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[Bildunterschrift: Richard Chaim Schneider arbeitet seit 1989 für die ARD, berichtete seitdem immer wieder aus Nahost und ist seit 2006 Studioleiter Tel Aviv. ]
Moderator: Herzlich willkommen zu 60 Minuten tagesschau-chat. Der Nahost-Konflikt zwischen Israel und dem Libanon spitzt sich immer mehr zu. Unser Gast ist heute Richard C. Schneider, der für die ARD täglich aus Tel Aviv berichtet. Wir danken ihm herzlich, dass er sich auch in dieser für ihn sehr stressigen Situation die Zeit zum chatten nimmt. Hallo und guten Tag nach Tel Aviv, Herr Schneider! Können wir beginnen?
Richard C. Schneider: Ja.
DuDo: Wie ist denn die Stimmung in Israel?
Richard C. Schneider: Nun, die Menschen machen sich natürlich große Sorgen, aber sie wollen auf alle Fälle durchhalten, weil sie ein Ende des Terrors aus dem Norden wollen.
Haber: Inwiefern ist ein normales Leben in Israel noch möglich?
Richard C. Schneider: Im Norden kaum noch. Da leben die Menschen überwiegend in den Bunkern, die Straßen sind wie leergefegt. Die Geschäfte sind zumeist geschlossen. In Tel Aviv aber z.B. ist das Leben völlig normal, als ob es keinen Krieg gäbe.
Lula: Wie ist denn die persönliche Belastung für Sie und Ihr Team? Bleiben Sie uns gesund!
Richard C. Schneider: Erst einmal vielen Dank. Die Belastung ist wirklich sehr groß. Wir arbeiten alle fast 17, 18 Stunden täglich.
bitola: Hallo Herr Schneider, müssen Sie für Ihre Berichte auch in den Libanon reisen oder halten Sie sich zurzeit nur in Israel auf?
Richard C. Schneider: Ich bin nur in Israel und ich kann gar nicht in den Libanon. In der ARD sind die Berichtsgebiete aufgeteilt. Wir hier im Studio Tel Aviv sind für Israel, die palästinensischen Gebiete und Zypern zuständig, Studio Kairo für die meisten arabischen Länder, also auch für den Libanon. Wir werden nur hinter der israelischen Armee sozusagen in den Süden Libanons "nachrücken", um von dort zu berichten.
tomb: Die Hisbollah droht mit Raketenangriffen auf Tel Aviv. Für wie realistisch halten Sie diese Drohung?
Richard C. Schneider: Nun, die Hisbollah hat noch immer jede ihrer Drohungen wahr gemacht. Insofern muss man auch diese Drohung ernst nehmen.
vivalet: Wie sieht es denn mit dem Raketenbeschuss durch die Hisbollah aus? Hat der überhaupt ein wenig abgenommen?
Richard C. Schneider: Nein, er nimmt weiter zu. Inzwischen gab es ja Tage mit über 200 Raketen auf Israel.
Manfred Kohl: Eine weitere Frage: Wieso gelingt es der israelischen Armee nur so schleppend, die Hisbollah-Milizen aus dem Südlibanon zu vertreiben und damit das Bedrohungspotential für Israel zu minimieren?
Richard C. Schneider: Es gibt zwei Gründe. Der eine: Die Armee will eigene Verluste so weit wie möglich vermeiden. In Israel kippt die Stimmung schnell, wenn zu viele eigene Soldaten sterben müssen. Der zweite Grund: Die Hisbollah ist sehr viel besser ausgerüstet und trainierter als etwa die Palästinenser. Sie haben das Training überwiegend vom Iran erhalten.
Visiter: Ist man denn in Tel Aviv irgendwie darauf vorbereitet, dass es möglicherweise "bald " auch dort zu Raketenangriffen kommt?
Richard C. Schneider: Nun, die meisten Häuser haben einen Bunker oder einen Stahlsicherheitsraum. Ansonsten warten die Menschen ab. Man ist Krieg hier gewöhnt.
