Chatprotokoll

tagesschau-Chat Cem Özdemir, Parteivorsitzender der Grünen

Stand: 26.11.2008 16:14 Uhr

"Yes, we Cem!" - mit dieser Parole haben die Grünen deutsche Parteiengeschichte geschrieben und einen türkischstämmigen Vorsitzenden gewählt. Wird Özdemir sich besonders für die Integration von Migranten einsetzen? Diese und andere Fragen beantwortet der Grünen-Chef im tagesschau-Chat.

Transkript des Chats mit Cem Özdemir am 26. November 2008

Cem Özdemir
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Cem Özdemir, Grünen-Vorsitzender

Moderatorin: Herzlich willkommen beim tagesschau-Chat im ARD-Hauptstadtstudio. Mein Name ist Corinna Emundts. Zu Gast heute ist der frischgewählte Parteivorsitzende der Grünen, Cem Özdemir. Herzlich willkommen auch an Sie, Herr Özdemir – und danke, dass Sie sich Zeit genommen haben, hierher zu kommen! Können wir loslegen?

Cem Özdemir: Absolut, danke für den freundlichen Empfang!

Moderatorin: Vor nicht allzu langer Zeit haben Sie gesagt, Sie trauten sich das Amt des Grünen-Parteivorsitzenden nicht zu. Was führte zu dem Sinneswandel?

Cem Özdemir: Das Amt des Parteivorsitzenden generell, aber im Besonderen bei mir in der Partei, ist ein sehr Anspruchsvolles und es will gut überlegt sein. Und ich habe es mir gut überlegt und mich dann entschlossen, dass ich Parteivorsitzender werden möchte. Nachdem für mich auch klar war, dass sich das mit meinen Pflichten als Vater vereinbaren lässt.

Moderatorin: Das sagt einer der Partei, die lange schon für Vereinbarkeit von Familie und Beruf kämpft?

Cem Özdemir: Anspruch und Wirklichkeit klaffen bei jemandem mit einer 70-Stunden-Woche gelegentlich auseinander. Umso wichtiger ist es, dass man vorher gut plant und es sich vor allem gründlich überlegt. Ich gehöre zu einer Generation, die beides zusammenbringen möchte. Beide Elternteile berufstätig und dennoch mit dem Anspruch, genug Zeit für sich und für das Kind zu haben. Im Grunde bin ich doch sogar eigentlich privilegiert im Verhältnis zu vielen anderen in der Gesellschaft, da ich beispielsweise morgens meine Tochter selber in den Kindergarten bringen und anschließend zur Arbeit gehen kann. Viele Menschen haben eine solche Möglichkeit nicht, weil es entweder von der Arbeitszeit her nicht geht oder die entsprechende Kinderbetreuungseinrichtung fehlt.

Moderatorin: Im Prechat wurde häufig für die Frage gestimmt, warum Sie nach der Bonusmeilenaffäre wieder auf die politische Bühne gegangen sind?

Cem Özdemir: Die Logik kann, glaube ich, nicht so funktionieren, dass derjenige, der Verantwortung übernimmt, lebenslänglich bekommt und derjenige, der auf Durchzug schaltet, sich damit zu Höherem berufen zeigt. Zumindest wäre dies nicht meine Logik. Ansonsten ist es aber so, dass ich nach 2002 ernsthafter aus der Parteipolitik schon draußen war und auch nicht so schnell vorhatte, wieder aus den USA zurückzukehren. Reinhard Bütikofer und Daniel Cohn-Bendit, die ich bei ihren USA-Reisen getroffen habe, haben mich aber überzeugt, für das Europa-Parlament 2004 zu kandidieren.

IK: Befürchten Sie nicht ein Glaubwürdigkeitsproblem nach der versäumten Steuerpflicht, der Hunzigeraffäre und dem Bonusmeilenskandal? Alles vergeben und vergessen?

