Videokassetten | Bildquelle: NDR

Missbrauchsfall Lügde Weitere Datenträger aufgetaucht

Stand: 15.04.2019 18:49 Uhr

Neue Vorwürfe gegen die Ermittlungsbehörden im Missbrauchsfall Lügde: Es gibt Widerspruch zu Angaben der Polizei, und es sind weitere Datenträger aufgetaucht.

Von Britta von der Heide, Barbara Jung und Jana Stegmann, NDR

Abrissunternehmer Christopher Wienberg kann es nicht fassen: Schon wieder Datenträger gefunden. Diesmal mehr als zehn VHS-Kassetten. Es ist schon das dritte Mal, dass er im Schutt der Behausung des Hauptverdächtigen im Missbrauchsfall von Lügde Materialien entdeckt - Materialien, auf denen sich eventuell weitere Beweise für den mutmaßlich tausendfachen Missbrauch an Kindern befinden könnten. Wieder ruft der 29-jährige Abrissunternehmer bei der Polizei an, er zittert, ist außer sich: "Was soll ich denn jetzt machen?", sagt er.

Wienberg vom CAW Abbruchunternehmen in Bad Pyrmont ist seit Tagen nicht gut auf die Polizei zu sprechen. Schon in der vergangenen Woche hatten er und seine Mitarbeiter fünf Datenträger entdeckt, als sie einen abgebrochenen Teil der Behausung in einen Container luden. Sie hatten die Polizei gerufen und die Datenträger den Beamten übergeben. Auf eine Anfrage von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" gab die Polizei anschließend bekannt, bei den Abrissarbeiten sei zwischen zwei Bodenplatten ein Hohlraum freigelegt worden. Dort sollen sich die Datenträger befunden haben. Doch das habe er so niemals gesagt, beteuert der Unternehmer: "Ich möchte das hier noch mal ganz klar unterstreichen, dass wir diese Aussage niemals getätigt haben."

Weitere Datenträger in Lügde gefunden
morgenmagazin, 16.04.2019, Stella Peters, NDR

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"Es geht um jedes einzelne Opfer"

So oder so stellt sich die Frage, wieso diese Datenträger nicht bei einer der zahlreichen vorausgegangenen Durchsuchungen der Parzelle gefunden worden waren. Laut Polizei wurde die Tatortarbeit nach höchsten Standards - analog zur Tatortarbeit bei Mord und Totschlag - durchgeführt. Die Polizei habe dabei jedoch keine Gewalt angewendet. Eine Zerstörung der Behausung sei vom richterlichen Durchsuchungsbeschluss nicht gedeckt und somit für Polizei und Staatsanwaltschaft aus rechtlichen Gründen nicht zulässig gewesen.

Polizeibeamte der Spurensicherung | Bildquelle: dpa
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Die Tatortarbeit sei nach höchsten Standards erfolgt, so die Polizei.

Nach Auffassung des Anwaltes Roman von Alvensleben, der ein achtjähriges Opfer vertritt, sei die Ausübung von Gewalt bei der Durchsuchung des Bretterverschlags zum Auffinden von Beweismaterial gerade wegen der Schwere der Tatvorwürfe gerechtfertigt gewesen: "Die Tatsache, dass immer noch Beweismittel aufgefunden werden, führt mich zu der Bewertung, dass hier scheinbar immer noch der Umfang des notwendigen und erforderlichen Einsatzes verkannt werden. Es ist nicht ausreichend zu sagen, wir haben schon genug Beweismittel. Es geht um jedes einzelne Opfer und sein Bedürfnis nach Aufklärung."