Barbara: Zu den Raketen: Woher beziehen Sie Ihre Informationen? Welche Möglichkeiten haben Sie, diese zu überprüfen? Ich habe beobachtet, dass die Angaben in der ARD meist weit unter denen der israelischen Medien liegen.
Richard C. Schneider: Wir versuchen uns an die klassischen journalistische Regeln zu halten: Zwei unabhängige Quellen. Wenn das nicht möglich ist, dann sprechen wir im Konjunktiv oder sagen: "Nach israelischen Angaben", "nach Angaben der Hisbollah". Wir versuchen, möglichst nicht der Propaganda irgendeiner Seite aufzuliegen.
tilly: Wie lange werden die Israelis noch hinter ihrer Regierung stehen?
SiLo: Hallo Herr Schneider, in wiefern steht denn das israelische Volk noch hinter ihrer Regierung bzw. wie lange "spielt" sie da noch mit. Immerhin hat die israelische Armee bis jetzt nicht viel erreicht.
Richard C. Schneider: Soweit man das im Augenblick sagen kann, wird das Volk noch lange hinter der Regierung stehen. Man will die Bedrohung der Hisbollah ein für allemal loswerden. Denn man weiß auch: Dahinter steckt der Iran. Und der Iran will eine Atombombe. Und vor dieser Bedrohung hat man noch mehr Angst. Man sieht diesen Kampf jetzt über den Tag hinaus als Existenzkampf an.
femba: Halten Sie einen Einsatz deutscher Soldaten in der Region für möglich? Wie ist die Meinung dazu in Israel?
Yak: Wie stehen die israelischen Staatsbürger "auf der Straße" einer eventuellen Beteiligung deutscher Soldaten an einer Friedens- oder Schutztruppe gegenüber?
Richard C. Schneider: In Israel hat man damit keine Probleme. Ministerpräsident Ehud Olmert sagte gestern sogar ausdrücklich, dass er eine Beteiligung deutscher Soldaten begrüßen würde, da Deutschland ein guter Freund und Partner ist.
ginjoe: Gestern wurde im ZDF-Auslandsjournal behauptet, iranische Milizen hätten einen Radarposten in Beirut besetzt, um das Kriegsschiff zu markieren, das von einer Cruise Missile der Hisbollah getroffen wurde. Was ist da dran?
Richard C. Schneider: Das können wir von hier aus nicht überprüfen. Das kann vielleicht mein Kollege in Beirut, Patrick Leclercq herausfinden.
Enrique: Was passiert aber, falls die Hisbollah Ihre Drohung war machen sollte und Tel Aviv von Raketen getroffen wird? Ist dann die Gefahr einer Ausweitung des Krieges unumgänglich für den Staat Israel. Besteht nicht dann die Gefahr, dass eine Eskalation des Krieges beginnt, in der die angrenzenden Länder wie Syrien und der Iran sich aktiv in den Krieg einmischen? Sozusagen eine neue Stufe der Gewalt.
Richard C. Schneider: Nun, sicher ist, dass Israel seine Angriffe intensivieren würde. Noch mehr Ziele im Libanon würden angegriffen, keine Frage. Ob man auch Syrien angreifen würde? Im Augenblick versucht die Armee alles, um Syrien NICHT in den Krieg zu ziehen. Schwer zu sagen, im Augenblick.
Moderator: Zwei Beiträge mit ähnlicher Richtung:
Haber: Haben die Bilder von toten Libanesen in Tel Aviv Bestürzung ausgelöst?
Pauline: Ich habe einige israelische Freunde (alle um die 23) und ich muss sagen, dass ich es finde zum Teil erschreckend finde, wie teilnahmslos alles hingenommen wird. Sie bereiten sich mental darauf vor demnächst eingezogen zu werden, aber gleichzeitig geht auch einfach das ganz normal Leben weiter. Wie schätzen Sie das Mitgefühl der Israelis für die libanesische Bevölkerung ein?