Cem Özdemir: Ich habe meine Steuerpflicht nicht versäumt - sondern erfüllt. Und in Sachen Hunzinger meinte der in dieser Frage wohl eher unverdächtige Hans-Christian Ströbele, zum Zeitpunkt der Aufnahme des Darlehens hätte er mir auch nicht davon abraten können. Bei den Bonusmeilen habe ich private und dienstliche nicht geteilt, so wie viele andere auch, und dies nicht aus Böswilligkeit, sondern weil ich davon ausging, dass ich genug privat erworbene Meilen habe. Für all dieses habe ich Verantwortung übernommen, indem ich - wie angekündigt - das Mandat nicht angenommen habe, nachdem ich für den Bundestag wiedergewählt worden war. Dies gibt mir jetzt allerdings auch die Möglichkeit, an dem gemessen zu werden, was ich zuvor gemacht habe und vor allem aber, was ich seither mache. Man wird verstehen, dass ich doppelte Standards nicht akzeptiere, auch in dieser Frage nicht. Dass es immer wieder welche geben wird, die mir Fragen stellen, die sie anderen nicht stellen, ist mir nicht ganz unvertraut.

Moderatorin: Wieso?

Cem Özdemir: Es hat sich auch nicht jeder darüber gefreut, dass jemand wie ich da ist, wo er heute ist.

Dennis: Auf die Landesliste wollte man Sie nicht wählen. Warum glauben Sie, dass Ihnen die Partei als Vorsitzender folgen wird?

Cem Özdemir: Weil diejenigen, die mich auf die Landesliste in Baden-Württemberg nicht gewählt haben, mir auch dort schon gesagt haben, dass sie mich als Bundesvorsitzenden wollen. Und das Ergebnis auf dem Bundesparteitag, das für grüne Verhältnisse (bei uns gibt es keine 90-Prozent-Ergebnisse für Vorsitzende) sehr gut war, zeigt, wie breit die Unterstützung in der Partei ist. Die Landespartei in Baden-Württemberg tut sich traditionell schwer mit der Vereinbarkeit von Amt und Mandat. Dies muss man verstehen vor dem Hintergrund unserer Tradition: Traditionell wollen viele bei uns vermeiden, dass Einzelne in der Führung zu viele Aufgaben und zu viel Macht in einer Person konzentrieren.

Alessandra: Lieber Cem! Was hast du in deiner Zeit im europäischen Ausland gelernt und wie wirkt sich diese Erfahrung nun auf dein politisches Engagement aus?

Cem Özdemir: In einem Parlament mit 27 Mitgliedsländern bleibt es nicht aus, dass man viel lernt über die Hintergründe der anderen Kollegen. Um nur ein Beispiel zu nennen: Die Länder, die diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs waren, haben beispielsweise oft einen ganz anderen Zugang zum Verhältnis zu Russland. Spannend für mich ist auch, dass das Europäische Parlament im Gegensatz zu nationalen Parlamenten nicht über einen strengen Fraktionszwang verfügt. Das heißt, bei uns suchen sich die Themen ihre Mehrheiten. Für den einzelnen Abgeordneten bedeutet das, dass er mal mit konservativen Kollegen und mal mit Kollegen von der Linkspartei bei bestimmten Themen zusammenarbeitet. Etwas von dieser Flexibilität und Offenheit in den etwas robusteren Alltag von Berlin rüberzuretten, würde ich gerne versuchen. Was sicherlich bleiben wird, ist meine Begeisterung für Europa.

pp: Cem, was muss geschehen, damit Dein Migrationshintergund nicht mehr im Vordergrund steht, sondern die politischen Inhalte, für die Du stehst?

