Rettungskräfte versorgen am 27.07.2000 Verletzte vor dem S-Bahnhof Wehrhahn in Düsseldorf. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Prozess in Düsseldorf Ein Anschlag, der Deutschland erschütterte

Stand: 25.01.2018 05:05 Uhr

Beinahe wäre er einer der großen ungelösten Kriminalfälle der deutschen Geschichte geworden: der Bombenanschlag am Düsseldorfer S-Bahnhof Wehrhahn im Juli 2000. Doch seine Prahlsucht wurde dem mutmaßlichen Täter zum Verhängnis. Heute beginnt der Prozess - fast 18 Jahre nach der Tat. Denn Mord und Mordversuch verjähren nicht.

Von Torsten Beermann, WDR

Es ist der 27. Juli 2000. Zwölf Sprachschüler aus der ehemaligen Sowjetunion, die in Düsseldorf Deutsch lernen, warten auf ihrem Weg nach Hause an der S-Bahn-Haltestelle Wehrhahn auf den nächsten Zug. Um 15.03 Uhr zerreißt eine gewaltige Explosion die Luft. Eine Rohrbombe, gefüllt mit etwa 200 Gramm TNT, verletzt zehn der Osteuropäer schwer, eine Frau verliert ihr ungeborenes Kind. Noch in 157 Metern Entfernung findet man Bombensplitter.

Prozessbeginn um Düsseldorfer Bombenanschlag von 2000
tagesschau 20:00 Uhr, 25.01.2018, Gudrun Engel, WDR

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Vom Anschlag zum "Aufstand der Anständigen"

Die deutsche Öffentlichkeit ist entsetzt, die ausländerfeindlichen Anschläge von Mölln, Rostock, Solingen sind noch präsent im Gedächtnis. Beginnt nun erneut eine Welle der Gewalt gegen Fremde? In vielen Städten bilden sich "Bündnisse gegen  Rechts". Bundeskanzler Gerhard Schröder fordert einen "Aufstand der Anständigen". Und am Ende mündet die Debatte in das erste, später erfolglose NPD-Verbotsverfahren.

Das alles, obwohl die Hintergründe und der Täter jahrelang im Dunkeln bleiben. Bis zu 80 Ermittler arbeiten in der Gruppe "Acker" an dem Fall. Doch sie finden keine heiße Spur. War es wirklich fremdenfeindlicher Terror? Oder steckt doch die "Russenmafia" dahinter?

Spurensicherung nach dem Anschlag auf osteuropäische Sprachschüler in Düsseldorf im Juli 2000 | Bildquelle: dpa
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Die Ermittlungen am S-Bahnhof Wehrhahn waren mühsam, auch weil starker Regen viele Spuren verwischte.

Ein bekennender Neonazi

Dabei waren die Ermittler ganz früh ganz nah dran: Einer der Hauptverdächtigen ist Ralf S., damals 34, bekennender Neonazi. Er betreibt einen Militaria-Laden in der Nähe der S-Bahn. Hier deckt sich die rechte Szene mit Klamotten, CDs und Propagandamaterial ein.

Ralf S. liebt es, mit seinem Kampfhund als "Sheriff" durchs Viertel zu ziehen. Die Ausländer sind für ihn an allem schuld, auch an seinen Finanzproblemen und dem Offenbarungseid, den er leisten musste. Viele trauen dem Mann mit der großen Klappe eine solche Tat zu. Doch die Ermittler können ihm nichts beweisen. "Ich bin eine harte Nuss", soll er nach der Vernehmung zu einer Freundin gesagt haben. 

Der Mut eines Knastbruders

Erst 14 Jahre später, die Ermittlungen sind längst zu den Akten gelegt, helfen das Glück - und der Mut eines Knastbruders. Im Gefängnis von Castrop-Rauxel, wo er wegen einer anderen Tat eine Haftstrafe verbüßt, prahlt Ralf S. vor einem Mitgefangenen, er habe mit einer Bombe "Kanaken weggesprengt".

Seine große Klappe wird Ralf S. ganz offenbar zum Verhängnis. Denn der Zeuge geht zur Polizei - und die Ermittlungen werden mit Hochdruck wieder aufgenommen. Jetzt sagen auch Ex-Partnerinnen von Ralf S. aus: Er habe sie unter Druck gesetzt, ihm eine Art Alibi für die Tatzeit zu verschaffen. Abgehörte Telefonate ergeben weitere Indizien. In einem Gespräch soll der Angeklagte gesagt haben, die "Wehrhahnsache" sei nach der Geburt seiner drei Kinder der "vierte Glücksfall".

Düsseldorfer S-Bahnhof Wehrhahn | Bildquelle: dpa
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In der Nähe des Bahnhofs lag die Sprachschule - und der Militaria-Laden des Angeklagten.

Mutmaßliches Motiv: Fremdenhass

Mittlerweile ist sich die Staatsanwaltschaft sicher: Ralf S. ist der Wehrhahn-Bomber. Und sie können ihn immer noch vor Gericht bringen. Denn in Deutschland verjähren Mord und Mordversuch nicht.

Den Bombenbau soll Ralf S. bei der Bundeswehr gelernt haben. Sein mutmaßliches Motiv: Fremdenhass. Als Auslöser der Tat vermuten die Ermittler einen Streit mit osteuropäischen Sprachschülern.

Monate vor der Tat soll er sich mit einer Gruppe aus der Privatschule, die gleich in der Nähe seines Militaria-Ladens lag, heftig angelegt haben. Als alle Versuche, die Schüler einzuschüchtern, fehlschlugen, habe sich Ralf S. gedemütigt gefühlt, eine konspirative Wohnung gemietet und den Bombenbau samt des Fernzünders vorbereitet.

Kein leichtes Verfahren

Der Angeschuldigte weist alle Vorwürfe vehement zurück. Sein Anwalt Olaf Heuvens sagt: "Der Mandant bestreitet, irgendetwas mit dem Anschlag zu tun zu haben. Er bestreitet, überhaupt die technischen Fähigkeiten gehabt zu haben, um den Anschlag vorzubereiten. Er bestreitet die Möglichkeit gehabt zu haben, an die Bestandteile für den Bau dieser Bombe heranzukommen."

Es wird also kein leichtes Verfahren für das Landgericht Düsseldorf. Heute beginnt ein umfangreicher Indizienprozess, denn der "rauchende Colt" - also ein untrüglicher Beweis - fehlt.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 25. Januar 2018 um 11:00 Uhr und 12:15 Uhr.

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