Richard C. Schneider: Das Mitgefühl ist auf die eigenen Bürger konzentriert. Man sieht die eigenen Toten, die eigenen Verletzten, die Menschen, die seit Wochen in den Bunkern leben müssen im Norden. Übrigens alles Zivilisten. Insofern hält sich das Mitgefühl in Grenzen für die libanesischen Zivilisten. Allerdings: In der israelischen Presse gibt es natürlich viele Stimmen, die fragen, ob die Militärtaktik richtig ist. Ob man die Hisbollah nur so bekämpfen kann. Dass man sie bekämpfen muss, wird kaum in Zweifel gestellt.
Moderator: Es geht um Zensur - noch mal zwei Fragen im Doppelpack:
Dosenfutter: Welche Art von Zensur findet in den israelischen Medien statt und welche Informationsquellen nutzen Sie, um eine objektive Berichterstattung zu ermöglichen?
nummer5: Ziehen Sie bitte eine Parallele zur Kriegsberichterstattung im Irak-Krieg - was fällt Ihnen auf? Gibt es Selbstzensur bei den israelischen Medien, wie es sie bei den amerikanischen gab?
Richard C. Schneider: Es gibt keine Zensur in Israel. Es gibt eine normale Militärzensur in Kriegszeiten, d.h., dass wir bestimmte Informationen nicht mehr verbreiten dürfen. Etwa, wo genau die Raketen einschlagen, um den Feind keine "Hilfe" zu geben für die nächsten Abschüsse. Zahlen von Gefallenen etc. müssen erst von der Armee freigegeben werden, ehe wir sie verwenden dürfen. Aber wir haben natürlich das Problem, dass wir mit der Armee nicht hinein können in den Südlibanon, dass manche Gebiete militärisches Sperrgebiet sind etc. Aber das ist normal. Irak-Krieg? Da war alles viel schwieriger für die Journalisten, weil es keine Infrastruktur einer freien Presse vor Ort gab, und man nur mit der Armee rein durfte und nichts überprüfen konnte.
St1: Ist in der israelischen Presse der Einsatz geächteter Waffen, wie z.B. Splitterbomben, ein Thema? Wurden die unerklärlich geschwärzten Leichen erwähnt?
Richard C. Schneider: Ja, man diskutiert das. Fragt nach, ob das der Wahrheit entspricht. Die Armee verneint das. Man bohrt weiter nach. Es gibt sehr kritische Stimmen diesbezüglich.
Nuf: Israel betont dieser Konflikt sei einer mit der Hisbollah, nicht mit dem Volk des Libanons. Nun belaufen sich die Kriegsschäden auf mittlerweile über zwei Milliarden Dollar. Gibt es eine Diskussion in Israel über Reparationszahlungen?
Richard C. Schneider: Nein. Gar nicht.
Avi: Wie ist die Haltung Israels in bezug auf die libanesische Opposition zur Hisbollah? Gibt es Unterstützungen?
Richard C. Schneider: Es wird wenig darüber nachgedacht. Israel sagt: Es ist Aufgabe der Libanesen, sich mit der Hisbollah auseinanderzusetzen. Sie haben sich bislang von der Hisbollah terrorisieren lassen, vielleicht werden sie es jetzt begreifen, dass sie einen hohen Preis dafür zahlen müssen.
Gregor: Da man die Hisbollah wohl kaum mit politischen Mitteln schlagen kann, ist doch auch eine UN Truppe kein Garant für Sicherheit. Verhandeln funktioniert ja auch nicht, aufgrund der radikalen Sicht der Hisbollah. Wie sieht Israel da seine Zukunft? Muss Israel nicht zwangsläufig den Krieg bis zum "bitteren Ende " führen um die Hisbollah vollkommen auszuschalten?