Cem Özdemir: Nicht ohne Grund habe ich in meiner Rede auf dem Bundesparteitag in Erfurt das Thema "Migration" mit keinem Wort erwähnt, sondern, als es beispielsweise um das Thema "Bildung" ging, von Arbeiterkindern gesprochen. Denn schließlich haben deutsche Arbeiterkinder keine grundlegend anderen Probleme als türkischstämmige Arbeiterkinder, die an den unsichtbaren Mauern des deutschen Schulsystems - das genau diese soziale Schicht systematisch von höheren Schulen und damit von Zugang zu den Universitäten ausschließt - scheitern. Mein Wunsch ist, dass wir eines Tages in einer farbenblinden Gesellschaft leben. Dass die Menschen nicht danach beurteilt werden, welcher Religionsgemeinschaft sie angehören oder wo ihre Vorfahren herkommen, sondern danach, was sie zu sagen haben und was sie machen. Dies wird wohl noch einige Zeit in Anspruch nehmen.

Moderatorin: Da würde ich gerne nachhaken: Wieso haben Sie dann gleich quasi als erste Amtshandung das "Türkisch in der Schule"-Thema in der "Bild"-Zeitung gespielt?

Cem Özdemir: Meine Ansage war doch eigentlich sehr klar: Deutsch muss die erste Sprache sein und wenn neben Englisch, Französisch, Russisch und anderen Sprachen, die bei uns angeboten werden, auch Türkisch als weiteres Fach angeboten wird, kann dies der Gesellschaft eigentlich nur gut tun. Nochmal: Grundlage sind gute Deutschkenntnisse für alle. Dies gilt auch für den Schwaben Cem Özdemir, der schließlich auch Hochdeutsch lernen musste. Spannend ist allerdings, was die Zeitungen und vor allem Agenturen aus dem, was ich gesagt habe, gemacht haben. Dies fängt schon bei der Überschrift der Bild-Zeitung an und hört bei den Reaktionen noch nicht auf. Es zeigt mir eigentlich nur, dass man künftig bei der PISA-Studie nicht mehr nur 15-Jährige, sondern auch den Berufsstand der Politiker und möglicherweise auch der Hauptstadtjournalisten und vor allem derjenigen, die Agenturmeldungen machen, mit einbeziehen sollte. Ich bin mir allerdings nicht ganz sicher, ob die möglichen Resultate so wären, wie wir uns das alle wünschen.

Simon: Sehr geehrter Herr Özdemir, welches Motiv vermuten Sie hat die "Bild", dass sie so gegen Sie wettert?

Cem Özdemir: Ich würde nicht sagen dass die "Bild" gegen mich wettert, denn in der Reaktion am nächsten Tag wurde ja auch wiedergegeben, dass es unterschiedliche Rückmeldungen gab. Die Bild ist die Bild und die Bild will sich verkaufen und braucht dafür eine gute Schlagzeile. Und wenn ich sie nicht liefere, dann muss man eben etwas zuspitzen. Viel bemerkenswerter ist, dass seriöse Medien, die dieses eigentlich wissen sollten, ausschließlich die Überschrift zitieren und damit eine virtuelle Debatte entfachen, zu der sich dann wiederum virtuelle Politiker äußern und so weiter. Eigentlich sollte der Ernst der PISA-Studie und ihre Ergebnisse dazu führen, dass man an ein solches Thema mit etwas mehr Tiefgang herangeht. Aber vielleicht hat meine Erwartungshaltung auch damit zu tun, dass ich noch immer etwas von dem Stil in Brüssel "verdorben" bin.

Moderatorin: Die folgende Frage an Sie ist zugleich eine, die viele User vorab für besonders wichtig bewertet haben.

Nichttürkischer Ausländer: Finden Sie nicht, dass der Türkischunterricht an deutschen Schulen zu einer Zweiklassen-Ausländerschaft führt? Warum sind Sie für Sonderrechte für Türken? Warum missachten Sie die anderen Kulturen?

