NSU-Prozess | Bildquelle: picture alliance / dpa

Prozess in München Zschäpe weist alle Schuld von sich

Stand: 09.12.2015 15:48 Uhr

Bis heute hat sie geschwiegen - nun hat die Hauptangeklagte im NSU-Prozess, Zschäpe, ausgesagt und bestritten, bei den Morden und Anschlägen mitgemacht zu haben. Sie schiebt die Schuld damit allein ihren Freunden Mundlos und Böhnhardt zu.

Von Ernst Eisenbichler, BR

Beate Zschäpes Pflichtverteidiger Mathias Grasel verlas vor dem Oberlandesgericht (OLG) München die Erklärung seiner Mandantin. Zschäpe sprach nicht selbst. "Ich weise den Vorwurf der Anklage, ich sei ein Mitglied einer terroristischen Vereinigung namens NSU gewesen, zurück", hieß es im Wortlaut.

Zschäpe behauptete, dass es den NSU eigentlich gar nicht gegeben habe. Er sei einzig und allein die Idee von Uwe Mundlos gewesen. "Ich habe mich weder damals noch heute als Mitglied gesehen", so die 40-Jährige.

"Fassungslos“ wegen Taten

Zschäpe bestritt zudem, an den zehn Morden und zwei Sprengstoffanschlägen beteiligt gewesen zu sein, die die Bundesanwaltschaft dem NSU vorwirft. Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos hätten sie jeweils erst hinterher darüber informiert. Sie sei "fassungslos" gewesen, als sie davon erfahren habe. Das Handeln der Freunde sei für Zschäpe "unerträglich und inakzeptabel" gewesen. Doch wenn sie sich gestellt hätte, hätten sich Mundlos und Böhnhardt selbst getötet, deshalb habe sie sich gegen ein Aussteigen entschieden, so Zschäpe.

Brandstiftung eingeräumt

Die Brandstiftung in der Zwickauer Frühlingsstraße räumte die Hauptangeklagte allerdings ein. Doch sie wies den Anklagevorwurf des versuchten Mordes zurück: Sie sei sich sicher gewesen, dass weder ihre Nachbarin noch zwei Handwerker im Haus gewesen seien. Auch gab sie zu, von den Raubüberfällen gewusst zu haben, jedoch keine Einzelheiten.

Zschäpe entschuldigte sich bei den Opfern der Terrorgruppe: "Ich fühle mich moralisch schuldig, dass ich zehn Morde und zwei Sprengstoffanschläge nicht verhindern konnte. Ich entschuldige mich bei allen Opfern und Angehörigen der Opfer der von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt begangenen Straftaten."

Zschäpe bestreitet Tatbeteiligung und Mitgliedschaft
tagesthemen 22:15 Uhr, 09.12.2015, Eckhart Querner, BR

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"Böhnhardt liebte ich"

Zschäpe schilderte in ihrer Aussage auch eine schwierige Kindheit und Jugend in der DDR. Ferner beschrieb sie die Beziehung zu Mundlos und Böhnhardt: "Ich musste feststellen, die beiden brauchten mich nicht, ich brauchte sie. Gegenüber Mundlos hatte ich große freundschaftliche Gefühle und Uwe Böhnhardt liebte ich." Sie sei eine Beziehung mit Böhnhardt eingegangen und stärker in Kontakt zu Böhnhardts Freunden gekommen, die nationalistischer eingestellt gewesen wären als die von Mundlos. Zschäpe betonte auch die zentrale Rolle des ehemaligen V-Manns Tino Brandt in der Jenaer Neonazi-Szene.

Nebenklage-Vertreter entsetzt

Nebenklage-Vertreter kritisierten Zschäpes Erklärung scharf. So sagte Rechtsanwalt Sebastian Scharmer: "Die Aussage ist konstruiert, ohne Belege und in sich widersprüchlich. Zschäpe wird sie nicht vor einer Verurteilung retten. Den Nebenklägern nützt sie nicht." Entrüstet äußerte sich Gamze Kubasik, Tochter eines der Mordopfer: "Die angebliche 'Entschuldigung' für die Taten von Mundlos und Böhnhardt nehme ich nicht an: Sie ist eine Frechheit, vor allem wenn sie dann noch verbunden wird mit der Ansage, keine unserer Fragen zu beantworten."

Zu Grasels Antrag, Zschäpes Altverteidiger zu entpflichten, meinte Nebenklage-Anwalt Bernd Behnke lakonisch: "Pflichtverteidiger Heer, Stahl und Sturm müssen durchhalten. Es ist auch gar nicht gesagt, dass deren Schweigestrategie schlechter als die heutige Erklärung war."

Frank Bräutigam, SWR, zu Zschäpes Aussage
tagesthemen 22:15 Uhr, 09.12.2015

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Zschäpe droht lebenslang Gefängnis

Zschäpe wird beschuldigt, unter anderem an zehn Morden, zwei Sprengstoffanschlägen und 15 Raubüberfällen als Mittäterin beteiligt gewesen zu sein. Außerdem wird ihr Brandstiftung vorgeworfen. Der 40-Jährigen drohen eine lebenslange Freiheitsstrafe, die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld und Sicherungsverwahrung.

Seit Mai 2013 steht die mutmaßliche Rechtsterroristin vor Gericht. Dem NSU, dem laut Bundesanwaltschaft Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt angehörten, werden neun Morde an Migranten und die Ermordung einer Polizistin vorgeworfen. Mundlos und Böhnhardt hatten sich im November 2011 nach einem missglückten Überfall mutmaßlich selbst getötet. Kurz darauf stellte sich Zschäpe der Polizei.

NSU-Prozess: Was Beate Zschäpe nicht gesagt hat
T. Marsen, BR
09.12.2015 19:03 Uhr

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