Alfred Grosser | Bildquelle: imago/Rüdiger Wölk

Interview zur Frankreich-Wahl "Die alte Generation hat versagt"

Stand: 09.03.2017 14:59 Uhr

Der parteilose Präsidentschaftskandidat Emmanuel Macron könnte eine Chance für die Zukunft Frankreichs sein und für eine Präsidentschaft der Verjüngung stehen. Das sagt der deutsch-französische Soziologe und Politikwissenschaftler Alfred Grosser im Gespräch mit dem ARD-Studio Paris.

Das Interview wurde am 6. März 2017 geführt, nachdem Alain Juppé eine Präsidentschaftskandidatur endgültig ausgeschlossen hatte.

ARD-Studio Paris: Der Wahlkampf der Republikaner artet gerade in eine einzige Schlammschlacht aus. Wie sehen Sie die Situation?

Alfred Grosser: Zunächst einmal ist heute zum ersten Mal etwas in diesem Wahlkampf geschehen, nämlich Würde. Die Erklärung von Alain Juppé war würdig: Er macht nicht mehr mit, er zieht sich zurück, er lässt Jüngeren den Platz und er kritisiert Fillon. Das war wirklich ausgezeichnet.

Ob Fillon jetzt bleiben wird, wissen die Götter. Wenn er bleibt, ist es eine Niederlage und das ist gut für meinen Kandidaten: Emmanuel Macron. Denn ein guter Teil von den Leuten von Fillon werden zu ihm (Anmerkung der Redaktion: gemeint ist Macron) gehen, wiederum andere werden zu Marine Le Pen gehen. Wenn Juppé gewonnen hätte, wären sicher viele zu Le Pen gegangen, denn die Unterstützung von Fillon kommt vor allen Dingen von ungefähr 1,5 Millionen rechtsextremen katholischen Wählern. Solche, die Demonstrationen machen gegen die gleichgeschlechtliche Ehe usw. Das sind Parteien und Organisationen, die immer hinter Fillon gestanden haben. Aber ob er jetzt weitermacht, wissen die Götter.

Die Krise der Parteien in Frankreich
tagesthemen 22:30 Uhr, 06.03.2017, Ellis Fröder, ARD Paris

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ARD-Studio Paris: Was bewegt so jemanden wie Fillon weiterzumachen trotz dieser ganzen Vorwürfe und aller Deklarationen, die er selber gemacht hat?

Alfred Grosser: Ja, das ist sehr merkwürdig. Denn Fillon war ja fünf Jahre lang Premierminister von Sarkozy. Das ist in Frankreich eine besondere Stelle, so eine Art Assistent des Präsidenten (lacht), obwohl nach der Verfassung alle Macht bei ihm liegt und nicht beim Präsidenten.

Fünf Jahre hat man nichts von ihm (Anmerkung der Redaktion: gemeint ist Fillon) gehört. Einen Manuel Valls hingegen hat man gehört, beispielsweise als er Konflikte mit dem Präsidenten hatte. Der war eine Persönlichkeit. Über Fillon hat niemand gesprochen und plötzlich war er da. Er hat die Vorwahl gewonnen - zur allgemeinen Überraschung. Weniger für die, die wussten, welche große Unterstützung er hatte. Alle diese extremen katholischen Rechten sind wählen gegangen. Und die haben ihn zu dem gemacht, was er heute ist. Jetzt will er bleiben und spottet im Grunde der Justiz. Ich sehe nicht, wie jemand anderes kommen könnte.

Am 15. März steht Fillon vor den Richtern und wird wahrscheinlich schuldig gesprochen. Zur gleichen Zeit hat er alle benötigten 500 Unterschriften, die jemand anders bräuchte, um Kandidat zu werden. Fillon hat über 1000 Wahlstimmen bekommen, die können nicht einfach auf einen anderen Kandidaten übergehen. Also steht er ganz allein im Feld für die Rechte. Aber für die Rechte ist es eine Katastrophe.

Die gespaltene Linke

ARD-Studio Paris: Wie sehen Sie die Lage bei den Linken? Auch da haben die Vorwahlen gezeigt, wie gespalten die Partei ist.

Alfred Grosser: Auch bei den Linken steht es um meinen Kandidaten Macron sehr gut. Denn die, die gewonnen haben, sind nicht die Unterstützer von Manuel Valls, der als Premierminister sehr offen und liberal gewesen ist; es ist die Linke der Linken, die gesiegt hat. Und dann ist da noch Mélenchon, ein sehr hartnäckiger Kandidat. Wenn sich beide verbünden würden, Mélenchon und Hamon, hätten sie Chancen, dass Hamon gewählt wird. Aber Mélenchon sagt, dass das nicht infrage kommt. Und beim Thema Europa ist Macron übrigens der Einzige, der gesagt hat, dass Europa und die deutsch-französischen Beziehungen seine Priorität seien. Alle anderen Kandidaten sind anti-europäisch. Fillon ist ja auch dagegen.

