Zur Haupt-Navigation der ARD.
Zum Inhalt.
Von Kai Küstner, ARD-Hörfunkstudio Südasien
Ein "ungeschminktes" Bild von der Lage in Afghanistan zu zeichnen, nahm der deutsche Außenminister im Bundestag für sich in Anspruch. Und ja, Guido Westerwelle gab zu, dass das Land noch einen schwierigen Weg vor sich habe. Dass es Probleme in Afghanistan gebe und dass man mit Rückschlägen rechnen müsse. Diese Schwierigkeiten zu leugnen, hätte auch auf Realitätsverlust im fortgeschrittenen Stadium schließen lassen.
Aber ansonsten reihte sich auch der deutsche Außenminister nahtlos in die Schar derer ein, die eben nicht bereit sind, Afghanistan die Schminke abzuwischen. Und mal nachzusehen oder vielleicht sogar auszusprechen, was sich unter dem vielen Make-Up so alles verbirgt. Den Afghanistan-Einsatz zu pudern und mit Kajalstift zu versehen, bis er viel hübscher aussieht, als er eigentlich ist, hat zwar Tradition. Wir erinnern uns zum Beispiel an die jahrelange Debatte, ob sich die deutschen Soldaten eigentlich in einem Krieg befänden.
Allerdings scheint die Zuckerwatten-Rhetorik gerade jetzt noch einmal so richtig in Mode zu kommen. Weil sich der Westen nun mal auf einen Abzug 2014 festgelegt hat und lieber an der Wortwahl feilt, als dieses Datum in Frage zu stellen. Auch wenn dies vermutlich klüger gewesen wäre.
Bislang ungeschlagen in Sachen Afghanistan-Kosmetik ist der US-Botschafter in Kabul: Nachdem ein Kommando der Taliban es vermocht hatte, schwer bewaffnet über das Diplomaten-Viertel der Hauptstadt herzufallen, gab der allen Ernstes zu Protokoll: Wenn das alles ist, was die drauf haben, dann sehe ich darin eher ein Zeichen ihrer Schwäche. Auch der Chef der Afghanistan-Schutztruppe ISAF spricht neuerdings von einer "Trendwende". Über die derzeitige Sicherheitslage zu debattieren, ist müßig: Während einige, darunter die Vereinten Nationen, sie als prekärer denn je einschätzen, sehen andere Verbesserungen.
Über Verbesserungen redet der Westen, auch Guido Westerwelle, gern. Viel entscheidender ist aber, was man verschweigt: Afghanische Polizei und Armee werden zwar größer. Ob sie aber auch besser werden, ist mehr als fraglich. Wer und ob überhaupt jemand die Sicherheitskräfte nach 2014 finanziert ist noch nicht geklärt. Afghanistans Wirtschaft hängt zu 92 Prozent an den Schläuchen des Westens. Wird diese lebenserhaltende Zufuhr gekappt oder verringert, droht der Kollaps.
Die Verhandlungen mit den Taliban - vermutlich tatsächlich der einzige Ausweg aus einer ausweglosen Lage - als stockend zu bezeichnen, hieße fast schon, die Dinge schönzureden. Und selbst aus Gegenden des Landes, die als an und für sich sicher gelten, berichten Insider, dass sich die ehemaligen Kriegsfürsten für das Abzugsjahr 2014 rüsten.
Und Pakistan, das die vielleicht allerschlimmste Nachricht, tut das sowieso. Ob man mit den Taliban reden will oder auch kämpfen - für beides braucht man den Atomwaffenstaat. Doch Pakistan macht keinerlei Anstalten, seine heimliche Allianz mit den Extremisten aufzugeben. Man brauche die Taliban doch noch, um eine Indien-freundliche Regierung in Afghanistan zu verhindern, wenn der Westen wieder so gut wie weg ist, denkt sich Islamabad.
Das alles heißt nicht, dass Afghanistans Schicksal bereits besiegelt ist. Aber es sieht doch eher nach einem mehr oder minder heftigen Bürgerkrieg nach 2014 aus, als nach Frieden am Hindukusch. Dass der Westen alles versucht, um diesen Eindruck zu vermeiden, ist nicht weiter überraschend. Der will sein Gesicht wahren - und dafür muss Afghanistan bei der Übergabe einigermaßen ansehnlich sein. Und wenn es das nicht ist, wird dem Land eben eine dicke Schicht Schminke aufgetragen. In Sachen Afghanistan-Kosmetik haben Militärs und Politiker bereits jetzt viel Übung.
Die Landesrundfunkanstalten der ARD: BR, HR, MDR, NDR, Radio Bremen, RBB, SR, SWR, WDR,
Weitere Einrichtungen und Kooperationen: ARD Digital, ARTE, PHOENIX, 3sat, KI.KA, DLF/ DKultur, DW