Horst Seehofer | Bildquelle: dpa

Seehofer dankt Helfern in Bad Aibling "Hohes Maß an Einfühlsamkeit"

Stand: 10.02.2016 16:25 Uhr

Bayerns Ministerpräsident Seehofer hat in Bad Aibling die Arbeit der Rettungskräfte gewürdigt. Unter schweren Bedingungen leisteten sie "hervorragende Arbeit". Derweil wies die Polizei Berichte zurück, wonach es einen dringenden Verdacht gegen einen Stellwerksmitarbeiter gebe.

Einen Tag nach dem schweren Zugunglück mit zehn Toten hat der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer den Unglücksort bei Bad Aibling besucht. Gemeinsam mit Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt sprach er mit den Rettungskräften.

"Das ist eine furchtbare Tragödie, ganz Bayern ist tief betroffen", sagte der CSU-Chef auf einer Pressekonferenz zum Abschluss seines Besuches. Den Angehörigen der Todesopfer sprach er abermals seine Anteilnahme aus. "Wir beten und hoffen, dass die Verletzten ihre Verletzungen überwinden."

Unglücksursache bleibt weiterhin unklar
nachtmagazin 00:45 Uhr, 11.02.2016, Julian von Löwis, BR

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Besonders dankte Seehofer den etwa 700 Helfern für ihre "hervorragende Arbeit unter schweren Bedingungen". Bei Gesprächen mit Opfern sei neben der fachlichen Qualität der Rettungskräfte auch deren "menschliche Anteilnahme und hohes Maß an Einfühlsamkeit" hervorgehoben worden. Die Retter hätten die Anerkennung ganz Deutschlands, sagte Seehofer und würdigte die "gewaltige psychische und menschliche Belastung".

Die Ermittlungen müssten nun zeigen, welche Konsequenzen gezogen werden müssen, "um solche Tragödien noch ein Stück unwahrscheinlicher zu machen".

Dritte Black Box muss noch geborgen werden

An der Unglücksstelle wird an der Bergung der beiden zerstörten Züge gearbeitet. Wie ARD-Korrespondentin Mira Barthelmann berichtete, ist dafür seit den Mittagsstunden ein Kranzug im Einsatz, der Lasten bis zu 75 Tonnen stemmen kann. Auch die Suche nach den Ursachen der Katastrophe weiter. Barthelmann zufolge sucht die Kriminalpolizei an der Unglücksstelle nach wie vor nach Spuren. Zum derzeitigen Ermittlungsstand wolle sich die Polizei jedoch nicht äußern - ermittelt werde weiter "in alle Richtungen".

Verkehrsminister Dobrindt sagte auf Phoenix, er rechne damit, dass noch im Laufe des Tages die dritte Black Box geborgen werde: "Staatsanwaltschaft und Eisenbahnbundesamt müssen alle drei Black Boxes ausgewertet haben, ehe Rückschlüsse gezogen werden können", sagte der CSU-Politiker.

Auch die Staatsanwaltschaft Traunstein will sich noch nicht zum Stand der Ermittlungen äußern. "Zur genauen Ursache können derzeit noch keine Aussagen getroffen werden, die Ermittlungen stehen hier noch am Anfang", teilte das Polizeipräsidium Oberbayern mit.

Black Box bei der Bahn

Die Black Box ist vor allem aus der Luftfahrt bekannt, aber auch bei Eisenbahnen gibt es elektronische Fahrtenschreiber. Moderne Züge sind mit einer Datenspeicherkassette ausgerüstet. Das Gerät zeichnet die Geschwindigkeit, Zeit, Wegstrecke, die Befehle des Lokführers und die Eingriffe des automatischen Zugsteuerungssystems auf. Diese Black Box wird in die Lok beziehungsweise das Triebfahrzeug des Zuges eingebaut.

Polizei: Ermittlungen noch am Anfang

Ein Polizeisprecher wies Berichte zurück, wonach es einen dringenden Verdacht gegen den Fahrdienstleiter in einem Stellwerk gebe. "Wir wehren uns vehement gegen dieses Gerücht", sagte Polizeisprecher Jürgen Thalmeier am Unglücksort im Hinblick auf entsprechende Berichte. Zwar könne ein Fehler oder Vergehen des Diensthabenden auch nicht ausgeschlossen werden; die Ermittlungen stünden noch am Anfang. Doch sei der Fahrdienstleiter bereits unmittelbar nach dem Zusammenstoß der zwei Regionalzüge befragt worden. Daraus ergebe sich "noch kein dringender Tatverdacht", betonte Thalmeier.

Das Redaktionsnetzwerk Deutschland und mehrere Nachrichtenagenturen hatten zuvor gemeldet, ein Mitarbeiter im Stellwerk könnte das automatische Sicherheitssystem außer Kraft gesetzt haben, um einen verspäteten Meridian-Zug passieren zu lassen. Dieser Zug habe aber nicht mehr rechtzeitig einen Ausweichpunkt erreicht, was zur Kollision führte.

Sonderkommission ermittelt

Wie Bayerns Innenminister Joachim Herrmann bekannt gab, arbeitet inzwischen eine 50-köpfige Sonderkommission der Kriminalpolizei an dem Fall. Zudem steht inzwischen die Identität von neun der zehn Opfer fest. Dabei handelt es sich ausschließlich um Männer im Alter von 24 bis 60 Jahre, wie Thalmeier sagte. Sie alle stammten aus der Region. Unter ihnen seien auch die zwei Lokführer sowie ein Lehr-Lokführer, der routinemäßig einen der beiden Männer auf seiner Fahrt begleitete.

Hintergrund: PZB-System zur Zugsicherung

Je schneller Züge auf einer Strecke fahren dürfen, desto höher sind die Anforderungen an zusätzliche Sicherungstechnik, die menschliche Fehler ausbügeln soll - denn auch Bremswege werden länger.

Bis Tempo 160 wird die "Punktförmige Zugbeeinflussung" (PZB) eingesetzt. Installiert ist sie nach Angaben der Deutschen Bahn, die das Schienennetz betreibt, auch auf der eingleisigen Strecke in Bayern, auf der zwei Züge frontal zusammengestoßen waren. Das System dort war erst eine Woche zuvor überprüft worden. Dabei gab es laut Bahn keine Probleme.

Bei dem PZB-System empfängt ein Gerät im Zug Signale von Magneten im Gleisbett - diese sind mit einem ersten Vorsignal und dem 1000 Meter weiter stehenden Hauptsignal verkabelt. Steht das Hauptsignal auf Rot, zeigt dies auch bereits das Vorsignal an. Der Lokführer muss mit einer Taste bestätigen, dass er dies bemerkt hat, sonst bremst ihn die Technik ab. Rollt der Zug über das rote Hauptsignal, wird ebenfalls eine Zwangsbremsung ausgelöst. Das System kann auch eingreifen, wenn Züge etwa in engen Kurven die Geschwindigkeit nicht wie vorgeschrieben gedrosselt haben.

Wo schneller als Tempo 160 gefahren wird, werden Fahrtdaten nicht nur punktuell, sondern ständig technisch kontrolliert. Diese "Linienzugbeeinflussung" (LZB) kann ebenfalls automatische Bremsungen auslösen.

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