Richard C. Schneider: Israel sagt ja, dass man den Krieg bis "zum Ende" führen will. Allerdings: Was das genau bedeutet, weiß eigentlich niemand mehr. Zu Beginn des Krieges hieß es: Wir müssen die Hisbollah vernichten und entwaffnen. Nun heißt es: wir müssen sie hinter den Litani-Fluss treiben. Die Armee merkt, dass es schwierig ist, gegen eine Guerilla-Taktik zu siegen.
marktraeumung: Sind die Drohungen Israels, die Infrastruktur im Libanon im Falle eines Raketenbeschusses von Tel Aviv weitestgehend zu zerstören, realistisch? Welches Szenario droht dann?
Richard C. Schneider: Das ist realistisch. Keine Frage.
SiLo: Nach vier Wochen Krieg und ist der Raketenbeschuss der Hisbollah nicht zurückgegangen. Was glaubt die israelische Armee bis jetzt erreicht zu haben? Hat man die Hisbollah in irgendeiner Weise geschwächt?
Richard C. Schneider: Sie behauptet das. Inwiefern das stimmt, können wir einfach nicht überprüfen. Was klar ist: Bewegliche kleine Abschussrampen für Raketen (meistens Lastwagen oder sogar aus Wohnungen heraus) sind natürlich schwer aufzuspüren.
Andre: Was wird nach Ihrer Meinung passieren, wenn sich der Iran aktiv und militärisch in den Konflikt einmischt, wie es angedroht wurde?
Richard C. Schneider: Das wäre ein Szenario, das eine echte Katastrophe im Nahen Osten auslösen würde. Ich glaube allerdings nicht, dass der Iran das zum jetzigen Zeitpunkt machen wird. Im Augenblick hat Israel noch die besseren Waffensysteme.
Moderator: Zwei Fragen zusammen:
nummer5: Der Konflikt wird in Deutschland durch Protestaktionen der Libanesen begleitet (Karlsruhe / letzten Samstag) Was machen die Friedensaktivisten in Israel derzeit?
Barbara: Wie schätzen Sie die israelische Friedensbewegung ein? Ist sie nicht viel kleiner, als man das aus Europa manchmal erhofft?
Richard C. Schneider: Die Friedensbewegung unterstützt diesen Krieg, weil die Bedrohung der Hisbollah, des Iran sehr ernst genommen wird. Es kommt noch etwas dazu. Und zwar: Gerade weil man sich aus besetzten Gebieten zurückgezogen hat (Südlibanon, Gaza), wird die Reaktion Israels in Zukunft so "brutal" sein, weil nun eigenes Staatsgebiet angegriffen wird. Da kennt man kein Pardon. Es wirkt also paradox: Je mehr Gebiete man zurückgibt, desto härter reagiert man auf Angriffe.
Yak: Hier in Deutschland wird das Wort "Krieg" vermieden - von Konflikt oder Krise ist die Rede. Wie wird die "Krise" in Israel bezeichnet?
Richard C. Schneider: Als Krieg. Schlicht und geradeheraus.
Styria: Welche Informationen haben Sie über den Hisbollah-Angriff auf die Chemiefabrik? War das Zufall oder sollte hier ein chemischer GAU verursacht werden, der nur ausblieb, weil es sich offenbar um ein harmloses Reinigungsmittel handelte?
Richard C. Schneider: Schwer zu sagen. Dass die Hisbollah weiß, wo sich bestimmte "weiche" Ziele finden, ist klar. Auch, dass sie sie gerne treffen wollen. Aber ob das Zufall war oder Absicht, kann ich nicht sagen.
koch: Wie schätzen Sie die Stimmungslage in der arabischen Welt? Mir scheint die Gemüter waren im Karikaturen Streit erregter als jetzt.
