Ein Teilnehmer der Europawahlversammlung der Alternative für Deutschland mit einer AfD-Kappe sitzt vor seinem Smartphone | Bildquelle: dpa

Social-Media-Analyse Rechte Nutzer dominieren Diskurs

Stand: 08.05.2019 06:01 Uhr

Eine Minderheit rechter Nutzer dominiert politische Diskussionen in Sozialen Netzwerken. Eine Untersuchung zeigt, wie sie vorgehen und offenbart die Ohnmacht vieler Parteien im digitalen Europawahlkampf.

Von N. Altland, P. Eckstein, L. Kampf, E. Kuch und J. Strozyk, NDR/WDR

Den demokratischen Parteien droht vor der Europawahl der Diskurs im Netz zu entgleiten. Regelmäßig schafft es eine verhältnismäßig kleine Gruppe rechter Nutzer, eigene Themen in den Mittelpunkt der Debatte zu stellen. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung der Social-Media-Analysefirma Alto in Zusammenarbeit mit NDR und WDR, die etwa 9,65 Millionen deutschsprachige Beiträge in Sozialen Netzwerken untersucht hat.

Dabei fanden die Analysten heraus, dass gut 47 Prozent der politischen Diskussionen eine thematische Verbindung zur AfD und zu rechten Themen hatten, obwohl die Gruppe der rechten Unterstützer nur rund zehn Prozent der Nutzer ausmacht. In den Beiträgen, die explizit die deutschen Parteien thematisieren, wurde die AfD in rund einem Drittel der Fälle genannt. Diese Zahl beinhaltet sowohl positive als auch kritische Auseinandersetzungen mit der Partei.

Facebook-Profil der AfD-Fraktion im Brandenburgischen Landtag | Bildquelle: picture alliance / Frank May
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Vor allem der AfD gelingt eine hohe Reichweite in den Sozialen Medien.

Kaum Akzente von CDU und SPD

Alle übrigen im Bundestag vertretenen Parteien und ihre Themen schaffen es nur auf 23 Prozent der Beiträge. Und das, obwohl die prozentual größte Gruppe - Nutzer, die mit linken Themen sympathisieren - 37 Prozent der gesamten untersuchten Nutzermenge ausmacht.

Die Unterstützer der Regierungskoalition aus CDU und SPD machen gut 18 Prozent der Nutzer aus. Sie schaffen es aber kaum, Akzente in der politischen Debatte zu setzen - obwohl sie, wie etwa die SPD, ihre digitale Wahlkampfstrategie ausgebaut und mehr Mitarbeiter eingestellt haben.

SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil sagte im Interview mit NDR und WDR: "Es ist für Populisten immer einfacher, sich im Netz zu bewegen, wir haben dort sehr viel Schwarz-Weiß-Diskussion, ein reines Dafür oder Dagegen - gerade in dieser Zugespitztheit sehen wir, dass die AfD profitiert"

Die Social-Media-Analyse

Das Big-Data-Unternehmen Alto Analytics hat im Rahmen der Untersuchung in einem dreimonatigen Untersuchungszeitraum 9,65 Millionen Beiträge von 756.000 Nutzern analysiert. Etwa 80 Prozent der Beiträge wurden auf der Social-Media-Plattform Twitter veröffentlicht, die Übrigen auf Facebook, Youtube und Instagram. Ziel der Analyse war es, den politischen Diskurs im deutschsprachigen Raum zu untersuchen.
NDR und WDR sind in Deutschland Medienpartner des Projekts zur Europawahl. Geld haben die Medien für die Auswertungen nicht gezahlt. Die Ergebnisse stehen den Reportern vorab zur Verfügung. Alto veröffentlicht auf seiner eigenen Internetseite weitere Informationen zur Methodik der Untersuchung. Das Projekt wird unterstützt von der Mozilla Foundation, der Open Society Fundation und der Luminate-Gruppe des eBay-Gründers Pierre Omidyar.

Vor allem AfD-Politiker einflussreich

Die Analyse offenbart ein weiteres Problem der Parteien: Unter den 30 einflussreichsten Nutzern im Auswertungszeitraum befindet sich mit Heiko Maas nur ein SPD-Bundestagsabgeordneter, vom Koalitionspartner CDU schafft es kein Abgeordneter in die Liste. Die Grünen und die FDP rangieren mit Christian Lindner und Cem Özdemir auf den hinteren Plätzen. Die AfD hingegen schafft es mit mehreren Abgeordneten in die Rangliste.

Der Einfluss eines Nutzers im Sinne der Untersuchung ergibt sich aus der eigenen Reichweite und der Reichweite derjenigen Nutzer, die mit dessen Beiträgen interagieren. Daraus lässt sich schließen, dass die Abgeordneten der im Bundestag vertretenen Parteien - von der AfD abgesehen - nur ungenügend in direkte Kommunikation mit anderen Nutzern auf den sozialen Medien treten - beziehungsweise dass die dort veröffentlichten Beiträge nur unzureichende Aufmerksamkeit bekommen.

Wie die Themensetzung funktioniert, zeigt ein Beispiel aus dem Dezember 2018: Der AfD-Bundessprecher Jörg Meuthen teilte einen Beitrag dazu, dass die Schweizer Schokoladenmarke Toblerone als halal - also mit muslimischen Speisevorschriften vereinbar - zertifiziert worden sei. Meuthen kritisiert den Hersteller dafür.

Unmittelbar danach verbreitet sich dieser Vorwurf bei Twitter und nur wenig später veröffentlichen Medien wie die FAZ, der BR und sogar CNN Artikel dazu und verweisen auf Meuthen. Die Untersuchung zeigt außerdem, wie rechte Gruppen sich eigener Portale bedienen, um die politische Debatte zu beeinflussen.

Automatisch gesteuerte Accounts

Dabei helfen mutmaßlich auch Nutzerkonten, deren Veröffentlichungsmuster auf eine automatische Steuerung hindeutet. Die Analyse macht insgesamt 168 Nutzer aus, die nach Ansicht der Autoren "abnormale Aktivitäten" aufweisen, also statistisch auffällig häufig posten. Der Spitzenreiter hat im Beobachtungszeitraum mehr als 18.000 Beiträge veröffentlicht.

Obwohl diese 168 Nutzer weniger als 0,1 Prozent aller Accounts ausmachen, sind sie für rund jeden zehnten Beitrag verantwortlich. Dreiviertel dieser "abnormalen" Nutzerkonten werden der rechten Gruppe zugeordnet. Die Auswertung gibt keine Hinweise darauf, dass die AfD diese Konten selbst steuert oder Kontrolle darüber hat.

Die AfD erklärte auf Anfrage: "Die Sozialen Medien sind uns wichtig, deren Einfluss auf die Wahlen ist jedoch nicht messbar. Die AfD-Mitglieder teilen was ihnen wichtig ist von selbst." Desinformationskampagnen ignoriere die Partei, sofern nicht "widerrechtlich Markenzeichen der AfD eingesetzt werden".

Die Ergebnisse der Auswertung reihen sich ein in vergleichbare Untersuchungen, die ebenfalls belegen, wie stark rechte Themen den Diskurs auf sozialen Plattformen bestimmen.

Rechte dominieren Social-Media-Diskurs
Philipp Eckstein, NDR
08.05.2019 11:48 Uhr

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Über dieses Thema berichtete das NDR Fernsehen in der Sendung "Zapp" am 08. Mai 2019 um 23:20 Uhr.

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