Cem Özdemir: Es ist immer schwierig, Positionen zu verteidigen, die man nie vertreten hat. Dies meine ich mit virtuellen Diskussionen. Ich setze mich dafür ein, dass neben der deutschen Amtssprache und den wichtigsten Fremdsprachen auch andere Sprachen in unserer Gesellschaft unterrichtet werden, wo immer es entsprechende Nachfrage gibt. Dies bedeutet für meine Tochter beispielsweise, dass sie auf einen spanisch-deutschen Kindergarten geht, weil ihre Mutter Argentinierin ist. Für andere mag es bedeuten, dass sie neben Deutsch auch Kurdisch, Arabisch, Persisch oder was auch immer lernen. Es gibt ein schönes anatolisches Sprichwort, das heißt: Eine neue Sprache ist wie ein neuer Mensch. Dem kann ich nicht viel hinzufügen außer der Verwunderung darüber, wie schwer man sich in Deutschland mit der Mehrsprachigkeit tut.

banjo: Zudem ist ein Zweitsprachenerwerb erwiesenermaßen nur dann möglich, wenn die Muttersprache ausreichend beherrscht wird. Erst dann kann auf dieser aufgebaut werden. Warum wird so wenig auf dieser Grundlage diskutiert? Ich begrüße Ihre Wahl. Mit welchen Konzepten wollen Sie die Integration in unserer Gesellschaft voranbringen?

Cem Özdemir: Es ist nicht zwingend so, dass man erst die Muttersprache gelernt haben muss. Wichtig ist vor allem, dass man eine Sprache richtig gut lernt. Die Eltern sollten die Sprache vermitteln, die sie am besten können. Deshalb ist es auch Quatsch, wenn einige "Experten" sagen, die Eltern sollen in jedem Fall deutsch mit ihren Kindern sprechen. Wenn es fehlerhaftes Deutsch ist, versündigt man sich an den Kindern eher.

mahdi1: Guten Tag, Cem Özdemir. Ich möchte Sie fragen, was Sie für Muslime in Deutschland tun werden, um deren Rechte zu stärken und dafür zu sorgen, dass trotz einer Integration (die sein muss), der Islam trotzdem ausgelebt werden kann? Ich wäre sehr dankbar für Ihre Antwort.

Cem Özdemir: Ich mache keine spezielle Politik für eine Religion. Der Islam und damit auch die Muslime sind Teil unserer Gesellschaft. Dazu gehört auch der Bau von Moscheen und damit der Abschied von den Hinterhöfen. Oder das Thema Religionsunterricht: Es ist mir schließlich lieber, wenn hier ausgebildete Religionslehrer in Deutsch muslimische Kinder unterrichten und nicht irgendwelche radikalen Prediger.

Moderatorin: Ich bitte um Verständnis, dass wir nun von den politischen Fragen zu den Grünen wechseln, dazu sind hier live in diesen Minuten bereits sehr viele Fragen eingetroffen.

Laurens: Ich habe große Sorge, dass Sie eines der Kernthemen der Grünen, den Umweltschutz und insbesondere den Klimaschutz, unter den Tisch fallen lassen oder auf Kuschelkurs mit der halbherzigen Unionspolitik gehen. Warum widmen Sie diesen wichtigen Themen so wenig Aufmerksamkeit?

Cem Özdemir
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Cem Özdemir (r.) im tagesschau-Chat mit Corinna Emundts (l.), Leiterin Hauptstadtbüro tagesschau.de.

Cem Özdemir: Wie kommen Sie darauf, dass ich dem Thema wenig Aufmerksamkeit widmen würde? Es ist praktisch in jeder Rede Kernbestandteil und einen Kuschelkurs mit der Union kann ich bei bestem Willen nicht erkennen. Sie müssten dies schon belegen. Die Grünen haben eine sehr klare Position in Sachen Atomausstieg und die Union muss wissen, dass es da nichts zu verhandeln gibt. Und auch der Bau neuer Kohlekraftwerke zusätzlich zu den bereits bestehenden und in Bau befindlichen ist mit uns nicht zu machen.

