Flughafen BER | Bildquelle: ADAM BERRY/EPA-EFE/REX

Baumängel am Berliner Flughafen Das Problem mit den Dübeln

Stand: 09.05.2019 23:31 Uhr

Eigentlich sollten beim Berliner Großflughafens BER keine weiteren Bauarbeiten mehr notwendig sein. Doch nun müssen doch aufwändige Umkonstruktionen erfolgen, berichtet ein Insider. Die planmäßige Inbetriebnahme ist in Gefahr.

Von Tina Friedrich, Boris Hermel, Chris Humbs und Susanne Katharina Opalka, rbb

Es gleicht einer Operation am offenen Herzen des Hauptstadtflughafens: Der "Medienkanal", der wichtigste Kabelkanal des BER verläuft in den Untergeschossen des Terminals und beinhaltet alle wichtigen Kabelstränge. Er ist die Hauptschlagader des neuen Berliner Flughafens - und muss nun wohl aufwändig umgebaut werden.

Die Kabeltrassen im Schacht sind teilweise in Kalksandsteinwänden montiert, die eine solche Last nicht tragen dürfen, berichtet ein Insider gegenüber Kontraste und rbb24. Denn Kalksandstein ist porös und kann bei zu großen Lasten ebenso wie im Brandfall platzen. "Kein Dübel kann in so einem Mauerwerk die Last der Kabeltrassen tragen. Wenn dort ein Brand ausbricht, ist es noch schlimmer, da platzen die Steine auf. Das darf nicht sein."

Die Verarbeitung von Kalksandstein wirkt sich auch auf die Frage der verbauten Dübel aus. "Die Dübel müssen auch bei Feuer halten. Denn da drin sind auch die Steuerleitung für die Brandmeldung, die ganze Sicherheitstechnik. Fällt da eine Trasse runter, wird etwas abgeklemmt oder reißt da etwas, dann hat das massive Auswirkungen auf die ganze Sicherheit." Das könne so nicht bleiben, ergänzt er.

Neue Stahlbetonträger notwendig

Deshalb soll nun alles umgebaut werden: Die Kabeltrassen sollen nicht länger an den Kalksandsteinwänden hängen, sondern auf ein neues Trägersystem aus Stahlbeton gelegt werden. Diese Konstruktion muss allerdings erst in den mit Kabeln vollgestopften Kanal eingezogen werden. Jede dieser Leitungen ist relevant für die finalen Abnahmen des TÜV im Bereich der Sicherheitstechnik.

"Die Umbauarbeiten können innerhalb von zwei bis drei Monaten erledigt werden", ist der Insider überzeugt. Er geht davon aus, dass die Arbeiten bis September 2019 erledigt sein können - ohne die Arbeiten des TÜV zu behindern.

Der Sprecher der Flughafengesellschaft Hannes Hönemann bestätigt Umbaupläne. Im Medienkanal soll demnach allerdings lediglich "eine Kabelpritsche verbreitert" werden. Das soll im Mai 2019 abgeschlossen sein.

Dübel nicht für Kalksandstein zugelassen

Doch das Problem betrifft nicht nur den Medienkanal. Falsche Dübel wurden im gesamten Flugastterminal verbaut, berichtet ein weiterer Insider. "Konkret fehlt ihnen die Brandschutzzulassung. Es gilt generell und nicht nur für die Baustelle am BER, dass alle in Frage kommenden Installationen, wie die Kabeltrassen, nur mit brandschutzgeprüften und zugelassenen Befestigungselementen montiert werden dürfen."

Das sei am BER vielfach nicht geschehen. Auch er bezieht sich auf das Mauerwerk. "Beispielsweise sind in Kalksandsteinwänden Dübel für Betonwände verwendet worden. Unabhängig von der Frage der auch dort fehlenden Brandschutzzulassung, ist es leider auf der Baustelle des BER schon vorgekommen, dass diese falschen Dübel der Belastung durch leider fehlerhaft und auch überbelegten Kabeltrassen nicht standhalten und so die Befestigung sich gelockert hat." Schätzungen gehen von bis zu 20.000 Dübeln aus, die im Fall des Falles ersetzt werden müssten.

Verantwortliche wussten seit Jahren von den Problemen

Kontraste und rbb24 Recherche liegen Dokumente vor, die zeigen, dass das Problem bereits 2012 bekannt war. Sechs Jahre lang hat sich niemand darum gekümmert - und nun drängt die Zeit. Die FBB hofft auf eine nachträgliche Genehmigung für die Dübel, doch Experten sind skeptisch.

Der Grund hierfür: Es gibt überhaupt keine zugelassenen Dübel für den günstigen Kalksandstein in Brandschutzbereichen. Das bestätigt das Deutsche Institut für Bautechnik, das zuständig ist für die Zulassungsverfahren von Dübeln. "Aktuell enthalten die erteilten Zulassungen für Dübel in Mauerwerk keine Tragfähigkeiten unter Brandbeanspruchung."

Arbeiten in der Gepäckrückgabe-Halle | Bildquelle: AFP
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Die Bauarbeiten am Berliner Flughafen BER sollen eigentlich abgeschlossen sein.

