Ein Absperrband um ein Auto und einen Wohnwagen auf dem Campingplatz Lügde.

Missbrauchsfall Lügde Konkrete Spur schon vor 17 Jahren

Stand: 26.06.2019 16:00 Uhr

Einer der Verdächtigen im Missbrauchsfall von Lügde geriet bereits 2002 ins Visier der Polizei. Doch trotz eindeutiger Zeugenaussagen verliefen die Ermittlungen offenbar im Sande.

Von Britta von der Heide, NDR, und Arne Hell, WDR

Der mutmaßliche Täter Andreas V. vom Campingplatz Lügde hätte wohl schon vor knapp 20 Jahren gestoppt werden können. Doch die Behörden verfolgten schon damals konkrete Hinweise auf den Mann nicht.

Bisher war nur bekannt geworden, dass der Name Andreas V. bei der Polizei Lippe 2002 in einer inoffiziell geführten Liste stand, in der Hinweise auf Sexualstraftaten gesammelt wurden. Recherchen von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" zeigen, wie es dazu kam. Und wie die Strafverfolgungsbehörden in dem Fall einer inzwischen Mitte-20-jährigen Frau die Chance verstreichen ließen, den Mann bereits damals zu überführen.

Mädchen offenbart sich seiner Mutter

Die damals vierjährige Annika (Name geändert) war Ende der 1990er-Jahre mit ihrer Mutter auf dem Campingplatz von Lügde. Schon damals soll Andreas V. Kinder um sich geschart haben, für Freizeitaktivitäten und Ausflüge. Auch Annika war oft dabei.

NRW-Landtag setzt einen Tag vor Prozessbeginn Untersuchungsausschuss ein
tagesschau 16:00 Uhr, 26.06.2019, Svea Eckert, NDR

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An einem Tag kehrte sie zu ihrer Mutter zurück und erklärte: "Mama, Penis lecken schmeckt nicht". Die Mutter ist alarmiert, verbietet ihrer Tochter, dort wieder hinzugehen. Sie habe den Campingplatzwart aufgesucht und von der Begebenheit berichtet. Seine Reaktion soll gewesen sein: Das könne er sich nicht vorstellen, für "Addi würde er seine Hand ins Feuer legen". Heute sagt der Campingplatzwart dazu, von so einem Vorfall wisse er nichts.

Anzeige erst zwei Jahre später

Zwei Jahre später stellte die Mutter Strafanzeige gegen ihren Ehemann. Sie verdächtigte ihn des Missbrauchs an der Tochter. In der Anzeige beschrieb sie aber auch die Situation auf dem Campingplatz und berichtet der Polizei, dass ihre Tochter gesagt habe, das sei der "Addi" gewesen. Sie hielt in der handschriftlichen Anzeige fest, was die Tochter ihr auf dem Campingplatz gesagt habe: "Mama, Penis lecken schmeckt nicht".

Der damalige Staatsanwalt folgte nur einer von zwei Spuren - nämlich der Spur, dass der Vater das Kind missbraucht habe. Andreas V. blieb unbehelligt. Dazu erklärt Oberstaatsanwalt Ulrich Bremer von der Staatsanwaltschaft Köln: "Nur wenn ein Anfangsverdacht wegen einer Straftat vorliegt, darf die Staatsanwaltschaft Ermittlungen aufnehmen. Und die vagen Vermutungen, die die Mutter zunächst mal in Richtung des Unbekannten vom Campingplatz geschildert hat, haben eben aus Sicht der Staatsanwaltschaft nicht ausgereicht, um eben diesen Anfangsverdacht zu begründen."

Anwalt sieht Versagen der Anklage

Für den renommierten Strafrechtler Johann Schwenn ist das ein klarer Fehler. "Es mag Grenzfälle geben bei bestimmten Vorwürfen, bei denen es vielleicht von einer Nuance abhängt." Hier aber gehe es nicht um Nuancen: "Hier hat ein Kind einen eindeutig strafbaren Sachverhalt behauptet, hat einen möglichen Täter genannt - und damit hatte die Staatsanwaltschaft die Verpflichtung die Ermittlungen aufzunehmen und dann auch durchzuführen."

