beginn des blutigen Bürgerkriegs. Doch es ist ein schaler Triumph - und einer, der für jeden Demokraten nur schwer zu ertragen ist.

Ein Kommentar von Carsten Kühntopp, ARD-Studio Kairo

Der Fall von Ost-Aleppo ist ein wichtiger Sieg für den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad und dessen Verbündete, Russland und Iran. Die vier größten Städte sind jetzt wieder in der Hand des Regimes. Zwar ist die bewaffnete Opposition auch weiterhin in zahlreichen Gegenden präsent; aber der syrische Krieg findet fortan nur noch in kleineren Städten und auf dem Land statt. Deshalb ist Assad nun in der stärksten Position seit Beginn des Konflikts.

Für jeden Menschen, der an Demokratie, Freiheit und Menschenrechte glaubt, ist diese Entwicklung schwer zu ertragen. Denn einmal mehr zeigt sich: Jeder Diktator gewinnt, wenn er brutal genug ist und die richtigen Freunde auf der Welt hat. Dabei ist nichts stärker, als das Nein einer Vetomacht im UN-Sicherheitsrat. Dieses Nein - von Russland dort bisher sechs Mal ausgesprochen - gab und gibt Assad völlig freie Hand, Syrien und die Syrer in Grund und Boden zu bomben.

Lehrbuch für jeden Despoten

Seine Strategie gehört dabei ins Lehrbuch für jeden Despoten: Man belagere ganze Städte, schneide die Menschen dort von der Versorgung mit Lebensmitteln und Energie ab, zerstöre zielsicher die Wasserleitungen und die Krankenhäuser - um dann zu pausenlosen Luftangriffen überzugehen. Das Prinzip dieser Kriegsführung kennen wir seit dem Mittelalter. Assad stellte seine Landsleute in Ost-Aleppo schlicht vor die Wahl: Gebt auf - oder kommt um.

Dass sich auch heute, im 21. Jahrhundert, auf diese Weise noch Schlachten schlagen lassen, sogar Schlachten eines Staatsoberhauptes gegen sein eigenes Volk, daran hat auch der Westen Schuld. Amerikaner und Europäer ließen ihre Partner - gemäßigt eingestellte, weltlich orientierte Oppositionelle - am ausgestreckten Arm verhungern. Nie erhielten diese die benötigten Waffen, um eine Art Gleichgewicht des Schreckens herzustellen, das Assad zu echten Verhandlungen über die Zukunft des Landes gezwungen hätte.

Kommentar: Der Fall von Ostaleppo
C. Kühntopp; ARD Kairo
13.12.2016 18:18 Uhr

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Dem Frieden keinen Schritt näher

Doch der Sieg des syrischen Machthabers in Aleppo ist hohl. Ohne die Unterstützung der russischen Luftwaffe und der Milizionäre aus Iran und dem Libanon wäre er nicht möglich gewesen. Nach bald sechs Jahren Krieg ist Assads Armee ausgelaugt, es fehlen die Soldaten. Ein Beispiel - Palmyra: Kaum blickten die Russen weg, war der IS wieder da und eroberte die Stadt erneut, innerhalb weniger Tage.

Einem Frieden in Syrien sind wir keinen Schritt näher gekommen. Die legitime syrische Opposition kämpft weiter, die Dschihadisten ohnehin. Und Assad glaubt heute weniger denn je an eine Verhandlungslösung; er sucht die Entscheidung auf dem Schlachtfeld.

Redaktioneller Hinweis

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Über dieses Thema berichtete WDR 5 am 13. Dezember 2016 um 18:30 Uhr.

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