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Nach dem gescheiterten Machtwechsel in Hessen hat sich SPD-Landeschefin Andrea Ypsilanti "maßlos enttäuscht" über die Entscheidung der vier Abweichler gezeigt, sie nicht zur hessischen Ministerpräsidentin wählen zu wollen. Nach dem monatelangen Abstimmungsprozess auf Versammlungen, Konferenzen und Parteitagen verstehe sie diese kurzfristige Entscheidung nicht, sagte Ypsilanti in Wiesbaden. Dafür habe es keine Hinweise gegeben.
[Bildunterschrift: Ypsilanti wurde nach eigenen Angaben von der Entscheidung der Abweichler überrascht. ]
Die SPD-Chefin betonte, sie wäre den Weg einer Zusammenarbeit mit der Linken nicht gegangen, wenn sie von diesen Bedenken gewusst hätte. Insbesondere Carmen Everts sowie Parteivize Jürgen Walter hätten sie noch im Sommer gebeten, die Partei zusammenzuführen und "diesen Weg zu gehen".
Der Vorstand der hessischen SPD stellte sich deutlich hinter Ypsilanti und forderte Parteivize Walter zum Rücktritt auf. "Wir gehen als Landesvorstand davon aus, dass Jürgen Walter seinen stellvertretenden Landesvorsitz zur Verfügung stellt", sagte Vorstandsmitglied Manfred Schaub in Wiesbaden. Die vier SPD-Abgeordneten würden aufgefordert, ihre Mandate zurückzugeben, sagte Vorstandsmitglied Gernot Grumbach.
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[Bildunterschrift: Müntefering kritisierte, dass die Abweichler erst jetzt ihre Bedenken öffentlich gemacht haben. ]
SPD-Chef Franz Müntefering kritisierte das Verhalten der vier hessischen Landtagsabgeordneten mit deutlichen Worten. Zwar gebe es in der Politik keine höhere Verantwortung als die Gewissensfreiheit eines gewählten Abgeordneten, sagte Müntefering in Berlin. Die Verantwortung eines Parlamentariers beginne aber nicht erst beim Gang zur Wahlkabine, sondern bereits während der Vorbereitung. Im ARD-Brennpunkt äußerte er Unverständnis darüber, dass man eine derartige Entscheidung erst 24 Stunden vor der Abstimmung öffentlich mache. Dies könne er "nicht verstehen und nicht akzeptieren." Es habe im Vorfeld zahlreiche Treffen und Probeabstimmungen gegeben, bei denen drei der vier Abgeordneten ihre Ablehnung nicht öffentlich gemacht hätten.
Müntefering sprach von einem "schweren Schlag" für die hessische SPD. Die Entscheidung der vier Abgeordneten sei von der SPD-Führung mit einer Mischung aus "Betroffenheit und Empörung" aufgenommen worden.
Dagegen bekundete der geschäftsführende Ministerpräsident Koch seinen "großen persönlichen Respekt" vor der Entscheidung der Abweichler. Als Konsequenz aus deren Entscheidung schloss er Neuwahlen nicht aus. "Das sind jetzt Fragen von Tagen und nicht von Monaten", sagte Koch in Wiesbaden und verwies darauf, dass die Mehrheit der hessischen Bürger laut Umfragen für Neuwahlen sei. Gleichzeitig kündigte er an, dass die CDU mit "allen demokratischen Parteien" über eine Regierungsbildung reden werde - allerdings ohne etwas "über das Knie zu brechen".
[Bildunterschrift: Hessens Grünen-Chef Al-Wazir sieht "Neuwahlen ein Stücke näher gerückt". ]
Grünen-Fraktionschef Tarek Al-Wazir, dessen Landesverband erst gestern dem Koalitionsvertrag mit der SPD mit überwältigender Mehrheit zugestimmt hatte, schloss eine rot-grüne Koalition "in dieser Wahlperiode" aus. Der Landesvorstand der Grünen sprach sich am Abend "für eine baldmögliche Auflösung des hessischen Landtags und damit Neuwahlen" aus Für Samstag berief der Vorstand einen kleinen Parteitag in Frankfurt ein.
Die Bundesvorsitzende der Grünen, Claudia Roth, sprach von einem "desaströsen Versagen" der hessischen SPD und einem "Abgrund von Politikunfähigkeit". Offenbar gebe es in der SPD ein "eklatantes Unvermögen", Debatten in der eigenen Partei einzuschätzen. Den vier Abweichlern in der Hessen-SPD warf Roth eine "politische Verkommenheit" vor.
