Schweißarbeiten
Datenanalyse

Coronavirus Kurzarbeit in jedem dritten Betrieb

Stand: 30.04.2020 14:09 Uhr

Aufgrund der Corona-Krise sind so viele Menschen von Kurzarbeit bedroht wie noch nie zu vor. Das zeigt eine NDR-Datenanalyse, in der unter anderem auch die jetzigen Zahlen mit denen der Finanzkrise 2008/2009 verglichen werden.

Von Robin Hollstein und Marvin Milatz, NDR

Noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik haben Unternehmen derart viel Kurzarbeit angezeigt, wie aktuell. Wie plötzlich und heftig die Corona-Pandemie die deutsche Wirtschaft traf, zeigen die am Donnerstag veröffentlichten Zahlen der Bundesagentur für Arbeit: Im April wurden 7,5 Millionen Beschäftigte von ihren Arbeitgebern als potentiell von Kurzarbeit Betroffene genannt. Selbst in den Rekordmonaten der Finanzkrise 2008/09 wurde nur rund ein Zehntel dieses Wertes erreicht. Zusammen mit den Anzeigen aus dem März sind in Deutschland sogar rund zehn Millionen potenziell von Kurzarbeit betroffen.

Am stärksten gilt das aktuell für Betriebe in Bremen. Dort sind mehr als ein Drittel aller sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmer für Kurzarbeit angezeigt worden, gefolgt von Thüringen (32,2 Prozent) und Sachsen (31,8 Prozent). Am wenigsten Kurzabeit haben Berlin (21,75 Prozent), Sachsen-Anhalt und Brandenburg (beide rund 24 Prozent) angezeigt.

Die Zahl der Anzeigen zur Kurzarbeit wuchs so stark, dass rund 8500 Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeiter zurzeit die Antragsflut abarbeiten - 14-mal mehr als im Normalfall. Die Bundesagentur musste sogar Amtshilfe aus anderen Behörden anfordern. Dabei gilt zu beachten, dass die angemeldete Kurzarbeit nicht der tatsächlich realisierten Kurzarbeit entspricht. Unternehmen entscheiden nach Auftragslage, inwiefern sie den angemeldeten Rahmen ausschöpfen - die Daten dazu werden erst in gut einem halben Jahr vorliegen.

Die wirtschaftlichen Einbrüche "in der Finanzkrise waren kräftig, aber nicht so abrupt" wie in der Corona-Krise, sagt Claus Michelsen, Abteilungsleiter für Konjunkturpolitik beim Institut für Wirtschaftsforschung DIW. Vor allem der Beschluss der Bundesregierung, weitreichende Teile des gesellschaftlichen Lebens herunterzufahren, habe dazu geführt, dass ganze Berufszweige keinerlei oder stark geminderte Einnahmen hatten.

Finanzkrise kam weniger plötzlich

Die Finanzkrise hingegen begann zunächst im Bankensektor und erreichte erst nach und nach Handel und produzierendes Gewerbe. Viele Betriebe hatten damals mehr Zeit, um die Krise und sinkende Nachfrage zu bewerten und sich zu überlegen, wann und in welchem Umfang Kurzarbeit eine Lösung für ihr Unternehmen sein kann. Anders bei Corona: Bis Ende März 2020 wurde die fünffache Anzahl der Kurzarbeits-Anzeigen aus dem gesamten Krisenjahr 2009 erreicht.

"Viele Unternehmen, werden allein schon aus Vorsicht, Kurzarbeit angezeigt haben", sagt Michelsen. "So können sie im Falle des Falls zügig reagieren." Nach der Anzeige haben Unternehmen in den folgenden zwölf Monaten die Möglichkeit, Kurzarbeit zu realisieren. Zudem hat die Bundesregierung die Regeln für Kurzarbeit gelockert: Seit dem 1. März haben Unternehmen rückwirkend die Möglichkeit Kurzarbeit anzuzeigen, wenn mindestens zehn Prozent der Belegschaft von Arbeitsausfall betroffen sein könnten. Vorher musste dieser Anteil dreißig Prozent betragen. Die neue Regelung gilt vorerst bis Ende des Jahres.