Schwenn erklärt, es habe genug Anhaltspunkte gegeben: "Es ist die Rede von einem Campingplatz in Elbrinxen in der Nähe von Bad Pyrmont. Den zu finden wäre wahrscheinlich keine Kunst gewesen. Und da Camper, nehme ich mal an, häufig per Du miteinander umgehen, wird man auch sehr schnell klären können, wer denn dieser Addi sein soll."

Weitere Anzeige bleibt offenbar folgenlos

Zwei Jahre später gab es die nächste Chance, Andreas V. zu stoppen. Diesmal bekräftigte Annikas Vater die Vorwürfe gegen Andreas V. vom Campingplatz Lügde. Er schilderte erneut, Andreas V. sei verantwortlich für den Missbrauch auf dem Campingplatz. Diesmal - im Jahr 2002 - wurde ein offizielles Verfahren eingeleitet und an die zuständige Staatsanwaltschaft Detmold weitergegeben.

Doch was ist aus dem Verfahren geworden? Wurde Andreas V. aufgesucht, befragt? Gab es eine Durchsuchung? Ob überhaupt ermittelt wurde, will die Staatsanwaltschaft Detmold heute auf Anfrage nicht sagen. Auch zu der Frage, ob und wann das Verfahren eingestellt worden ist, schweigt sie.

Fall Annika nun doch vor Gericht

Es ist die Staatsanwaltschaft, die jetzt, 17 Jahre später, gegen Andreas V. wegen schweren sexuellen Missbrauchs in 298 Fällen Anklage erhoben hat. Heute schätzt die Polizei Annikas Aussage als "äußerst glaubhaft" ein. Ihr Fall gehört zu denen, die Andreas V. vor Gericht vorgeworfen werden.

Annikas Schicksal ist nicht der einzige Fall, an dem sich zeigt, dass Behörden nicht konsequent gehandelt haben. Schon 2016 war die Polizei Hinweisen nicht ausreichend nachgegangen, 2008 hatte es eine Anzeige gegen Andreas V. gegeben. Übrig geblieben ist lediglich ein Vermerk in einer inoffiziellen Liste der Polizei Detmold. Hier wurde Andreas V. als möglicher Sexualstraftäter festgehalten.

NRW-Innenminister Reul fordert Aufklärung

Herbert Reul | Bildquelle: picture alliance / Sven Simon
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NRW-Innenminister Reul ist "fassungslos" über die Vorgänge.

"Mein Empfinden ist da relativ klar. Ich bin da fassungslos und finde es schade, fürchterlich, dass das so gelaufen ist", erklärt Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul gegenüber NDR, WDR und SZ. "Was aus diesen weiteren Hinweisen in der Vergangenheit geworden ist, konnten wir bisher noch nicht aufklären. Da kümmert sich jetzt die Staatsanwaltschaft darum. Es wäre natürlich schlimm, wenn das Leid der Kinder noch früher hätte gestoppt werden können."

Ob zwei oder sieben übersehene Hinweise - eigentlich sei jeder einzelne übersehene oder nicht richtig bearbeitete Hinweis einer zu viel, sagt Reul. "Das muss jetzt alles sehr sorgfältig aufgeklärt und aufgearbeitet werden. Und dann müssen vor allem Lehren daraus gezogen werden. Das gilt übrigens nicht nur für die Polizei, sondern auch für die anderen betroffenen Behörden."

Prozess beginnt am Donnerstag

Am Donnerstag beginnt der Prozess gegen drei Angeklagte vor dem Landgericht Detmold. Andreas V., Mario S. und Heiko V. werden insgesamt 450 Einzeltaten vorgeworfen. Der Verteidiger von Mario S., Jürgen Bogner, erklärte gegenüber NDR, WDR und SZ, er erwarte von seinem Mandanten eine geständige Einlassung. Abgesprochen sei ein Geständnis durch Verlesung des Anwalts sowie eine persönliche Ansprache des Mario S..

Die ARD sendet heute um 23 Uhr in der Sendereihe Die Story im Ersten die Dokumentation "Lügde - die Kinder, die keiner schützte".

Missbrauchsfall Lügde - Vorbericht zur Doku in der ARD (26.6.)
Arne Hell, WDR
26.06.2019 12:00 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 26. Juni 2019 um 16:00 Uhr.

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Arne Hell, WDR

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