Interview

Kunden kaufen in einem Supermarkt in Thessaloniki ein

Stimmung in der griechischen Bevölkerung "Für 1000 Euro Nudeln gehortet"

Stand: 30.06.2015 16:24 Uhr

Wie das Referendum in Griechenland ausgehen wird, ist völlig offen. Die Bevölkerung ist gespalten, sagt die Journalistin Seralidou im Gespräch mit tagesschau.de. Viele haben Angst vor einem Grexit und den Folgen - und horten schonmal Lebensmittel für den Ernstfall.

tagesschau.de: Wie ist die Stimmung in der griechischen Bevölkerung?

Rodothea Seralidou: Seit Ankündigung des Referendums sind viele Griechen sehr besorgt und unruhig. Keiner hat so richtig geglaubt, dass es tatsächlich zu Kapitalverkehrskontrollen und einem 60-Euro-Limit an Bankautomaten kommt. Auf den Straßen herrscht eine angespannte Atmosphäre. An den Haltestellen, im Supermarkt, an den Geldautomaten: Überall reden alle nur noch darüber, wie es jetzt weitergehen soll.

alt Rodothea Seralidou

Zur Person

Rodothea Seralidou hat in Athen Jura studiert und anschließend beim Westdeutschen Rundfunk volontiert. Seit 2011 berichtet sie als freie Journalistin aus Griechenland. Sie ist verheiratet, hat zwei Kinder und pendelt mit der Familie zwischen Athen und Düsseldorf.

tagesschau.de: Was beobachten Sie auf den Straßen, wie verhalten die Menschen sich jetzt?

Seralidou: Ich war gestern im Supermarkt und hatte den Eindruck, alles ist normal. Heute allerdings waren im selben Supermarkt die Regale mit lang haltbaren Lebensmitteln leer geräumt, also Bohnen, Linsen, H-Milch. Die Leute sind wirklich in Panik und horten Lebensmittel. Die Verkäuferinnen haben mir erzählt, eine Kundin habe gestern für 1000 Euro Nudeln gekauft. Dafür haben andere Geschäfte keine Kunden mehr: Bei meinem Frisör, der normalerweise immer ausgebucht ist, waren heute bis auf mich und zwei Touristen keine Leute. Die Menschen geben nur noch Geld für die existentiellen Dinge aus.

"Tausende Euro zu Hause hinter Ikonen geklebt"

tagesschau.de: Haben die Menschen denn trotz des 60-Euro-Limits genug Geld zur Verfügung?

Seralidou: Diejenigen, die noch Geld auf der Bank hatten, schon. In der vergangenen Woche gab es ja einen Run auf die Banken und viele haben sehr viel Bargeld abgehoben, um es zu Hause zu verstecken. Die Mutter eines Freundes hat mehrere tausend Euro hinter orthodoxe Ikonen geklebt und überall in der Wohnung verteilt. Sie hofft, dass Einbrecher nicht auf die Idee kommen würden, die Ikonen mitzunehmen. Aber die Schlangen an den Geldautomaten sind lang. Jeder holt die 60 Euro am Tag ab, zumal viele kleine Geschäfte oder Tankstellen keine Karten mehr annehmen.

Ein Problem haben die Rentner: Die meisten von ihnen haben keine EC-Karte und sind es gewohnt, das Geld am Bankschalter zu holen. Deshalb sollen jetzt eigens für die Rentner bestimmte Bankfilialen an bestimmten Tagen öffnen. Aber auch für sie wird es ein Limit geben, von 120 Euro in der Woche. Gerade für Rentner auf dem Land, in kleinen Dörfern, ist das sehr umständlich. Sie müssen erstmal herausfinden, in welcher Stadt, welche Bank für sie geöffnet hat und dort dann jede Woche hinkommen.

"Löhne werden womöglich nicht augezahlt"

tagesschau.de: Es ist Monatsende, können die Löhne überhaupt noch ausgezahlt werden?

Seralidou: Zahltag wäre heute oder Anfang des kommenden Monats. Aber viele meiner Bekannten fragen sich, ob sie ihr Geld bekommen und rechnen zumindest mit Verzögerungen. Unternehmen, die jetzt selbst verunsichert sind, werden das Geld wohl zurückhalten und - wenn überhaupt - verspätet auszahlen. Das kam schon häufig vor, seit die Krise in Griechenland sich zugespitzt hat. Oft bekamen die Menschen ihr Geld erst zwei oder drei Monate später. Die Frage ist auch, wie das Geld ausgezahlt wird: Wenn es überwiesen wird, kommen die Menschen nur an 60 Euro am Tag. Aber viele Unternehmen dürften gar nicht genügend Bargeld haben, um es den Angestellten mit nach Hause zu geben.

