Wahlanalyse Saarland

Wer wählte was warum? Darum kam es anders

Stand: 26.03.2017 22:03 Uhr

Wie kommt es, dass die CDU so viel deutlicher gewonnen hat als lange angenommen? Warum hat der "Schulz-Effekt" der SPD an der Saar nicht geholfen? Und welche Rolle spielten Themen wie die Flüchtlingspolitik? Eine Analyse auf der Basis der Zahlen von Infratest dimap.

Von Holger Schwesinger, tagesschau.de, zzt. Saarbrücken

In Umfragen in den Wochen vor der Wahl sah es so aus, als würden sich CDU und SPD im Saarland ein Kopf-an-Kopf-Rennen liefern. Tatsächlich hat die CDU nun einen äußerst deutlichen Vorsprung. Das hat vor allem mit zwei Faktoren zu tun: Der hohen Wahlbeteiligung und der Spitzenkandidatin der CDU, Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer.

Die, die bislang nicht zur Wahl gegangen sind

Die CDU konnte in nahezu allen Bevölkerungsgruppen hinzu gewinnen. Im Vergleich zu anderen Parteien fällt aber auf, dass es ihr besonders gut gelungen ist, junge Wähler neu für sich zu gewinnen. Und sie konnte vor allem besser als andere Parteien Wähler motivieren, die bislang nicht zur Wahl gegangen sind.

Die Wahlbeteiligung ist im Saarland - wie schon bei allen Landtagswahlen 2016 - deutlich gestiegen. Während davon aber 2016 praktisch durchweg die AfD profitierte, ist es nun im Saarland die CDU, so ARD-Wahlexperte Jörg Schönenborn.

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Welche Partei hat woher Wähler gewonnen?

Bild: Wanderung Nichtwähler

Fast 80 Prozent zufrieden mit Kramp-Karrenbauer

Von den CDU-Wählen sagten 47 Prozent, dass die Kandidatin für ihre Wahlentscheidung am wichtigsten war. Das ist einer der höchsten Werte beim so genannten Kandidatenfaktor, der je für einen CDU-Spitzenkandidaten gemessen wurde.

Wie groß die Zugkraft von Kramp-Karrenbauer ist, hatte sich schon in Umfragen vor der Wahl abgezeichnet. Fast 80 Prozent der Saarländer halten sie für eine gute Ministerpräsidentin. Und nicht nur von Anhängern ihrer eigenen Partei bekommt sie gute Noten, sondern gerade auch von denen der SPD.

Für SPD-Wähler war die Kandidatin nicht so wichtig

Auch der Spitzenkandidatin der SPD, Anke Rehlinger, war in Umfragen vor der Wahl zwar ein gutes Zeugnis ausgestellt worden. Ihre Person spielte für SPD-Wähler aber keine derart herausragende Rolle: 30 Prozent der SPD-Wähler machten ihr Kreuzchen wegen der Spitzenkandidatin. Für 44 Prozent waren die Sachthemen entscheidend, für 23 die langfristige Parteibindung.

Beim "Kandidatenfaktor" kommt Oskar Lafontaine, der Spitzenkandidat der Linkspartei, übrigens auf einen ähnlich hohen Wert wie Rehlinger. Doch während die SPD-Kandidatin in etwa dieselbe Zugkraft hatte wie 2012 Heiko Maas, hat Lafontaine - der 2017 und 2012 Spitzenkandidat war - hier deutlich verloren.

Flüchtlingspolitik nur für AfD-Wähler wichtig

Bei der Betrachtung des Kandidatenfaktors fällt noch eine weitere Partei deutlich auf: Die Grünen. Nur für fünf Prozent ihrer Wähler war der Spitzenkandidat entscheidend - ein ungewöhnlich niedriger Wert. Wenn die Grünen punkten konnten, dann mit Sachthemen: 76 Prozent aller Grünen-Wähler sagten, das war für sie entscheidend - der höchste Wert aller sechs abgefragten Parteien.

Apropos Sachthemen: Die Flüchtlingspolitik, die bei vielen Wahlen im vergangenen Jahr ein bestimmendes Thema war, spielte im Saarland keine besondere Rolle. Das gilt für Anhänger aller Parteien - mit Ausnahme der AfD. Von ihren Wählern sagten 58 Prozent, dieses Thema sei für ihre Wahlentscheidung das wichtigste gewesen.

Vielen Wählern waren landespolitische Themen wichtig

Bei allen anderen Parteien dominierten andere Themen - und zwar gerade auch solche, die vor allem mit Landespolitik zu tun haben und nicht - wie die Flüchtlingspolitik - in erster Linie mit Bundespolitik.

Für die Wähler von CDU und FDP war die Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik das wichtigste Thema. Für Wähler von SPD und Linkspartei war es die soziale Gerechtigkeit, für Grünen-Wähler die Umwelt- und Energiepolitik.

Ein weiteres wichtiges Thema - und zwar für Wähler aller Parteien - war die Bildungspolitik, für die in Deutschlands fast ausschließlich die Länder zuständig sind. Hier sagen mit 31, 28 bzw 25 Prozent vor allem Wähler von FDP, Grünen und SPD, dass dies für sie das entscheidende Thema war. Aber auch die anderen Parteien kommen hier auf zweistellige Werte.

Saarländer so zufrieden wie lange nicht

Und warum hat sich der "Schulz-Effekt" bei der Wahl im Saarland nicht wie erwartet bemerkbar gemacht? Schon in Umfragen vor der Wahl war deutlich geworden, dass die Saarländer derzeit so zufrieden sind, wie lange nicht: 85 Prozent sagen, ihnen persönlich geht es gut, 66 Prozent bewerten die allgemeine wirtschaftliche Lage positiv und 60 Prozent sagen, alles in allem geht es in Deutschland derzeit gerecht zu.

ARD-Wahlexperte Schönenborn meint dazu in seinem Wahl-Blog: "Wenn also die Kernthese von Martin Schulz nicht übernommen wird, wenn die Verhältnisse nicht als ungerecht empfunden werden, ist es schwer ein Umfragehoch auch in einen Wahlsieg zu verwandeln."

Hintergrund

Im Auftrag der ARD hat Infratest dimap am Wahltag im Saarland etwa 20.000 Wähler befragt. Auf der Basis dieser repräsentativen Erhebung werden Analysen zu Wahlmotiven, zum Wahlverhalten und zum Abschneiden der Parteien in verschiedenen Alters- und Bevölkerungsgruppen erstellt.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 26. März 2017 um 22:50 Uhr.

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