Der Landesvorsitzende der Partei Die Linke, Ulrich Wilken, bezeichnete die Entwicklung als einen "schwarzen Tag" für Hessen, die SPD und Ypsilanti.
Die nordrhein-westfälische Landesvorsitzende Hannelore Kraft, die auch SPD-Vorstandsmitglied ist, verurteilte die Entscheidung. "Ich halte das menschlich für eine Katastrophe", sagte Kraft am Rande einer Präsidiumssitzung in Berlin. Sie erwarte aber keine politischen Auswirkungen auf die Bundes-SPD.
Unterdessen wurden in der hessischen SPD erste Forderungen nach Konsequenzen für die vier Abweichler laut. Gegenüber der "Frankfurter Rundschau" kündigte der Darmstädter Vorsitzende der SPD-Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen, Horst Raupp, an, dass er den Parteiausschluss der Abgeordneten beantragen werde. Er bezeichnete deren Entscheidung als "Verrat an der Partei" und warf ihnen "Charakterlosigkeit" vor.
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Die vier Landtagsabgeordneten Walter, Everts, Dagmar Metzger und Silke Tesch hatten am Mittag bekannt gegeben, dass sie Ypsilanti die Stimme verweigern und gegen eine Koalition stimmen würden, die von der Linksfraktion toleriert würde. Ohne deren Unterstützung fehlte im Landtag die erforderliche Mehrheit, um den geschäftsführenden Ministerpräsidenten Roland Koch abzulösen. Alle begründeten ihre Entscheidung mit Tolerierung einer rot-grünen Koalition durch die Partei "Die Linke". Vor der Wahl hatte Ypsilanti eine Zusammenarbeit mit der Linkspartei noch kategorisch ausgeschlossen.
[Bildunterschrift: Walter und Ypsilanti gelten schon seit langem als innerparteiliche Rivalen. ]
Walter, der wiederholt Kritik am Ypsilanti-Kurs geübt hatte, erneuerte seine Ablehnung des Koalitionsvertrags zwischen SPD und Grünen. Dieser enthalte Vereinbarungen, die schädlich für Hessen seien. Er bedauere inzwischen, sich nicht bereits im März an die Seite von Metzger gestellt zu haben, die eine Zusammenarbeit mit der Linkspartei stets abgelehnt hatte. Sein Zögern bezeichnete er als "Fehler". Er räumte ein, dass der gegen ihn erhobene Vorwurf der Wankelmütigkeit zutreffend sei. Er habe zwar versucht, konstruktiv mitzuarbeiten, sei aber "hin- und hergerissen" gewesen.
Everts sprach von einem großen Gewissenskonflikt. Sie bezeichnete die Linkspartei als eine zum Teil linksextremistische Partei mit einem gespaltenen Verhältnis zur Demokratie. Everts erklärte, sie sei "zutiefst zerrissen", wisse aber keine Alternative. Auch Tesch sprach von großem psychischen und physischen Druck. Sie habe sich aber für ihre Glaubwürdigkeit entschieden. Dabei stehe sie nicht alleine. Im Landesverband rumore es.
Die Landtagsabgeordnete Metzger zeigte sich erfreut über die Entscheidung ihrer Kollegen. Sie verwies erneut auf ihre Freiheit als Abgeordnete. Dazu gehöre auch der Respekt vor ihrer persönlichen Entscheidung.
Metzger hatte als einzige der 57 Parlamentarier von SPD, Grünen und Linkspartei von Anfang an erklärt, sie wolle Ypsilanti ihre Stimme verweigern, weil sie die geplante Bildung einer rot-grünen Minderheitsregierung mit Hilfe der Linkspartei ablehnt. Walter hatte auf dem SPD-Landesparteitag in Fulda am Samstag bekanntgegeben, dass er den ausgehandelten Koalitionsvertrag von SPD und Grünen ablehnt. Sein Verhalten bei der Wahl Ypsilantis hatte er dort aber noch offen gelassen.

Mehrere SPD-Parlamentarier haben Andrea Ypsilanti die Unterstützung entzogen. Damit ist ihr Modell einer tolerierten Minderheitsregierung gescheitert. Sollte Ypsilanti nun Konsequenzen ziehen und als SPD-Landesvorsitzende zurücktreten?
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