Demonstration Russlanddeutscher | Bildquelle: dpa

Erste Migranten-Wahlstudie So wählen Einwanderer und ihre Kinder

Stand: 05.03.2018 20:44 Uhr

Zum ersten Mal haben Wissenschaftler untersucht, wie Russlanddeutsche und Deutschtürken bei der Bundestagswahl stimmten. Trotz ähnlicher Einstellung bevorzugen sie unterschiedliche Parteien.

Von Ina Ruck, WDR

Forscher der Universitäten Duisburg-Essen und Köln haben je etwa 500 Deutschtürken und Russlanddeutsche - zu dieser Gruppe zählen sie auch Einwanderer aus anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion - befragt.

Wichtigstes Ergebnis: Deutsche mit Migrationshintergrund gehen weit zögerlicher zur Wahl als andere. Zur Bundestagswahl machten nur 64 Prozent der Deutschtürken von ihrem Wahlrecht Gebrauch. Bei den Russlanddeutschen waren es sogar nur 58 Prozent - fast zwanzig Prozentpunkte weniger als die allgemeine Wahlbeteiligung, die bei rund 76 Prozent lag.

Auch in ihrer politischen Einstellung weichen beide Gruppen von Deutschen ohne Migrationshintergrund ab. Russlanddeutsche, so die Studie, seien eher rechts der Mitte zu verorten, Deutschtürken dagegen deutlich links der Mitte.

Das ist nicht neu - Russlanddeutsche tendierten auch bisher eher zur CDU/CSU, türkischstämmige Deutsche zur SPD. "In beiden Gruppen haben aber die Volksparteien, die ehemals dominant waren, verloren", sagt Dennis Spies von der Kölner Universität, der die Studie zusammen mit Achim Goerres und Sabrina Mayer von der Universität Duisburg-Essen verfasst hat. "Vor allem bei den Russlanddeutschen hat mich überrascht, wie polarisiert sie sind."

AfD bei Russlanddeutschen auf Rang drei

Laut Ergebnis der Studie haben 27 Prozent der Deutschen mit Wurzeln in der ehemaligen Sowjetunion die CDU/CSU gewählt, zweitstärkste Partei wurde die Linke mit 21 Prozent. Die AfD wählten 15 Prozent. Spies vermutet jedoch, dass die Zahl um bis zu 5 Prozentpunkte höher liegen könnte. Angaben beruhten auf Selbstauskunft der Befragten, und man verzeichne in Umfragen zur AfD häufig ein sogenanntes underreporting. Nicht jeder AfD-Wähler lege seine Wahl offen. Dennoch kommt die AfD unter Russlanddeutschen - anders als im Vorfeld erwartet - nur auf Rang drei.

Helfer verteilen vor Erdogan-Demo in Köln deutsche und türkische Flaggen | Bildquelle: dpa
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Helferinnen verteilen vor Erdogan-Demo in Köln deutsche und türkische Flaggen.

Bei den Deutschtürken haben 35 Prozent die SPD gewählt, CDU/CSU (20 Prozent) und Linke (16 Prozent) wurden zweit- bzw. drittstärkste Kraft. Riesig sind die Unterschiede, wenn man nach ethnischer Herkunft aufschlüsselt: So haben nur neun Prozent der Kurden die SPD gewählt - was Spies auch damit erklärt, dass die meisten Kurden als Asylbewerber erst recht spät nach Deutschland gekommen sind. Ethnische Türken dagegen, die früh als Gastarbeiter ins Land gekommenen sind und eine viel stärkere Bindung an die SPD haben, wählten die Partei zu 36 Prozent.

Überrascht hat die Forscher das Abschneiden der neugegründeten ADD (Allianz deutscher Demokraten). Die Partei richtet sich vor allem an Deutschtürken und steht der AKP, der Partei des türkischen Präsidenten Erdogan, nahe. Zur Bundestagswahl wurde die Landesliste NRW zugelassen, sie holte bundesweit nur 0.1 Prozent der Stimmen. "Aber ihr Anteil nur bei den Deutschtürken in NRW betrug 12 Prozent. Das ist sehr viel für eine so junge Partei. Es gibt in ganz Europa bislang keine Partei, die nur von Migranten gewählt wird. Deshalb ist das ein beachtliches Ergebnis", so Spies.

Beide Gruppen wollen häufiger einen "starken Anführer"

Nicht nur zum Wahlverhalten haben die Wissenschaftler Fragen gestellt. Sie interessierte auch Grundsätzliches. Etwa, ob Deutschland "einen starken politischen Anführer haben sollte, auch wenn dieser die Gesetze beugte". Knapp 24 Prozent der Deutschtürken und sogar 30 Prozent der Russlanddeutschen stimmten dieser Aussage zu. Deutsche ohne Migrationshintergrund bejahten immerhin zu 18 Prozent.

Im Vergleich mit den Staatschefs der jeweiligen Herkunftsländer kommt die deutsche Kanzlerin bei den türkischstämmigen Deutschen sehr gut weg: Sie schneidet deutlich besser ab als der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan. Anders sieht es bei den Russlanddeutschen aus. Bei ihnen ist Russlands Präsident Wladimir Putin beliebter als Angela Merkel.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Nova am 05. März 2018 um 12:37 Uhr in den Nachrichten.

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