Peter Klaus: Was sind Ihre Ziele für den Bundestagswahlkampf 2009 und mit wem wollen Sie eine Koalition eingehen und warum gerade mit diesem?

Cem Özdemir: Ich kann verstehen, dass viele die Koalitionsfrage interessiert. Mich interessiert aber vor allem, dass die Grünen gestärkt in diese Wahlauseinandersetzungen gehen und gute Ergebnisse einfahren. Über Koalitionen wird nicht entlang arithmetischer Mehrheiten entschieden, sondern es geht hier um Inhalte. Und zwar grüne Inhalte. Und dann schauen wir, mit wem wir sie am besten umsetzen können.

Laurens: Auf ihrer Homepage ist das Thema kaum erwähnt.

Cem Özdemir: Es ist die Homepage des Europa-Abgeordneten Cem Özdemir und sie gibt insofern die Arbeit des Europa-Abgeordneten Cem Özdemir wieder und Cem Özdemir ist im Europa-Parlament außenpolitischer Sprecher der Grünen. Wenn Sie aber schauen, es findet sich auch auf meiner Website, welche Interviews ich im letzten halben Jahr zu welchen Themen gegeben habe. Dann ist es glaube ich sehr eindeutig, oder?

kayboard: Sehr geehrter Herr Özdemir, ich würde gerne weg von der Nationalitätenfrage und wechseln zu einem Thema, welches sehr präsent ist: Politikverdrossenheit der Wähler, Rezession. Überzeugen Sie mich bitte in wenigen Worten, warum ich Ihre Partei als voraussichtlicher Koalitionspartner der CDU bei der nächsten Bundestagswahl wählen soll?

Fr. Vogt: Mit welcher Koalitionsaussage gehen Sie in die Bundestagswahl 2009? Ich gehe nämlich davon aus, dass, wenn Sie sich mit der Union zusammentun würden, immer weniger Bürger die Grünen wählen würden. Auch in Hamburg haben Sie damit viele Stimmen verloren. Sehr viele ehemals links-alternative Wählerinnen und Wähler wandern ab zur Linkspartei. Was sagen Sie dazu?

Cem Özdemir: Ich sehe nicht, dass wir Koalitionspartner der Union werden sollen. So wie Frau Merkel sich gegenwärtig von ihren hehren Zielen des Klimaschutzes verabschiedet hat und bedauerlicherweise mit Umweltminister Gabriel zusammen in Brüssel jede Art von Fortschritt in Sachen "Reduzierung des CO2-Ausstoßes im Automobilverkehr" verhindert, geht da nicht sehr viel mit uns. Wer sich gegen ein Tempolimit wendet und eine CO2-basierte-Kfz-Steuer nicht einführt, meint es nicht ernst mit dem Klimaschutz. Ich hoffe, dies war klar genug. In Hamburg geht es um eine Landeskoalition und Landeskoalitionen werden bei uns von den Landesverbänden entschieden und die grüne Handschrift ist dort klar zu erkennen.

Sealand: Sehr geehrter Herr Özdemir, wie beurteilen Sie die Situation der Grünen in Hessen in Hinblick auf die anstehenden Neuwahlen?

Spiegelturm: Welche Lehren ziehen Sie aus den Vorgängen in Hessen?

Cem Özdemir: Ich ärgere mich über den Ypsilanti-Walter-Chaosladen, der das Projekt "Eine Mehrheit jenseits von Roland Koch" an die Wand gefahren hat. Jetzt ist aber auch klar, worum es in Hessen geht. Wer möchte, dass derjenige, der Minderheiten in früheren Wahlkämpfen stigmatisiert hat und Umweltschutz für einen Standortnachteil für die hessische Wirtschaft hält, Ministerpräsident bleibt, der muss Roland Koch wählen. Und wer einen Politikwechsel möchte, dessen Kandidat heißt Tarik – ach, ich schreib's türkisch - mit e... Tarek Al-Wazir!

