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20.03.2010

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Inland
Bundeswehrsoldaten in Afghanistan
Wehrpflicht: Schnupperkurs in Tarnfarben?
Was taugt der Kompromiss von Union und FDP?

Wehrpflicht - ein Schnupperkurs in Tarnfarben?

Sechs Monate Dienstzeit - auf diesen Kompromiss haben sich Union und FDP beim Streitthema Wehrpflicht geeinigt. Kritiker sagen, dass die Zeit dann kaum für eine rudimentäre Ausbildung reiche. Dabei sei die Wehrpflicht wichtig für die Nachwuchsgewinnung. Eine Analyse über das Für und Wider des Kompromisses.

Von Christian Thiels, SWR, ARD-Hauptstadtstudio Berlin

Ein "Spiegelbild der Gesellschaft" mit "Staatsbürgern in Uniform" sollte die Bundeswehr jahrzehntelang sein. Ein Garant dafür war die Wehrpflicht. Doch heute stehen Hindukusch statt Hunsrück und Anti-Terror-Kampf statt Heimatverteidigung auf der Agenda. Taugt die Wehrpflicht dafür noch? Die Liberalen sind gegen den Zwangsdienst an der Waffe und würden ihn am liebsten aussetzen, wenn nicht gleich abschaffen. Die Union hält dagegen an der Wehrpflicht fest, sieht sie als Erfolgsgeschichte.

Bundeswehrsoldaten in Kundus (Foto: AFP) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Kundus statt Hunsrück - die Ansprüche an die Bundeswehr haben sich geändert. ]
Im Koalitionsvertrag einigten sich beide Seiten auf einen Kompromiss: Die Dienstzeit soll von 2011 an auf sechs Monate verkürzt werden. Bis dahin soll eine Kommission ausloten, wie die Armee künftig organisiert werden könnte. Die Verteidigungsexpertin der FDP, Elke Hoff, sagt: "Für mich ist es entscheidend, dass am Ende der Reise klar wird, ob die Wehrpflicht in der Form noch zu halten sein wird, oder ob es andere Strukturen geben muss."

Zivis sind im Sozialbereich kein Muss

Ein Argument der Wehrpflicht-Befürworter ist ausgerechnet der Zivildienst. Falle die Wehrpflicht, so die Argumentation, sei auch der Zivildienst hinfällig - mit verheerenden Folgen für das Sozialsystem. Das ist ein Irrtum, sagt Peter Tobiassen von der Zentralstelle Kriegsdienstverweigerung: Die "Zivis" hätten ein sehr gutes Image, "deshalb hat man den Eindruck, dass sie im Sozialbereich nicht wegzudenken sind. In Wirklichkeit ist das aber nicht wahr".

Zivildienst (Foto: AP) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Es geht auch ohne Zivis im Sozialbereich, sagt Experte Tobiassen. ]
Tatsächlich seien nur 1,8 Prozent aller 3,6 Millionen Beschäftigten im Sozialsektor Zivildienstleistende: "Das, was die Einrichtung zu tun haben, können sie genauso gut ohne Zivis machen." Qualifizierte Tätigkeiten würden ohnehin fast nur noch von festangestellten Kräften erledigt oder von Menschen, die ein freiwilliges soziales Jahr absolvierten. "Da gibt es drei Bewerber auf jede verfügbare Stelle - also reichlich Nachfrage auch ohne Zivis", sagt Tobiassen. Interessant seien Zivildienstleistende allenfalls für die Rekrutierung von Nachwuchs für Sozialberufe. Aber dafür sei es egal, ob sie neun oder sechs Monate Dienst täten.

Wehrpflicht wichtig für die Nachwuchsgewinnung

Bei der Bundeswehr sind fast ein Viertel aller Soldaten Wehrpflichtige und rund 40 Prozent des Nachwuchses für die Unteroffiziers- und Offizierslaufbahn kommt aus dieser Gruppe. Dass die Wehrpflicht sich zu einem wesentlichen Faktor für die Nachwuchsgewinnung entwickelt hat, weiß man auch im Verteidigungsministerium. Eine reine Berufsarmee würde nur ganz bestimmte gesellschaftliche Gruppen ansprechen, fürchtet man dort, nämlich Menschen, die es im Zivilleben zu wenig bringen. Entsprechende Erfahrungen hat die US-Army bei der Rekrutierung für die niedrigeren Dienstgrade gemacht.

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Genügen sechs Monate Ausbildung?

Schon die Verkürzung des Wehrdienstes auf sechs Monate könnte auch in Deutschland gravierende Folgen haben. Ein halbes Jahr könnte zu kurz sein, um den Rekruten mehr als das rudimentäre militärische Grundhandwerk beizubringen. Zeit- und Berufssoldaten spotten schon jetzt über den "Schnupperkurs".

Weil die Bundeswehr immer mehr Experten für ihre ausgetüftelte Technik benötigt, dauert auch deren Ausbildung länger. Mit der Verkürzung des Wehrdienstes wäre kaum noch Zeit für solches Training. Dieses Problem kennt auch der neue Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Diese Woche stattete er der Truppe seinen ersten Besuch ab.

Verteidigungsminister zu Guttenberg bei der Verabschiedung von Generalleutnant Stieglitz. (Foto: dpa) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Verteidigungsminister zu Guttenberg bei der Verabschiedung von Generalleutnant Stieglitz. ]
Im nordrhein-westfälischen Nörvenich verabschiedete zu Guttenberg den Chef der Luftwaffe, Generalleutnant Klaus-Peter Stieglitz, in den Ruhestand. Stieglitz kennt die hohen Erwartungen der Armee bezüglich der Wehrpflicht. Es gehe darum, "dass eben nicht nur eine Wehrpflicht abgearbeitet und abgehakt wird, sondern dass man versucht, in diesen sechs Monaten wirklich etwas Sinnvolles zu erreichen."

Hohes Risiko bei miserabler Bezahlung

Dass die Dienstzeit nicht in die Nähe eines "Praktikums" rücken dürfe, betont auch der neue Minister. Er will deshalb eine Anpassung der Strukturen und er will die Möglichkeiten, die die Armee jungen Menschen als Arbeitgeber bietet, in der Öffentlichkeit besser vermarkten. Dass ist wohl auch bitter nötig, denn derzeit gibt es keinen Arbeitgeber, der seine Mitarbeiter einem so hohen Risiko und so hoher persönlicher Belastung aussetzt und gleichzeitig so miserabel bezahlt.

Die Gewerkschaft der Soldaten, der Bundeswehrverband, macht konkrete Vorschläge, wie die Armee im Wettbewerb mit zivilen Arbeitgebern interessanter werden könnte. "Es muss sichergestellt werden, dass unsere Grundwehrdienstleistenden heimatnah einberufen werden", sagt Verbandschef Ulrich Kirsch. Außerdem wünscht er sich eine Koppelung des Wehrsoldes an die allgemeine Lohnentwicklung und mehr Weiterbildungsperspektiven. So sehen das auch viele Soldaten. Wer sich im "Schnupperkurs" fern der Heimat für wenig Sold langweile, werde nach Ende der Dienstzeit garantiert desertieren.

Stand: 01.11.2009 14:58 Uhr
 

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