Kommentar

Debatte um Zentralabitur Feigenblatt statt Meilenstein

Stand: 25.04.2017 14:12 Uhr

In einigen Bundesländern bekommen Schüler viel einfacher eine sehr gute Note als andernorts. Viele empfinden das als ungerecht. Kann aber daran das neue Zentralabitur etwas ändern? Nicht wirklich. Es muss noch viel mehr getan werden.

Von Daniel Hechler, SWR

Die Analyse ist gleichermaßen angestaubt wie banal, aber noch immer richtig: Der Preis für das Abitur in Deutschland steigt oder fällt mit dem Wohnort. Mal müssen sich Schüler zur Hochschulreife quälen, mal wird sie ihnen hinterhergetragen. Es fällt jedenfalls schwer zu glauben, dass die galoppierende Inflation von Einser-Abiturzeugnissen in Ländern wie Berlin oder Thüringen allein der gewaltig gestiegenen Intelligenz der Schüler zuzuschreiben ist.

Schätzungen zufolge ist eine halbe Note Unterschied im Abiturschnitt zwischen zwei Bundesländern locker drin. Diese Form von Bildungsflickenteppich wird spätestens dann zur Ungerechtigkeit, wenn ein Schüler aus Bayern keinen Studienplatz bekommt, weil der Schüler aus Bremen mit dem besseren Notendurchschnitt den Vorzug bekommt.

Schließlich wird noch immer etwa jeder zweite Studienplatz zentral vergeben. Letztlich gibt es wohl niemanden, der das nicht als Missstand bezeichnen würde. Eine Umfrage unter Eltern vor drei Jahren hat so auch gezeigt: 92 Prozent von ihnen wünschen sich ein Zentralabitur.

Zu Reförmchen durchgerungen

Es hat eine gefühlte Ewigkeit gedauert, bis sich die Kultusminister 2012 zu einem Reförmchen hin zu mehr Zentralisierung durchringen konnten. Das löbliche Ziel: Das Abitur soll vergleichbarer und gerechter werden. Das Werkzeug: Ein zentraler Baukasten mit Aufgaben für Mathematik, Deutsch, Englisch und Französisch, aus denen sich die Länder bedienen können.

Grundlage sind einheitliche Standards für diese Fächer, zu denen sich die Kultusminister mühsam durchgerungen haben. Und ja, nun gibt es tatsächlich erstmals einen bundesweit gemeinsamen Termin für das schriftliche Abitur in Deutsch. Lob dafür kommt von allen Seiten, selbst von Lehrerverbänden und Elternbeiräten.

Ein Junge schreibt etwas an eine Schultafel. | Bildquelle: dpa
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Schulbildung in Deutschland: Wie gerecht geht es jetzt beim Abitur zu?

Ein Blick auf die Fakten raubt Illusion

Was aber ändert sich tatsächlich? Ein Blick auf die Fakten raubt jede Illusion: Die Aufgaben aus dem zentralen Baukasten machen gerade einmal fünf bis sieben Prozent der Abiturnote aus. Der Rest sind Zeugnisnoten in der Oberstufe und andere Abiturfächer. Die wenigen Prozentpunkte können allerdings auch noch Richtung Null zusammenschmelzen. Die Länder sind nämlich nicht einmal verpflichtet, sich auch tatsächlich aus dem gemeinsamen Fundus zu bedienen. Sie können weiterhin eigene Aufgaben konzipieren oder aber die zentralen nach Geschmack anpassen.

Letztlich entscheiden in der Regel ohnehin die Schüler, welche Aufgabe sie im Abitur auswählen. Bei der Bewertung der Leistungen haben die Länder auch in Zukunft weitgehend freie Hand. Und in naturwissenschaftlichen Fächern gibt es nicht einmal gemeinsame Bildungsstandards, geschweige denn einen gemeinsamen Instrumentenkasten.

Kurzum: Jedes Bundesland bastelt sich noch immer sein eigenes Abitur. Von einem Meilenstein, Durchbruch oder gar einer "Zeitenwende im deutschen Bildungsföderalismus“ zu sprechen, ist deshalb abwegig. "Feigenblatt" trifft es besser, oder - um es versöhnlicher auszudrücken - ein allzu zaghafter Trippelschritt hin zu einem fairen Abitur, das es in Deutschland im Jahr 2017 längst geben sollte.

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Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 25. April 2017 um 15:00 Uhr.

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