Kurzarbeit in jedem dritten Betrieb

Eine Umfrage des ifo Instituts vom 23. April beziffert den Anteil der Unternehmen, die Kurzarbeit fahren auf 50 Prozent. Die Bundesagentur für Arbeit schätzt die Zahl niedriger ein. In Deutschland habe bis Ende April knapp jeder dritte Betrieb Kurzarbeit angezeigt. Berechnungen der Agentur zufolge schicken Unternehmen in der Regel rund ein Drittel der angemeldeten Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen auch tatsächlich in Kurzarbeit. Eine konservative Schätzung des NDR ergab, dass in der Finanzkrise 2009 mindestens 40 Prozent der angezeigten Kurzarbeit realisiert wurde.

Die Bundesagentur für Arbeit verzeichnet seit der zweiten April-Hälfte allerdings bereits einen Anzeigenrückgang. "Wir gehen davon aus, dass der Peak der Kurzarbeit in Folge des Lockdowns sehr schnell erreicht wird", sagt Sebastian Link, Arbeitsmarktexperte am Münchener ifo Institut, im Gespräch mit dem NDR. "Daher dürfte die Kurzarbeiterzahl auch wieder zurückgehen, wenn verschiedene Wirtschaftsbereiche nacheinander wieder geöffnet werden."

Von Ost-West-Gefälle zu West-Ost-Gefälle

Im Ländervergleich zeigen die April-Daten ein deutliches West-Ost-Gefälle. Im März war das noch umgekehrt. Die Gründe dafür fänden sich sowohl in der Sozial- als auch der Unternehmensstruktur, sagt DIW-Konjunkturpolitikexperte Michelsen. Besonders die Dienstleistungsunternehmen in den Städten sind "flexibler und haben eher die Möglichkeit von zuhause aus zu arbeiten, um auf die Krise zu reagieren". Die Wucht der Corona-Krise scheint indes im April jetzt auch die Städte erreicht zu haben, zumindest was die Sorge der Unternehmen angeht, dass ihre Mitarbeiter bald nicht mehr voll arbeiten können.

Gastgewerbe mit drastischen Einschnitten

Das Gastgewerbe und der Einzelhandel sind durch die Maßnahmen der Bundesregierung mit drastischen Einschnitten konfrontiert. Allein im April ist die Anzahl der genannten Arbeitnehmer*innen in der Gastronomie 22-mal so hoch wie die Summe der vergangenen zwölf Jahre. Zahlreiche Wirtschaftssektoren waren in der Finanzkrise bei weitem nicht so betroffen.

Arbeitsagentur hat vorerst ausreichende Rücklagen

Die Finanzkrise hat die Bundesagentur zwischen 2009 und 2012 insgesamt rund 23 Milliarden Euro an konjunkturellen Mitteln gekostet. Davon waren fünf Milliarden Euro Teil eines Bundeszuschusses. Für das Kurzarbeitergeld, sowohl die Sozialleistungen als auch die anteiligen Gehaltszahlungen, sind davon 8,5 Milliarden verwendet worden.

Laut der Bundesagentur für Arbeit wurden jetzt zusätzlich zehn Milliarden für das Kurzarbeitergeld in diesem Jahr eingeplant. Zudem belaufen sich die konjunkturellen Rücklagen, welche beispielsweise auch für das Arbeitslosengeld gebraucht werden könnten, noch auf 26 Milliarden Euro. Würden diese aufgebraucht werden, wäre der Bund gesetzlich zu einem Zuschuss verpflichtet. Aktuelle Schätzungen belaufen sich auf Kosten in Höhe von zwölf Milliarden, aber diese sind zum jetzigen Zeitpunkt noch sehr ungenau. Der weitere Verlauf der Krise ist noch nicht abzusehen.

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 30. April 2020 um 12:00 Uhr.