Zahlreiche Menschen stehen Schlange vor einem Bankautomaten
galerie

Zahlreiche Menschen stehen Schlange vor einem Bankautomaten

tagesschau.de: Wie denken die Menschen über das Referendum, das Alexis Tsipras so kurzfristig  angekündigt hat?

Seralidou: Die meisten sind gegen diesen Schritt, selbst wenn sie vorhaben, mit Nein zu stimmen. Viele fühlen sich überfordert und sagen, eine Woche sei zu kurz, um sich richtig zu informieren, um welche Vorschläge es genau geht. Viele haben mich gefragt: Wieso haben wir einen frisch gewählten Premierminister, wenn er bei der ersten großen Schwierigkeit das Handtuch wirft und uns die ganze Verantwortung übergibt?

"Die Bevölkerung ist gespalten"

tagesschau.de: Zeichnet sich eine Tendenz ab, wie die Abstimmung ausfallen könnte?

Seralidou: Ich glaube, das wird bis zum Ende der Woche spannend bleiben. Die Bevölkerung ist in zwei Lager gespalten und auf den Straßen kann man beobachten, dass die Leute in Streit geraten, wenn einer für Ja und der andere für Nein stimmen will. Die einen sagen: Diese Sparpolitik bringt nichts, sie wird nur zu einem neuen Sparpaket führen und wir kommen aus diesem Teufelskreis nicht heraus. Die anderen haben große Angst, was passieren könnte, wenn Griechenland den Euroraum verlassen muss. Gerade junge Griechen, die sich als Europäer definieren, können sich das nicht vorstellen. Und manche sind einfach nur resigniert. Ein älterer Mann sagte mir: Ob es nun Euro oder Drachmen sind, meine Taschen sind sowieso leer.

tagesschau.de: Die Bevölkerung steht mehrheitlich hinter der Regierung Tsipras. Beobachten Sie langsam, dass diese Stimmung kippt und sich Widerstand formiert?

Seralidou: Der Athener Bürgermeister hat gestern im Fernsehen angekündigt, dass er zusammen mit dem Bürgermeister von Thessaloniki eine Initiative für ein Ja zum Referendum ins Leben rufen möchte. Gemeinsam mit Intellektuellen, Wirtschaftsvertretern und Universitätsprofessoren wollen sie jetzt in den Medien Präsenz zeigen, um die Bevölkerung darüber zu informieren, welche Gefahr Griechenland bei einem Nein zum Referendum droht.

"Tsipras könnte aus Neuwahlen gestärkt hervorgehen"

tagesschau.de: Wie gut ist die Bevölkerung über die Haltung der Geldgeber informiert? Dringt beispielsweise die Kritik Jean-Claude Junckers an der griechischen Regierung zu den Griechen durch?

Seralidou: Die Bevölkerung bekommt die heftigen Reaktionen im Rest Europas sehr gut mit.  Allerdings empfinden die Griechen das eher als Einmischung in interne Angelegenheiten, selbst wenn sie das Referendum auch nicht gut finden. Sie sagen, es sei immerhin ihr Recht, über etwas so wichtiges abzustimmen, da sollen sich andere nicht einmischen.

tagesschau.de: Sollte es tatsächlich zu einem Ja beim Referendum kommen, dürfte es Neuwahlen geben. Tsipras hat für diesen Fall bereits seinen Rückzug angekündigt. Was ist ihre Prognose, wie könnten Neuwahlen ausgehen?

Seralidou: Ich bin mir nicht sicher, ob es tatsächlich zu Neuwahlen kommt, ich halte es auch für möglich, dass Tsipras doch weitermachen würde. Aber falls es dazu kommt, ist nicht ausgeschlossen, dass Tsipras wieder gewinnt, vielleicht sogar gestärkt mit noch mehr Unterstützern hervorgeht. Denn viele halten es für Erpressung, dass die Nothilfen eingestellt wurden, niemand will noch mehr Sparmaßnahmen. Und ein Ja zum Referendum würde nur bedeuten, dass die Menschen Angst vor den Konsequenzen haben. Davor, möglicherweise zur Drachme zurückzukehren. Es wäre nicht unbedingt ein Nein zu Tsipras.

Das Interview führte Sandra Stalinski, tagesschau.de

Darstellung: