"Sea Watch 3" (Screenshot)

Reportage Was geschah an Bord der "Sea-Watch 3"?

Stand: 11.07.2019 16:13 Uhr

Das Sterben im Mittelmeer wurde lange verdrängt - "Sea Watch-3"-Kapitänin Rackete machte es wieder zum Thema. Reporter von STRG_F und Panorama waren mit an Bord und erzählen die Geschichte hinter den Schlagzeilen.

Von Johannes Edelhoff, Nadia Kailouli und Jonas Schreijäg, NDR

Als die "Sea-Watch 3" an der Kaimauer des Hafens von Lampedusa anlegt, bricht Applaus los. Dazwischen dringen Buhrufe. Kapitänin Carola Rackete steht auf der Brücke, reckt die Arme hoch in Siegerpose. Unten auf der Mole beschimpft eine Italienerin Rackete als "Menschenhändlerin": "Ihr müsst sie sofort verhaften. Das ist meine Insel", schreit sie. Kurz danach verlässt die Kapitänin als erste das Schiff und wird festgenommen. Der Vorwurf: Schlepperei.

Junge Kapitänin gegen italienischen Rechtspopulisten

Carola Rackete ist in 17 Tagen auf See zu einer Ikone geworden. Gleichzeitig zieht sie Hass auf sich. Ihr Foto war auf dem Cover des "Spiegel", in der "New York Times", Tausende gingen für sie auf die Straße, demonstrierten, der italienische Innenminister Matteo Salvini twittert zigfach über sie und hat sie als seine Lieblingsfeindin auserkoren.

Doch wie konnte eine 31-Jährige aus Hambühren bei Celle zu einer Art Greta der "Willkommenskultur" werden und gleichzeitig "Staatsfeind Numero Uno" für italienische Rechtspopulisten? Die linke Kapitänin gegen den italienischen Macho-Rechtspopulisten - prägnanter kann ein Gegensatz kaum sein.

Die Geschichte hinter den Schlagzeilen

Wer Rackete ist, was an Bord geschah, wie sie sich verändert hat, haben die STRG_F- und Panorama-Reporter Nadia Kailouli und Jonas Schreijäg dokumentiert. Sie waren die komplette Zeit auf der "Sea-Watch 3" dabei, filmten Crewmeetings, drehten, als die italienischen Behörden an Bord kamen, sprachen mit den Flüchtlingen.

Flüchtlinge an Bord der "Sea Watch 3" (Screenshot)
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Die Flüchtlinge mussten an Bord ausharren, bis Kapitänin Rackete Lampedusa ansteuerte

Die Reporter konnten Situationen einfangen, die die Geschichte hinter den Schlagzeilen erzählen - etwa als italienische Beamte an Bord kommen, die, fast demütig vor Scham, Rackete ein Dekret des italienischen Innenministers Salvini überreichen. Darin steht, dass sie mit einer hohen Geldstrafe rechnen muss, sollte sie in italienische Territorialgewässer einfahren.

"Ich glaube, denen hat das fast leid getan", kommentiert Rackete die Szene: "Man hatte nicht den Eindruck, dass diese Schritte, die da jetzt kamen oder kommen, von denen persönlich böse gemeint sind. Die führen halt das aus, was hier vom Innenministerium gemacht wird."

"Ich fahre jetzt in den Hafen, over"

Ein europäisches Land nach dem anderen duckt sich weg. Malta, Frankreich, die Niederlande, Italien - all diese Länder bittet die "Sea-Watch-3" um Hilfe, doch kein Land übernimmt Verantwortung für die Überlebenden der Seenotrettung. Als sie nicht mehr an eine politische Entscheidung glaubt, entscheidet sich Rackete dafür - ohne Erlaubnis - in italienisches Hoheitsgebiet einzulaufen. Dafür nimmt sie eine hohe Strafe in Kauf.

"Ich fahre jetzt in den Hafen, ich fahre jetzt in den Hafen, over", gibt sie per Funk an die italienischen Behörden vor Lampedusa durch. "Stoppen Sie Ihren Motor", schallt es aus dem Funkgerät zurück, doch Rackete bleibt stur, fährt weiter. Als ein italienisches Schiff den Liegeplatz blockiert, touchiert Rackete es und drängt es gegen die Kaimauer.

Ein italienischer Beamter springt von Bord an Land. Rackete hat wohl gar nicht bemerkt, dass sie ein Schiff gerammt hat. "Das hat ordentlich gekracht", sagt ihr ein Crewmitglied. "Ich habe gar nichts gehört", antwortet Rackete.

Seenotrettung wieder in den Fokus gerückt

Für Rackete selbst hat ihre Popularität auch etwas Befremdendes, verrät sie den Reportern. Denn das Besondere ist, dass an Racketes Mission eigentlich kaum etwas Besonderes war. Rettungseinsätze im Mittelmeer gibt es ständig, nur in den Medien kommen die seit langem kaum noch vor.

Flüchtlinge in Schlauchboot (Screenshot)
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Die Rettungseinsätze im Mittelmeer fanden kaum noch mediale Beachtung - bisher.

Die Politik beschäftigt sich so gut wie gar nicht mehr mit der Frage, wie wir mit den Flüchtlingen aus Afrika umgehen. Das komplizierte Problem ist nicht im Ansatz gelöst. Flüchtlinge werden nur noch von der libyschen Küstenwache gerettet, die sie zurück in ein Bürgerkriegsland bringt, in dem ihnen laut UNHCR (United Nations High Commissioner for Refugees), Amnesty International und Auswärtigem Amt Folter und Vergewaltigung drohen.

Rackete hat das wieder in den Fokus gerückt. Das ist keine Lösung, aber ein notwendiger Anfang.

Diesen und weitere Beiträge sehen Sie heute, am Donnerstag um 21.45 Uhr bei Panorama im Ersten.

Über dieses Thema berichtete Panorama am 11. Juli 2019 um 21:45 Uhr.

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