Moderatorin: Nochmal zum Bund:

Pete: Wenn Sie mit der CDU nicht koalieren wollen oder können, bliebe nur die SPD/FDP als Dreierkoalition. Lehnen Sie eine Koalition mit der Linkspartei auch ab oder werden Sie sich vor der Wahl nicht festlegen?

alfredo: Guten Tag Herr Özdemir, wie sehen Sie persönlich das politische Verhältnis der Grünen zur neuen Partei "Die Linke"? Übereinstimmungen in den Parteiprogrammen sehe ich. Aber mich würde interessieren, wie nahe sich die Grünen und die Linken wirklich kommen wollen, auch gesehen auf die bevorstehende Bundestagswahl im kommenden Jahr. Ich persönlich würde es begrüßen!

M_Linke: Können Sie sich vorstellen, mit der Linken unter einem Lafontaine zu koalieren?

Cem Özdemir: Zur letzten Frage noch ein kurzer Nachtrag: Die anderen Namen muss man sich nicht merken. Eine Koalition mit der Union schließt die Union de facto aus durch ihren klimafeindlichen Kurs. Zur Linken: Mal ganz abgesehen davon, dass sie selber eine Regierungsbeteiligung 2009 ausschließen, sehe ich nicht, wie wir mit einer europafeindlichen (sie haben den EU-Vertrag abgelehnt) und populistischen ("Fremdarbeiter") Partei zusammen kommen sollen, die allen alles verspricht, so lange die anderen sich um die Finanzierung kümmern. 2009 sehe ich dafür keine Möglichkeit. Übrigens schließt dieses auch die SPD ausdrücklich aus.

Kuehl: Sehen Sie die Grünen eher als eine Oppositionspartei?

Cem Özdemir: Wir sind in der Opposition, insofern ist unser Job klar definiert. Wir müssen Alternativen formulieren zur Großen Koalition. Da ist Manndeckung gefragt und gegenwärtig deutliche Kritik.

tomkrishan: Sehr geehrter Herr Özdemir, unter Rot-grün wurde die Agenda 2010 verabschiedet. Denken Sie unter Ihrer persönlichen Regierungsbeteiligung wird die Entrechtung der Arbeitslosen weiter ausgebaut bzw. die Niedriglohnpolitik weiter forciert?

Cem Özdemir: Die Agenda 2010 war im Prinzip richtig. Allerdings gab es dabei auch handwerkliche Fehler und wichtige Versäumnisse. Ich denke beispielsweise an die Altersrückstellungen, da konnten wir uns damals leider gegen die SPD nicht durchsetzen. Eines ist allerdings auch klar: Wir brauchen dringend Mindestlöhne, die es ja schließlich in Großbritannien auch gibt. Es darf nicht weiter auseinander gehen zwischen oben und unten in dieser Gesellschaft.

vyasa: Möchten Sie den Niedriglohnsektor bekämpfen? Und wenn ja, wie?

Cem Özdemir: Wir wollen, dass die Friseurin beispielsweise von ihrer Arbeit menschenwürdig leben kann. Dazu ist neben dem Mindestlohn auch eine Änderung der Besteuerung notwendig.

Sparro: Sehr geehrter Herr Özdemir, was ist Ihre Lösung für die bevorstehende Rezession? Wollen Sie weiterhin die Banken retten und somit den eigentlich Schuldigen weiterhelfen? Oder doch den Markt seine Arbeit machen und die Guten von den Schlechten trennen lassen.

Cem Özdemir: Wir haben zur Zeit nicht nur eine Finanzmarktkrise und Wirtschaftskrise sondern immer noch und vor allem bleibend eine Klimakrise. Die Lösung kann nur in der Verknüpfung der beiden Themen bestehen. Das heißt, wir müssen jetzt Energie sparen und Investitionen in erneuerbare Energien, Energieeffizienz (Altbausanierung) und intelligente Mobilität (Autos, die weniger als 120g CO2 ausstoßen) tätigen.

greenworld: Beziehen Sie Ökostrom?

