Interview

Interview mit Mojib Latif "Ein schwarzer Tag für die Klimaforschung"

Stand: 19.12.2009 14:52 Uhr

Nach dem Klimagipfel in Kopenhagen ist auch bei dem Klimaforscher Latif die Enttäuschung riesengroß. Ihm fehle langsam der Glaube, dass es irgendwann doch noch gelingt, ein verbindliches Abkommen zur Reduktion der Treibhausgase hinzubekommen, sagt er im Gespräch mit tagesschau.de.

tagesschau.de: Der Gipfel in Kopenhagen ist ohne den erhofften Vertrag zu Ende gegangen. Stattdessen nur eine Erklärung, die vom Gipfelplenum nur zur Kenntnis genommen wurde. Was halten Sie davon?

Mojib Latif: Das ist heute schon ein schwarzer Tag für die Klimaforschung, denn der Gipfel hat nicht gebracht, was man erwartet hat, geschweige denn verbindliche Reduktionsziele zu Senkung der Treibhausgase.

tagesschau.de: Wie geht es Ihnen als Klimaforscher an so einem Tag, ist die Enttäuschung groß?

Latif: Ich bin maßlos enttäuscht. Wenn man seit über 20 Jahren die Dringlichkeit des Klimaproblems immer wieder in der Öffentlichkeit vertreten hat, und dann kommt so ein mageres Ergebnis, dann ist das schon wirklich ein schwarzer Tag. Eigentlich kann man gar nicht von einem Ergebnis sprechen.

alt Klimaforscher Mojib Latif

Zur Person

Prof. Dr. Mojib Latif leitet den Forschungsbereich Ozeanforschung und Klimadynamik am Institut für Meereswissenschaften der Universität Kiel. Er hat viele wissenschaftliche Artikel und mehrere Bücher zum Thema Klimawandel geschrieben. Latif war auch als Mitautor an den Weltklimaberichten 2001 und 2007 beteiligt.

tagesschau.de: Nun wird man wahrscheinlich 2010 einen neuen Anlauf nehmen müssen. Was müsste denn passieren, damit die Bemühungen dann mehr Erfolg haben?

Latif: Die Blockadehaltung vieler Länder muss überwunden werden. Man spricht ja inzwischen von so einer Art Klimamikado. Das heißt, wer sich zuerst bewegt, der verliert, und alle warten letzten Endes auf den anderen. Die USA warten auf die Chinesen, die Chinesen warten auf die USA, die Europäer auf die anderen, und insofern geht nichts voran. Es muss hier wirklich einen Vorreiter geben, der ein eindeutiges, klares und couragiertes Reduktionsziel abgibt. Es wäre natürlich wünschenswert, wenn das die USA wären.

tagesschau.de: Sind solche Gipfel mit über 190 Ländern überhaupt in der Lage, das Problem zu lösen?

Latif: Wir haben wieder gemerkt, dass solche riesigen Gipfel eigentlich nicht geeignet sind, wirkliche Probleme zu lösen. Hier muss es Verhandlungen im kleinen Kreis geben, insbesondere zwischen den Amerikanern und den Chinesen, denn beide Länder zusammen verursachen ja rund 40 Prozent des weltweiten Treibhausgas-Ausstoßes. Sie sind in erster Linie gefordert, was zu tun.

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China ist der größte CO2-Produzent der Welt.

tagesschau.de: In Kopenhagen ging es ja sehr viel um das sogenannte Zwei-Grad-Ziel. Warum ist es denn so wichtig, dass alle Länder sich verbindlich darauf festlegen?

Latif: Die Wissenschaft geht davon aus, dass bei einer Erwärmung von zwei Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit bis zum Ende des Jahrhunderts bestimmte Schwellenwerte nicht überschritten werden. Bei deren Überschreitung würden unwiderrufliche Dinge eintreten, zum Beispiel das komplette Abschmelzen des grönländischen Eispanzers mit einem langfristigen Meeresspiegel-Anstieg um etwa sieben Meter weltweit. Zwei Grad sind aber nicht wenig, das muss man auch sehen. Das ist eine sehr, sehr starke Erwärmung, wenn man die letzten Jahrhundertausende betrachtet. Insofern ist das Zwei-Grad-Ziel ein pragmatisches Ziel, denn wir wissen, darunter werden wir es ohnehin nicht mehr schaffen.

tagesschau.de: Wie viel Zeit hat denn die Menschheit noch, das Ruder rumzureißen?

Latif: Das Scheitern in Kopenhagen ist sicher nicht das Ende der Welt, aber wir kommen ihm, um in diesem Bild zu bleiben, ein kleines Stückchen näher. Es wäre selbstverständlich immer noch in Ordnung, wenn im nächsten Jahr ein verbindliches Abkommen ratifiziert werden würde, aber ich habe jetzt die letzten 20 Jahre eigentlich immer das Gleiche gehört, dass im nächsten Jahr der Durchbruch gelingt. So langsam fehlt mir der Glauben.

Die Fagen stellte Dieter Westhoff, tagesschau.de

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