Modell einer Krebszelle | Bildquelle: obs

Welt-Krebs-Tag Ist medizinischer Fortschritt für alle bezahlbar?

Stand: 04.02.2016 17:18 Uhr

Anlässlich des Welt-Krebs-Tages haben Politiker und Mediziner die Fortschritte bei der Therapie gelobt. Eine große Hoffnung ist die personalisierte Medizin. Doch solche Behandlungen sind oft sehr teuer - was das Gesundheitssystem vor große Probleme stellt.

Von Peter Mücke, NDR

Personalisierte Medizin - dieses Schlagwort weckt Erwartungen und vor allem Hoffnungen. 45 solcher Wirkstoffe sind derzeit in Deutschland verfügbar, vor allem zur Bekämpfung von HIV/AIDS und Krebs. Viele weitere stehen vor der Zulassung. Die Pharmaindustrie verspricht maßgeschneiderte Therapien für den Patienten, hochwirksam und nebenwirkungsarm. Und ganz nebenbei für den Hersteller satte Gewinne, vor allem im Bereich der Krebsmedizin.

Viele falsche Erwartungen

Die personalisierte Medizin weckt jedoch auch viele falsche Erwartungen. Anders als es der Name suggeriert, zielt sie nicht auf einen individuellen Patienten, sondern auf eine Gruppe von Menschen, die bestimmte Eigenschaften teilen, die beeinflussen, wie eine Erkrankung sich bei ihnen ausprägt oder wie Medikamente oder Therapien wirken. Je genauer man Patienten und deren molekulare Biomarker kennt, desto besser können sie von einer Behandlung profitieren. Jedenfalls theoretisch.

Für die Pharmaindustrie ist das ein Milliardengeschäft. Mit dem Zuschnitt eines Medikaments auf eine immer kleinere Patientengruppe können sie die Zulassung eines neuen Wirkstoffs beschleunigen und Preisregulierungen umgehen. Ob das neue Arzneimittel wirklich das Versprechen hält, das es gibt, zeigt sich erst Jahre später. Bis dahin hat der Hersteller viel Geld verdient - im schlimmsten Fall auf Kosten der Hoffnungen des Patienten und seiner Angehörigen.

Hohe Kosten

Modere Immuntherapien bei Krebserkrankungen kosten heute schon das zehn- bis vierzigfache einer gewöhnlichen Chemotherapie. Da können schon mal Behandlungskosten von 100.000 Euro und mehr im Jahr zusammenkommen - für einen einzigen Patienten. Dabei versprechen die meisten dieser Medikamente nicht einmal eine Heilung, sondern "nur" eine Verlängerung des Lebens um - im Schnitt - wenige Woche und Monate, unter Umständen mit einer fragwürdigen Lebensqualität.

Solidarisch finanzierte Gesundheitssysteme, wie das deutsche, werden sich in Zukunft unweigerlich mit der Frage befassen müssen, wie viel die Gesellschaft bereit ist, für die Hoffnung auf ein längeres Leben zu zahlen. Eine unangenehme Frage, die 2008 bereits der ehemalige Präsident der Bundesärztekammer, Jörg-Dietrich Hoppe, gestellt hat: In einer Gesellschaft des langen Lebens sei nicht jeder medizinische Fortschritt für alle bezahlbar. Damals wollte die Politik nichts davon wissen.

Kostenlawine rollt an

Der demografische Wandel bringt das Thema zurück auf die Tagesordnung. Die Menschen werden älter und erkranken allein schon deshalb häufiger. In der Babyboomer-Generation wird jeder Zweite im Laufe des Lebens an Krebs erkranken, sagen Experten. Auf das Gesundheitssystem rollt eine Kostenlawine ungeahnten Ausmaßes zu - und auf das deutsche Gesundheitssystem die Frage nach der Rationierung von Leistungen und Therapien.

Andere Länder haben die Frage bereits beantwortet. In Großbritannien etwa wird der Lebensverlängerung mittels einer mathematischen Formel eine Art Preisschild angeklebt. Das staatliche Gesundheitssystem zahlt nur, wenn der Preis für die Therapie eine bestimmte Höhe nicht überschreitet.

Es wird Zeit, dass in Deutschland solche unangenehmen Themen diskutiert werden - auch und gerade damit es nicht am Ende zu einer solch bürokratischen und brutalen Lösung wie in Großbritannien kommt.

Personalisierte Medizin in der Krebstherapie

04.02.2016 16:27 Uhr

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Dieser Beitrag lief am 04. Februar 2016 um 09:13 Uhr auf NDR Info.

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