Cem Özdemir: Ja, aus Schönau, schließlich komm ich ja aus dem Ländle.

Moderatorin: Noch eine Frage aus dem Prechat dazu:

cem: Aus welcher Stadt der Türkei stammen Sie?

Moderatorin: Apropos "Ländle" :-)

Cem Özdemir: Die Stadt heißt "Bad Urach" und liegt zumindest bislang immer noch in Baden-Württemberg.

Moderatorin: Zwei außenpolitische Fragen:

hadi112: Wie stehen Sie zum EU-Beitritt der Türkei?

Sebastian: Wollen Sie Außenminister einer schwarz-grünen Koalition werden?

Cem Özdemir: Zu hadi112: Wenn die Türkei die so genannten Kopenhagener Kriterien erfüllt, also beispielsweise die Menschenrechte nachprüfbar einhält und die Lebensumstände innerhalb der Türkei sich angleichen, dann soll die Türkei nicht anders behandelt werden als andere Länder, die vor der Türkei Mitglied geworden sind. zu Sebastian: Ich bin Parteivorsitzender und nicht Spitzenkandidat. Insofern sind unsere Kandidaten für Ministerämter unsere beiden Spitzenkandidaten Renate Künast und Jürgen Trittin, die sich allerdings auch nicht für eine schwarz-grüne Koalition einsetzen, sondern für starke Grüne.

Shrek the Ogger: Eine CDU, die Klimapolitik zur Chefsache erklärt, eine Linke, die soziale Gerechtigkeit fordert. Grüne Themen sind nicht mehr (ausschließlich) grün. Welches Thema bleibt den Grünen noch als Alleinstellungsmerkmal?

Cem Özdemir: Erst einmal ist es ja keine schlechte Nachricht, wenn die Themen, für die wir früher belächelt worden sind, mittlerweile immerhin dazu führen, dass die anderen Parteien ihre Überschriften geändert haben. Wenn es allerdings ums Handeln geht, dann sehen wir aktuell ja bei der Kanzlerin, wie sie den Lobbyinteressen der deutschen Automobilindustrie nachgibt. Ich bin mir sicher, dass das Original im Zweifelsfall den Vorzug erhält. Aber: Wir Grünen wissen, dass wir klar machen müssen, worin der Unterschied besteht.

Moderatorin: Wir kommen in die letzte Runde, was unsere Chat-Zeit angeht. Hier sind noch ein paar Fragen zur Person gekommen - Spielregel jetzt: Sie haben jeweils einen Satz pro Antwort! (Dann kriegen wir mehr unter)

Cihat: Herr Özdemir, ich bin 17, Gymnasiast türkischer Abstammung. Und ich frage mich, was Sie bewegt hat, gerade bei den Grünen aktiv zu werden?

Cem Özdemir: Ich bin in der Schule aktiv geworden und über die Umwelt und Friedenspolitik zu den Grünen gekommen.

Schwabe: Warum nennen Sie sich anatolischer Schwabe, wenn sie doch in Bad Urach geboren sind? Sollte es nicht selbstverständlich sein, dass Sie Schwabe sind wie die anderen Bad Uracher auch?

Cem Özdemir: Als ich 1994 in den Bundestag gewählt worden bin, wurde ich mal Spätzle-Türke genannt, dann wieder Deutsch-Türke und so weiter und irgendwann habe ich dann eben gedacht, ich kreiere selber einen Begriff, bevor es andere tun.