Richard C. Schneider: Ja. Die moderaten Länder, also etwa Ägypten, Jordanien, Saudi-Arabien fürchten die Macht des Iran ebenso wie Israel. Natürlich sagen ihre Herrscher die "richtigen Worte" und verurteilen Israel, klar. Aber im Grunde haben sie ein ebenso großes Interesse, Teheran in Schach zu halten, wie Israel. Insofern gibt es da eine interessante "stille Koalition" zwischen Israel und diesen Ländern.
Europe20: Hat Israel das Potential der ausgehenden Bedrohungen vom Libanon in Relation zu Iran nicht deutlich falsch eingeschätzt. Nach den Äußerungen des iranischen Staatspräsidenten und dem möglichen Potential bald in Besitz einer Atombombe zu sein, scheint der Fokus im Nahen Osten nun auf das "kleinere" Problem übergegangen zu sein?
Richard C. Schneider: Aus israelischer Sicht, ist das nicht das "kleinere Problem", sondern Teil des "Großen Problems". Wenn es gelingt die Hisbollah auszuschalten, dann hat man erst einmal Ruhe an der Nordgrenze. Auch für den Fall eines größeren direkten Konflikts mit dem Iran. Spätestens dann wären die Raketen aus dem Libanon dann keine zusätzliche Bedrohung mehr.
eck: Wie lange kann die israelische Armee diesen Krieg noch durchhalten?
Richard C. Schneider: Sehr lange. Die Armee hat große Reservoirs, auch finanziell.
MI6: Stimmt es, dass auf Seiten der Hisbollah iranische Elitekämpfer stehen?
Richard C. Schneider: Das habe ich auch gehört, kann es aber nicht verifizieren von hier aus.
captnpk1: Liest man ausländische Medien, bekommt man eine vollkommen andere Sichtweise präsentiert. Denken Sie die Berichterstattung in deutschen Medien belichtet den Konflikt objektiv von zwei Seiten?
Richard C. Schneider: Ich bekomme die deutschen Medien im Augenblick nur teilweise mit, da ich selbst so sehr in der eigenen Berichterstattung drin bin. Ich weiß aber aus der Vergangenheit, dass in Deutschland (ähnlich wie in anderen Ländern Europas) viele Kommentatoren sich zu Nahost äußern, die entweder noch nie hier waren, oder aber nur eine Seite kennen. Dadurch entstehen oft eigenartige Zerrbilder. Man geht in Deutschland immer wieder von einem Weltbild aus, das sehr "europäisch" ist: Zivilisierte, demokratische Staaten tragen einen Streit in einer ganz bestimmten Form aus. Das ist im Nahen Osten einfach anders. Allein der große und tiefe Einfluss der Religion verändert hier alles, das Denken, das Handeln. Viele Menschen in Europa begreifen das nicht wirklich.
Radio-Karin: Da ja in den Medien davon berichtet wurde, dass Sendeanlagen vom libanesischen Hisbollah-Fernsehen und auch diverse Radiosender getroffen wurden, stellt sich mir die Frage, inwiefern die Menschen im Libanon über die aktuellen Entwicklungen informiert werden. Geschieht dies nur mittels Flugblättern der Israelis oder gibt es in der Region noch aktive Sender?
Richard C. Schneider: Das kann ich von hier aus nur schwer beurteilen. Soviel ich weiß, gibt es noch TV-Sender, die in Betrieb sind.
Uri: Spielen die von Deutschland an Israel gelieferten Waffen momentan eine Rolle?
Richard C. Schneider: Nein.
Kobi: Bekommen Sie terminologische Vorgaben der ARD Redaktion? Wenn ja, welche?
Richard C. Schneider: Ja. Z.B. gibt es die Regelung, nicht von einem "Krieg" zu sprechen, sondern von einer "kriegerischen Auseinandersetzung" oder einem "Konflikt". In der ARD-Aktuell Redaktion werden solche Vorgaben gemacht. "Krieg" wird nur auf einen Konflikt zwischen zwei Staaten und zwei Armeen angewendet.
