Kommentar

Türkische Offensive in Afrin Erdogan Einhalt gebieten

Stand: 18.03.2018 11:24 Uhr

Die Türkei - immerhin ein NATO-Partner - marschiert in Nordsyrien ein und die Welt schaut zu. Die NATO, auch Deutschland, muss Erdogan Einhalt gebieten.

Von Michael Lehmann, ARD-Studio Istanbul

Es ist wie so oft im Krieg unglaublich schwer, die Wahrheit zu finden oder sich ihr auch nur halbwegs anzunähern. Die türkische Armee greift seit zwei Monaten Kurdengebiete im Norden Syriens an. Sie verursacht in und um die Stadt Afrin 'zigtausendfache menschliche Tragödien - und die Welt berät, schaut weg oder entsetzt hin.

Wie so oft fehlt es an guten Konzepten, dem Wahnsinn angemessen zu begegnen. Unter großen Mühen haben die Vereinten Nationen eine Waffenruhe ausgehandelt. Sie soll aus Sicht des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan für Afrin nicht gelten, weil er alle Kämpfer dort Terroristen nennt und ihre komplette Auslöschung, tausendfaches Sterben beschlossen hat. Und dabei natürlich zivile Opfer in Kauf nehmen muss und weiter rhetorisch so tut, als gebe es diese Opfer nicht.

Kein Freifahrtschein für Erdogan

Darf die Welt Erdogan das so einfach durchgehen lassen? Nein. Natürlich ist es ähnlich schwer, einen Machthaber Erdogan zum Rückzug oder Abbruch der Kämpfe zu bewegen - wie es schon immer schwer war, an den anderen Flanken dieses auf grausame Weise komplizierten Gemetzels in Syrien Einfluss zu nehmen und einem Diktator Bashar al-Assad Einhalt zu gebieten.

Doch im Fall der Türkei sieht es zumindest aus europäischer und US-amerikanischer Sicht anders aus. Denn immer noch ist die Türkei NATO-Partner und daher müssen sich alle mit der Türkei militärisch verbündeten Länder fragen, ob es nicht neue, strengere Schritte braucht, um dem NATO-Land Türkei die Angriffe in Nord-Syrien nicht so einfach durchgehen zu lassen.

Rüstungslieferungen einfrieren

Deutschland muss sich zu allererst jetzt schnell mit neuer Regierung an die Arbeit machen: Schnell alles, was an Rüstungsgütern an die Türkei geliefert wird, zu überprüfen und jede weitere Lieferung zumindest einzufrieren. Und auch wenn nach wie vor die Regel gilt, dass man mit falschen wirtschaftspolitischen Entscheidungen nicht den vernünftigen Teil der türkischen Bevölkerung bestrafen darf: Nach den jüngsten Nachrichten aus Afrin, spätestens jetzt, müssen auch Skeptiker spüren: Es ist Zeit für eine wieder härtere Gangart gegenüber der Türkei.

Jedes Händeschütteln mit Ministern oder Tourismus-Beauftragten, um das deutsch-türkische Verhältnis nur ja nicht weiter verkommen zu lassen, wirkt makaber angesichts Dutzender Zivilisten, die im Krieg um Afrin sterben und 'zigtausender Menschen, die ihre Heimat verlieren.

Gefährliche Hoffnung auf schnelle Ruhe

Schluss mit der Schockstarre, Schluss mit der gefährlichen Hoffnung, ein paar Wochen Krieg könnten sogenannte Terroristen eliminieren und im Norden Syriens eine neue Art von Ruhe schaffen. Auch wenn es die Vereinten Nationen auf wieder einmal blamable Weise nicht geschafft haben, wenigsten einen möglichen gangbaren Weg zu mehr Frieden in Syrien aufzuzeigen. Auch wenn sich ein türkischer Präsident Erdogan einen Dreck zu scheren scheint um Beschlüsse in New York.

Nur die internationale Gemeinschaft kann durch Sanktionen, Strafen und glasklare Forderungen dafür sorgen, dass nicht immer mehr Leid und Unheil im Norden Syriens in den kommenden Wochen wuchern können.

Kommentar: Türkische Armee rückt in Afrin ein
Michael Lehmann, ARD Istanbul
18.03.2018 10:16 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Redaktioneller Hinweis

Kommentare geben grundsätzlich die Meinung des jeweiligen Autors und nicht die der Redaktion wieder.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 18. März 2018 um 11:20 Uhr.

Darstellung: