Kommentar

Air Berlin Ende eines empörenden Bummelstreiks

Stand: 13.09.2017 18:20 Uhr

Die Piloten bei Air Berlin sind gegenüber den anderen Berufsgruppen privilegiert, ihr Bummelstreik ist empörend angesichts der hohen Gehälter. Das Problem der Airline geht aber viel weiter. In Europa gibt es zu viele Airlines und zu viele Flugzeuge.

Ein Kommentar von Jörg Pfuhl, NDR

Der Bummelstreik der Air Berlin-Piloten scheint abzuebben - es ist höchste Zeit. Denn wer bucht noch bei einer Airline, die gar nicht mehr fliegt?!

Noch ein paar Tage wilder Streik, und es wäre vorbei gewesen mit der relativ komfortablen Insolvenz in Eigenregie. Dann wäre es eine echte Insolvenz geworden: Die Flugzeuge wären am Boden geblieben, das Luftfahrtbundesamt hätte der Gesellschaft die Lizenz entziehen müssen, die wenigen werthaltigen Einzelteile des Unternehmens wären zum Schleuderpreis an die Raubtiere gegangen, die Air Berlin schon längst umkreisen.

Der Bummelstreik war umso empörender, als die Piloten ohnehin schon privilegiert sind. Sie werden derzeit von der Bundesanstalt für Arbeit bezahlt, und ihr Monatsgehalt, das sogenannte Insolvenzgeld, ist eigentlich auf gut 6300 Euro gedeckelt. Weil Piloten aber unersetzlich sind, haben die Gläubiger zugestimmt, den Piloten auch in der Insolvenz ihre vollen Gehälter zu zahlen.

17.000 Euro monatlich

Die Piloten-Gehälter sind bei Air Berlin extrem unterschiedlich. Die ehemaligen LTU-Flugkapitäne, die heute von Düsseldorf aus in die USA fliegen, verdienen um die 17.000 Euro monatlich. Müssten sie demnächst für die Billigtochter der Lufthansa - also für Eurowings - fliegen, dann würde sich ihr Gehalt glatt halbieren.

Anders als die vielen Verwaltungsangestellten von Air Berlin müssen sich Piloten und Flugbegleiter immerhin kaum Sorgen um ihre Jobs machen. Andere Airlines wie Qatar und Wizz werben in Castings heute schon um die Berliner. Die Piloten sollten ihre relativ komfortable Lage nicht dazu missbrauchen, das Schicksal ihrer viel schlechter gestellten Kollegen am Boden und in der Verwaltung zu gefährden.

Verzweifelte Lage

Wie verzweifelt die Lage bei Air Berlin ist und wie wichtig es ist, die Flieger voll zu bekommen, zeigen die aktuellen Angebote. Für 49 Euro bietet die Fluggesellschaft Flüge nach Mallorca an. Über den Atlantik - zum Beispiel nach Miami und hin und wieder zurück - kommt man schon für nicht mal 350 Euro.

Die Einnahmen decken bei weitem nicht die Kosten, sie minimieren bestenfalls die Verluste. Aber das ist das Entscheidende für Air Berlin. Das Insolvenzverfahren dient dazu, die Verluste zu verteilen, denn bei Air Berlin ist keine Substanz mehr vorhanden.

Das Eigenkapital ist schon lange aufgebraucht, schon vor der Insolvenz hat die Gesellschaft Monat für Monat 50 Millionen Euro Miese eingeflogen. Die Hunderte Millionen Euro, die Großgesellschafter Etihad in das Unternehmen gesteckt hat, sind perdu - die Araber werden wahrscheinlich keinen Cent mehr sehen.

Vom Milliardär zum Millionär

Ein alter Witz fragt: Wie wird ein Milliardär am schnellsten zum Millionär? Antwort: Er kauft sich eine Airline. Es ist ja nicht nur Air Berlin. Zum ganzen Bild gehört, dass es in Europa einfach zu viele Airlines, zu viele Flugzeuge und auch zu viele Piloten gibt.

Deutschland verliert mit Air Berlin gerade seine zweite nationale Airline. Andere Länder haben schon ihre einzige verloren: Sabena, Swiss, Brussels, Alitalia - alle sind sie in Insolvenz gegangen, wurden aufgekauft oder sind völlig verschwunden. Das wird so weitergehen, bis Angebot und Nachfrage wieder übereinstimmen. Erst wenn es weniger Airlines gibt, kann die einzelne Gesellschaft wieder Geld verdienen. Für Kunden bedeutet das am Ende: Die Tickets, die werden teurer werden.

Kommentar: Bummelstreik bei Air Berlin
Jörg Pfuhl, NDR
13.09.2017 16:35 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 13. September 2017 um 17:08 Uhr.

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