Nuf: Will die israelische Regierung wirklich eine UN-Friedenstruppe, oder redet sie im Moment darüber, in der Gewissheit das die Einigung darüber noch ewig dauern wird und sie währenddessen ihren eigen Zielen nachgehen kann?
Richard C. Schneider: Israel will zum ersten Mal in seiner Geschichte tatsächlich eine internationale Truppe haben. Allerdings nur mit einem "robusten Mandat", also mit der Erlaubnis, kämpfen und eingreifen zu können. Wenn das nicht der Fall sein sollte, dann ist sie unsinnig. Das zeigte sich ja schon seit Jahrzehnten mit der UNIFIL im Libanon. Diese Soldaten konnten und haben nichts verhindern können.
Moderator: Ein Kompliment:
yaakov: Sehr geehrter Herr Schneider, ich bin deutscher Israeli in Jerusalem und verfolge Ihre Berichterstattung und muss sagen, dass ich sehr überrascht von der doch relativ ausgewogenen Betrachtung von Ihnen war.
Richard C. Schneider: Vielen herzlichen Dank. Darum bemühe ich mich täglich.
Andre: Glauben Sie ernsthaft, dass sich die Hisbollah von einer UNO oder NATO Truppe entwaffnen lassen wird und freiwillig Ihre Existenzberechtigung damit abgibt?
Richard C. Schneider: Nein, ehrlich gesagt. Darum habe ich persönlich auch meine Zweifel, wie ein ernsthafter Waffenstillstand, der zugleich das Gesamtproblem lösen will, aussehen soll.
mike2: Wie beurteilen Sie die Leistungen der UNO-Beobachter an der israelisch-libanesischen Grenze in den letzten Jahren, besonders seit 2000? Hat es hier irgendwelche Erfolge gegeben, terroristische Aktivitäten zu unterbinden? Gab es nicht Berichte von Zwischenfällen in unmittelbarer Nähe der UNO-Stationen, die eigentlich nicht hätten passieren dürfen?
Richard C. Schneider: Die UNIFIL war eine ziemlich hilflose Truppe. Es gab ja sogar den Fall, dass sie eine Entführung von drei israelischen Soldaten durch die Hisbollah nur ein paar 100 Meter von ihnen entfernt gefilmt hat, ohne einzugreifen. Israel hält nichts von der UNIFIL. Sie hat ja auch den Bunkerausbau der Hisbollah an der Grenze zu Israel nicht verhindert.
Moderator: Noch mal zur Internationale Truppe:
Eurovision: Wie sollte diese Truppe aussehen? Wer sollte die LeadForce sein, wer soll Kontingente abstellen?
Richard C. Schneider: Die Idee, eine Truppe unter NATO-Aufsicht abzustellen, finde ich persönlich am besten. Die UNO ist keine wirkliche "Macht". Die NATO aber schon. Und wenn man die NATO angreifen würde (etwa der Iran), dann hat man es mit dem gesamten Westen zu tun. Das wäre vielleicht eine gute Abschreckung. Es würde vielleicht auch Israel eine gewisse "Sicherheit" geben, so dass die israelische Politik sich auch verändern könnte.
anneo: Denken Sie persönlich, dass das strikte Vorgehen Israels gegen die Hisbollah Milizen und die Bombardierung des Libanons zu dem Erfolg führen werden, den die israelische Bevölkerung sich erhofft bzw. verspricht?
Richard C. Schneider: Ich fürchte, nein.
23456: Wie kommt die Hisbollah an russische Raketen?
Richard C. Schneider: Da kann ich nur Vermutungen anstellen. Vielleicht noch aus alten Beständen aus dem Kalten Krieg, illegaler Waffenhandel. Das kann sicher mein Kollege in Beirut besser beantworten.
o20: Wie geht es denn jetzt weiter: Was sind Israels Pläne für die nächsten 14 Tage?
Richard C. Schneider: Nun, ich bin zwar im Lande der Propheten, aber das kann ich Ihnen beim besten Willen nicht beantworten. Das werden mir weder Regierung noch Generalstab verraten.
Zvonimir: Melden sich nun auch Freiwillige zur Israelischen Armee? Kommen auch Ausländer dazu?
Richard C. Schneider: Reservisten werden eingezogen, ja. Ausländer? Wenn Sie Israelis meinen, die im Ausland leben, so ist das noch nicht der Fall. Diese kamen in der Vergangenheit immer erst dann zurück, wenn es wirklich "ganz ernst" wurde. So schlimm ist es aber noch nicht.
saliva: Von Ariel Sharon bekommt man hier in den Nachrichten nicht mehr viel mit. Liegt er immer noch im Koma oder hat sich sein Zustand wieder gebessert?
Richard C. Schneider: Nein, er ist im Koma und sein Zustand hat sich vor zwei Wochen noch weiter verschlechtert.
Reg: Ihr Kollege Patrick Leclercq hat vor ein paar Tagen erzählt, dass er alle möglichen Infoquellen nutzt, auch die so genannten "Warblogs". Wie sieht das bei Ihnen aus?
Richard C. Schneider: Nein, wir benutzen die nicht.
ali38: Glauben Sie, dass Israel weiter existieren kann?
Richard C. Schneider: Das ist wirklich eine sehr ernste und schwere Frage. Es wird sehr darauf ankommen, wie die Welt mit der iranischen Bedrohung und dem internationalen Terrorismus umgehen wird. Israel ist stärker denn je in seiner Geschichte, aber auch gefährdeter denn je, denn die Waffenarsenale des Iran sind bestens gefüllt. Und eine Atombombe in den Händen von Ahmadinejad wird Israel zumindest nicht "ruhiger" machen.
escort: Stimmt es, dass die Israelis den Hisbollah-Chef in einer Fernsehansprache nicht hören dürfen?
Richard C. Schneider: Nein. Das ist falsch. Alle Ansprachen von Nasrallah werden sofort auch im israelischen Fernsehen ausgestrahlt und live analysiert.
nIcKnIgHt: Stehen Sie eigentlich mit den ARD-Korrespondenten in Beirut in ständiger Verbindung? Tauschen Sie sich aus? Funktionieren die Handy-Netze im Libanon überhaupt noch zuverlässig oder muss man auf andere Arten der Kommunikation zurückgreifen?
Richard C. Schneider: Patrick Leclercq und ich haben einmal miteinander telefoniert via Handy. Wir haben uns über ein paar Projekte unterhalten, die wir miteinander noch machen wollen, und haben uns kurz über die Situation ausgetauscht. Ansonsten versinken wir aber beide so sehr in Arbeit, dass nur wenig Zeit für Gespräche da ist.
Moderator: Letzte Frage:
der T: Gibt es in Israel das Gefühl, von der Europa (Deutschland) allein gelassen zu werden?
Richard C. Schneider: Von Deutschland nicht. Im Gegenteil. Von Frankreich, den skandinavischen Ländern und noch ein paar anderen: Ja.
Moderator: Das waren 60 Minuten tagesschau-Chat zu einem hochbrisanten Thema. Wir bedanken uns bei allen, die mitgemacht haben und bitten jene um Verständnis, deren Frage wir heute nicht berücksichtigen konnten. Besonderen Dank an Richard C. Schneider, der sich für uns Zeit genommen hat. Herr Schneider, Ihnen gehört das letzte Wort.
Richard C. Schneider: Ich möchte mich bei allen Teilnehmern für das große Interesse bedanken. Ich fand das eine sehr spannende und kurzweilige Stunde. Ich hoffe, dass ich Ihnen in Zukunft in der ARD weiterhin die Situation so gut wie möglich "rüberbringen" kann. Jetzt fliege ich erst einmal für drei Wochen zurück nach Deutschland, um zu "packen", da ich ab 1. September als neuer Studioleiter das Studio in Tel Aviv übernehmen werde. Vielen Dank und bis bald.
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