ARD-Studio Paris: Wie gespalten ist Ihrer Meinung nach die Linke? Hat die Partei überhaupt noch Chancen?

Alfred Grosser: Nein. Wahrscheinlich kommt Marine Le Pen zu Beginn, also als Nummer eins in die Vorwahl. Dann Macron, dann wahrscheinlich Fillon, dann die beiden Linken nebeneinander oder hintereinander. Wir haben ja in Frankreich das System, dass nur zwei Kandidaten übrig bleiben können.

ARD-Studio Paris: Sie kennen Frankreich schon so lange, seit Beginn der fünften Republik etwa. Haben Sie das Gefühl, dass das Land gerade an einem Scheideweg steht?

Alfred Grosser: Ich kenne Frankreich, seitdem ich acht Jahre alt bin. Und das ist schon sehr lange her (lacht). Nein, der Scheideweg, das weiß ich nicht. Ich hoffe auf eine Präsidentschaft der Verjüngung, das hat ja Juppé heute in Wirklichkeit gesagt. Das Land muss verjüngt werden. Die alte Generation hat versagt. Und jetzt haben wir einen 39-jährigen Kandidaten, den man international gesehen mit Trudeau in Kanada vergleichen könnte. Das ist dieselbe Generation und ich hoffe, dass sie bald an die Macht kommt. In Deutschland sieht es jedenfalls noch nicht danach aus.

Macron verkörpert "die große Koalition"

ARD-Studio Paris: Löst sich das klassische Parteiensystem in Frankreich auf? Bisher hatten die Franzosen die Wahl zwischen Rechten und Linken. Jetzt haben sie eventuell die Wahl zwischen einem liberalen Macron und einer rechtsextremen Marine Le Pen.

Alfred Grosser: Ja und ich hoffe, dass zum ersten Mal seit langer Zeit die Mitte in Frankreich siegt. Macron wird verpönt von der Rechten und von der Linken, weil er auf beiden Seiten Stimmen bekommt und immer mehr Leute stimmen ihm zu. Mit Macron hätten wir zum ersten Mal etwas, was nie da war. Es ging immer rechts gegen links, aber für Macron ist rechts und links uninteressant. Interessant ist für ihn das, was wir zusammen tun können.

ARD-Studio Paris: Von Macron scheinen Sie sehr überzeugt zu sein.

Alfred Grosser: Ja, ich bin sehr überzeugt. Er verkörpert eigentlich die große Koalition in der Bundesrepublik. Man ist unterschiedlich, aber man verständigt sich im Wesentlichen.

ARD-Studio Paris: Das haben ja auch schon andere, wie beispielsweise Bayrou, versucht. Meinen Sie, dass die Franzosen dafür bereit sind?

Alfred Grosser: De Gaulle zum Beispiel war eigentlich weder rechts noch links. Sozial war er sehr links von der CSU zum Beispiel. Also nein, es ist nicht der erste Versuch. 

Wahlsieg Le Pens "unwahrscheinlich"

ARD-Studio Paris: Wie stehen Ihrer Meinung nach die Chancen, dass Frankreich eine rechtsextreme Präsidentin haben wird?

Alfred Grosser: Die Angst in Deutschland scheint mir doch ziemlich unbegründet zu sein. Man sieht ja ununterbrochen Kommentare, dass Marine Le Pen gute Chancen hat, an die Macht zu kommen. Meiner Meinung ist das nicht der Fall. Allerdings spuckt sie auf die Justiz. Sie ist wegen vieler Angelegenheiten verklagt worden. Auch ihre Partei muss sich wegen unendlich vieler Mogeleien vor der Justiz verantworten. Ihr scheint das jedenfalls völlig egal und sie verachtet die Justiz und das als Anwärterin auf das höchste Amt der Republik. Marine Le Pen verachtet die Justiz noch mehr, als Fillon das tut.

ARD-Studio Paris: Aber das scheint ja ihre Anhänger nicht zu stören.

Alfred Grosser: Ja, das scheint ihre Anhänger wirklich nicht zu stören. Die sind "gegen das System". Aber was genau ist denn "das System"? Marine Le Pen gehört auch zum System.

ARD-Studio Paris: Und trotzdem meinen Sie, dass Le Pen auch diesmal keine Chance hat?

Alfred Grosser: Sie bräuchte 50 Prozent in der Stichwahl. Ich kann mich irren, aber das ist so unwahrscheinlich, dass ich gegen 100 zu 1 wetten müsste.

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