Das Landesamt für Bau und Verkehr in Cottbus soll nun im Nachhinein eine Sondergenehmigung für die Dübel erlassen. Doch wie Kontraste und rbb24 Recherche erfuhren, geht das gar nicht. Denn derzeit gebe es kein Verfahren, im Brandschutzbereich nachträglich Zulassungen für Kalksandstein zu erteilen, so das Deutsche Institut für Bautechnik.

Geschäftsführung ohne Übersicht

Einer der Geschäftsführer des Flughafens, Manfred Bobke-von Camen, gibt zu, dass auch die Flughafengesellschaft noch keine vollständige Übersicht über die Baustelle hat. "Wir haben ein tagesaktuelles Bild und manchmal auch Informationen von einzelnen Mitarbeiter des TÜV." Alles darüber hinaus falle unter das Geschäftsgeheimnis und könne deshalb nicht öffentlich kommentiert werden.

Hinter dem Großprojekt stehen Brandenburg, Berlin und der Bund - Brandenburg und Berlin halten jeweils 37 Prozent, der Bund 26 Prozent der Anteile. Letztlich verantwortlich sind die Ministerpräsidenten Dietmar Woidke und Michael Müller (beide SPD) und Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU).

Scheuer möchte sich zu den aktuellen Erkenntnissen nicht äußern. Woidke verweist auf die Flughafenmanager: "Ich vertraue der Geschäftsführung. Sie ist mit diesen Aufgaben beauftragt und ich denke, auch dieses Problem ist lösbar."

Landrat mit Magengrummeln

Alle Beobachter versuchen nun die Gretchenfrage zu beantworten: Klappt die Eröffnung diesmal wie geplant? Niemand möchte die Erfahrung von 2012 wiederholen, als die wenigsten den großen Knall, die Verschiebung des Eröffnungstermins, vorhergesehen hatten. Seither haben sich die Kosten für den Flughafen verdreifacht auf rund 7,3 Milliarden Euro.

Der nicht fertiggestellte Hauptstadtflughafen BER aus der Luft. | Bildquelle: dpa
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Der Flughafen soll nun 7,3 Milliarden Euro kosten - mindestens.

Auch für den Landrat von Dahme-Spreewald, Stephan Loge, ist 2012 das Trauma. In seinem Landkreis steht der Pannenflughafen und somit ist seine Untere Bauaufsicht zuständig für die Erteilung der Betriebserlaubnis - dann, wenn der TÜV alle Prüfungen abgeschlossen hat und bestätigt hat, dass der Flughafenbau mangelfrei ist. So lange gebaut wird, so lange noch Mängel abgearbeitet werden, so lange kann der TÜV das Gebäude nicht endgültig freigeben, so wollen es die Bauvorschriften.

Bleibt es bei der Eröffnung 2020?

2012 hatte die Behörde den Stempel verweigert - ein paar Tage vor Eröffnung -, weil der Brandschutz nicht funktionierte. Nun befürchtet der Landrat erneut Schlimmstes. "Ich habe Magengrummeln. Es ist ein kleines Déjà-vu, weil wir das alles schon einmal hatten. Zwar war es damals anders verursacht, aber eben auf dieser Baustelle."

Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hält eisern am Eröffnungsdatum Oktober 2020 fest. "Wir werden den Oktober 2020 einhalten. Der Fortschritt in den letzten vier Wochen war gut. Insofern habe ich sehr viel Zuversicht", sagte er noch Mitte April.

Am Donnerstagabend erreichte die Redaktion des RBB diese Stellungnahme der Flughafen Berlin Brandenburg GmbH (FBB):

"In der Mitteilung der RBB-Abendschau vom 9.5. bzw. von Kontraste wird behauptet, dass im Medienkanal des Fluggastterminals am BER aufwändige Rückbauten notwendig seien. Das ist falsch. Richtig ist, dass eine Kabelpritsche verbreitert werden muss. Hier sind auf ca. 40 Meter Länge Arbeiten am Tragsystem erforderlich. Diese Arbeiten werden bis Ende Mai abgeschlossen sein.

Die Wirkprinzipprüfung und die Inbetriebnahme des BER im Oktober 2020 sind dadurch nicht betroffen oder gar gefährdet.

Auch die in der Mitteilung formulierte Behauptung, dass durch falsch verbaute Dübel die Eröffnung im Oktober 2020 gefährdet sei, ist ebenfalls nicht richtig. Richtig ist, dass grundsätzlich Metalldübel verbaut wurden. Mit den Dübeln selbst gibt es aus technischer Sicht gar kein Problem. Für die im BER von den Errichterfirmen verbauten Befestigungslösungen werden zum Teil noch sogenannte vorhabenbezogene Bauartgenehmigungen beantragt. Derartige Zulassungsverfahren sind bei Großprojekten mit einer überdurchschnittlichen Komplexität in der Gebäudetechnik üblich und wurden auch von der FBB schon oft durchgeführt.

Die FBB hat zu den Fragen von RBB Kontraste ausführlich Stellung genommen. Falsch ist, man habe nur auf 'Betriebsgeheimnisse' verwiesen."

BER-Eröffnung wegen falscher Dübel auf der Kippe
Benjamin Eyssel, RBB
09.05.2019 20:28 Uhr

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Über dieses Thema berichtete das Erste am 09. Mai 2019 um 21:45 Uhr in der Sendung "KONTRASTE".

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