"Verdacht auf eine ungewöhnlich fehlerhaft agierende Polizei"

Gegenüber NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" gab zudem die Mutter einer Opferfamilie an, dass sie im Januar und Februar 2019 mehrmals bei der Kriminalpolizei Detmold ausgesagt habe, dass der Beschuldigte Andreas V. ihr im Gespräch erzählt habe, wo man am besten Geld oder Wertsachen verstecken könne - und zwar in der Hausdämmung, hinter der Revisionsklappe der Badewanne, in Hohlräumen oder auch, wenn man den Boden hochnehmen kann, in einem Hohlraum darunter. Die Polizei habe ihr versichert, man kümmere sich darum. Zur Nachfrage, warum bei den Durchsuchungen der Behausung von Andreas V. auf dem Campingplatz diesen Hinweisen nicht nachgegangen worden sei, äußerte sich die Polizei heute nicht.

Ein Absperrband ist vor einem Gebäude auf dem Campingplatz in Lügde zu sehen. | Bildquelle: dpa
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Laut einer Aussage bei der Polizei hatte der Verdächtige konkrete Hinweise für Verstecke gegeben.

"Der Verdacht auf eine ungewöhnlich fehlerhaft agierende Polizei vor Ort lässt sich nicht von der Hand weisen", sagt Georg Prüfling, ehemaliger Leiter des Erkennungsdienstes in Bonn und Dozent für "Tatortinspektion" an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Die Strafprozessordnung gebe den Ermittlungsbehörden eine Vielzahl an Ermächtigungen zur Sicherung und Suche von Beweismitteln an die Hand.

Neun Container mit Müll bereits vernichtet

Der Abrissunternehmer Wienberg äußerte zudem Verwunderung darüber, dass die Polizei den Abriss nicht begleitete. Auch nach den erneuten Funden von Datenträgern nicht. "Die ganze Parzelle war bebaut von vorne bis hinten, es waren abgehangene Decken vorhanden, die Fußböden waren teilweise mit drei verschiedenen Belägen verkleidet. Und ja, das hat uns am Anfang schon gewundert, dass da niemand dabei ist, der das begleitet."

Heute Morgen schien es zunächst so, als würde die Polizei den Abtransport doch noch begleiten: Die Polizei Bielefeld hatte Wienberg angerufen und gebeten, für die beiden letzten Container einen Abladeplatz zu finden. Man wolle noch mal den Schutt durchsuchen, teilten die Beamten mit. Wienberg suchte einen geeigneten Platz. Doch wenig später kontaktierte die Polizei Bielefeld ihn erneut: Kommando zurück, sie kämen nicht mehr vorbei, die beiden Container könnten entsorgt werden. Zu diesem Zeitpunkt waren neun Container voller Schutt, Müll und sonstigem Kram mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits in einer Müllverbrennungsanlage vernichtet worden.

Polizeibeamte auf dem Campingplatz in Eichwald | Bildquelle: dpa
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Nach Angaben Wienbergs waren beim Abriss keine Polizisten anwesend.

VHS-Kassetten von der Polizei abgeholt

Die Polizei hatte den Tatort am 27. März freigegeben. Danach drängte der Besitzer des Campingplatzes, Frank Schäfsmeier, darauf, dass die Parzelle geräumt wird. Nach Informationen von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" willigte der Beschuldigte Andreas V. ein, sodass der Abriss in der vergangenen Woche beginnen konnte. Für Staatsanwaltschaft und Polizei bestand laut eigenen Angaben keine Veranlassung, Beamte tagelang für eine Beobachtung der Abrissarbeiten abzustellen oder selbst auf Kosten der Steuerzahler einen Abriss vorzunehmen.

Die Polizei gab heute bekannt, man habe bisher keine Hinweise auf weitere Opfer auf den Datenträgern finden können. "Aufgrund von Beschädigungen lässt sich aktuell lediglich eine CD teilweise auslesen", heißt es in dieser Mitteilung. Deren Daten seien aber "nicht relevant". Die Behörden bleiben auch bei ihrer Version, dass die Datenträger in einem doppelten Boden im Wohnwagen des Verdächtigen versteckt gewesen sein sollen.

Die heute gefundenen VHS-Kassetten ließ die Polizei mittlerweile abholen. Abrissunternehmer Wienberg wird sein Einsatz auf dem Campingplatz in Lügde noch lange beschäftigen.

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