JaneJones: Sie sagen, dass deutsche Arbeiterkinder keine anderen Probleme als türkischstämmige Arbeiterkinder haben. Viele Freunde von mir mit Migrationshintergrund haben große Probleme damit, sich selbst innerhalb der verschiedenen Kulturen zu verorten. Obwohl Sie in Deutschland geboren sind, sehen Sie sich nicht als Deutscher und wenn Sie es doch versuchen, werden Sie sehr schnell in Ihre Schranken verwiesen. Wie kann dies Ihrer Meinung nach geändert werden und wäre das Ihrer Ansicht nach überhaupt sinnvoll?

Cem Özdemir: Wichtig ist, dass man trotz aller Hindernisse sich selbst als Inländer sieht und sich nicht selbst zum Ausländer macht bzw. machen lässt.

Salim Spohr: Lieber Cem, bist du eigentlich Muslim?

Cem Özdemir: Ich komme aus einer muslimischen Familie.

MadMax: Herr Özdemir, könnten Sie sich vorstellen, Bundeskanzler der BRD zu sein?

Cem Özdemir: Es dürfte etwas dauern, bis meine Partei die Mehrheit in Deutschland stellt und sich daraus auch der Anspruch ergibt, den Bundeskanzler zu stellen - wenn es soweit ist und ich noch lebe, werde ich sehen, was dann wird.

Moderatorin: Das Ergebnis unserer Chat-Umfrage ist da: ("Können Sie sich eine schwarz-grüne Koalition auf Bundesebene vorstellen, wenn der Atomausstieg beibehalten wird?") 43 Prozent haben ja gesagt, 57 Prozent nein - Wollen Sie kurz darauf reagieren?

Cem Özdemir: Der Atomausstieg alleine würde mir auch nicht genügen. Schließlich geht es auch um die anderen Politikfelder, wo wir uns verständigen müssten.

pp: Cem, ist die Spaltung der Grünen in Fundis und Realos noch zeitgemäß und wie möchtest Du die Lager innerhalb der Partei näher zusammen bringen?

Cem Özdemir: Eines ist jedenfalls klar: Die beiden Bundesvorsitzenden sind grüne Bundesvorsitzende und nicht Flügelvorsitzende. Ich bekomme auch mit, wie immer mehr jüngere Mitglieder bei uns mit den klassischen Flügeln nicht mehr viel anfangen können. Dies muss kein Schaden sein.

werner: Wer ist politisch Dein Vorbild und warum?

Cem Özdemir: Aktuell war und ist es mein ermordeter Freund Hrant Dink, der türkisch-armenischer Journalist war.

Moderatorin: Eine persönliche Frage unsererseits zum Schluss: Berufspolitiker werden ja oft kritisiert als zu unerfahren in anderen Bereichen. Sie sind jung in die Politik gekommen. Wollen Sie in diesem Beruf auch auch alt werden, also Berufspolitiker bleiben?

Cem Özdemir: Ich hatte mich ja schon einmal verabschiedet von der Berufspolitik. Diese Erfahrung, sich in einem Land mit einer anderen Sprache zurecht finden zu müssen, war für mich spannend und hat mir gezeigt, dass ich meine Brötchen auch außerhalb der Parteipolitik verdienen kann. Ansonsten habe ich ja auch noch einen bürgerlichen Beruf. Ich bin Erzieher und Sozialpädagoge.

Cem Özdemir
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Cem Özdemir zu Gast im ARD-Hauptstadtstudio

Moderatorin: Das war bereits eine gute Stunde hier im tagesschau-Chat. Herzlichen Dank, Cem Özdemir, dass Sie sich Zeit für die Diskussion mit den Lesern von tagesschau.de und politik-digital.de genommen haben. Ein Dankeschön auch an unsere User für die vielen Fragen, die wir leider nicht alle stellen konnten. In kurzer Zeit finden Sie das Protokoll dieses Chats auf unserer Homepage. Das tagesschau.de-Team wünscht allen noch einen schönen Tag.

Cem Özdemir: Ich danke allen die sich am Chat beteiligt haben - Keep it real!

Der Chat wurde moderiert von Corinna Emundts, tagesschau.de.

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