Radfahrer fahren im Gegenlicht unter Bäumen. | Bildquelle: dpa

Radfahren in Deutschland "Wiederkehrende Nahtod-Erfahrung"

Stand: 05.06.2018 13:27 Uhr

Nach ersten Diesel-Fahrverboten fordern Umweltverbände weitere Maßnahmen, um die Luft besser zu machen. Mehr Rad fahren etwa. Aber das ist nur schwer möglich. Der Verkehrsminister möchte das ändern.

Von Maiken Nielsen, tagesschau.de

Neu-Hamburger Lukas hat nichts gegen Adrenalin. Bis vor ein paar Monaten ist er regelmäßig Fallschirm gesprungen. Jetzt fährt der IT-Experte Fahrrad in Hamburg - mit ähnlichen Folgen für die Herzfrequenz. "Fahrradwege, die aufgemalt sind, plötzlich im Nirgendwo enden, sodass ich auf eine stark befahrene Straße ausweichen muss, dann wieder tiefe Löcher im Asphalt, in denen ich mit den Reifen fast steckenbleibe", fasst er seinen täglichen Arbeitsweg zusammen, den er in einem Anflug von schwarzem Humor auch als "wiederkehrende Nahtod-Erfahrung" beschreibt.

"Im Fahrrad-Klimatest landet Hamburg immer im letzten Drittel", sagt Stephanie Krone, Sprecherin des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) im Interview mit tagesschau.de. "Nur die Mutigen und Überzeugten fahren in Hamburg Rad." Um aber auch die Unentschlossenen zu gewinnen, müsse das Radwegenetz stärker ausgebaut werden. Doch das scheitere bislang häufig am Platzproblem. "Zusätzliche Radwege bedeuten zwangsläufig weniger Fahrbahnen für Autos", so Krone.

Was bei Radfahrer Lukas lustig klingt, ist in Deutschland traurige Realität. Während zuletzt die Zahl der getöteten Autofahrer sank, stieg sie bei Radfahrern von 383 im Jahr 2015 auf 393 im Jahr 2016. Wie also soll eine Verkehrswende gelingen, wenn die Umweltbewussten unter den Verkehrsteilnehmern täglich damit rechnen müssen, für ihre Wege mit dem Leben zu bezahlen?

Spätestens seitdem die EU-Kommission Deutschland wegen zu schlechter Luft vor dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) verklagte, ist klar: Deutschlands Städte und Kommunen müssen mehr gegen den Ausstoß von Stickoxiden tun. Weil vor allem Diesel-Autos für den hohen Ausstoß verantwortlich gemacht wurden, lauteten die Zauberworte "Umrüstung" und "Nachrüstung".

Autos stauen sich auf einer Straße in Düsseldorf. | Bildquelle: dpa
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Dicke Luft auf Deutschlands Straßen: EU-Grenzwerte für saubere Luft werden nicht eingehalten.

Positivbeispiel Karlsruhe

Doch nach Ansicht des ADFC reicht eine Umrüstung von Fahrzeugen auf umweltfreundlichere Technik nicht aus, um die Städte vor schlechter Luft und Staus zu schützen. "Unser Denken und politisches Handeln ist immer noch von Autofahrern dominiert", kritisiert Krone Verkehrspläne, die "vom Auto her gedacht werden".

Sie führt als Positivbeispiel Karlsruhe an, das sich seit 2005 als "Fahrradhauptstadt des Südwestens" begreift. Dort sind 25 Prozent aller Verkehrsteilnehmer auf das Rad umgestiegen. Cityrouten verbinden die Stadtteile, der motorisierte Verkehr muss sich hinten anstellen. Karlsruhes Bürgermeister Michael Obert radelt mit gutem Beispiel voran: Politische Termine nimmt er per Drahtesel wahr.

Doch jetzt will er einen Schritt weitergehen und auch die Pendler erreichen. Um Menschen davon zu überzeugen, ihr Auto stehen zu lassen, ließ er in zentraler Lage ein Autoparkhaus zu einer überdachten Fahrradstation mit mehr als 1000 Stellplätzen umbauen.

Fahrradstadt Karlsruhe
morgenmagazin 05:30 Uhr, Jenni Rieger und Tim Diekmann, SWR

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Multimodal unterwegs

"Viele kommen mit der Bahn aus dem Umland und steigen dann in der Stadt auf das Rad um", erklärt Neu-Hamburger Lukas die multimodale Verkehrspolitik in seiner Heimatstadt Karlsruhe. Und ADFC-Sprecherin Krone fügt hinzu: "Die Menschen haben begriffen, dass eine fahrradfreundliche Stadt eine Stadt mit hoher Lebensqualität ist. Auch Unternehmen siedeln sich dort bevorzugt an."

Laut Statistischem Landesamt Baden-Württemberg liegt die Zahl der getöteten Radfahrer in Karlsruhe seit Jahren konstant im einstelligen Bereich mit einer leichten Zunahme im Stadtkreis Karlsruhe 2017 (fünf getötete Radfahrer; 2016 war es einer.)

Trotzdem glaubt Cornelia Deppe-Burghardt, Pressesprecherin bei Greenpeace, dass mehr Radverkehr Straßen sicherer mache. Allerdings würden Städte dafür gut ausgebaute Radwege benötigen. In einer vom Wuppertal Institut im Auftrag von Greenpeace angefertigten Studie zeige sich: In Amsterdam und Kopenhagen, wo Bewohner etwa ein Drittel ihrer Wege mit dem Rad zurücklegen, tragen sich die wenigsten Radunfälle zu: 1,2 beziehungsweise 0,7 pro einer Million zurückgelegter Wege.

"Mehr Radverkehr bedeutet mehr Unfälle", sagt dagegen Melanie Mikulla, Sprecherin des Allgemeinen Deutschen Automobil-Clubs (ADAC) im Gespräch mit tagesschau.de. "Zumindest dann, wenn die Straßenstruktur so bleibt, wie sie ist." Es sei zwar sinnvoll, breitere Fahrradwege zu bauen, aber das dürfe nicht zu Lasten anderer Verkehrsteilnehmer gehen, Fußgänger etwa, die noch schwächer seien als Radfahrer. Mikulla spricht sich zudem dagegen aus, Fahrradwege von Autostraßen komplett abzutrennen. "Radfahrer und Autofahrer müssen sich im selben Raum befinden, um Blickkontakt halten zu können", sagt sie. "An der nächsten Kreuzung treffen sie ohnehin wieder aufeinander."

Gefahrenquelle Lkw

Doch gerade die Unfälle an Kreuzungen zeigen: Es sind die Lkw, die ein lebensgefährliches Problem für Radfahrer und Fußgänger darstellen - trotz moderner Spiegel- und Kameratechnik. Elektronische Abbiege-Assistenten sollen das in Zukunft ändern. Sie überwachen mittels Sensoren die Bereiche vor und neben dem LKW und erkennen so Radfahrer oder Fußgänger im direkten Umfeld. Der Abbiege-Assistent verhindert in dem Fall, dass der Laster anfährt. Reagiert der Fahrer nicht, kann er eine Bremsung einleiten.

"Ich habe kein Verständnis dafür, dass es auf internationaler Ebene immer noch keine verpflichtenden Abbiege-Assistenten gibt", erklärt Verkehrsminister Andreas Scheuer in einer schriftlichen Stellungnahme für tagesschau.de. Das Verkehrsministerium setze sich deshalb "vehement" für die elektronischen Assistenten ein, indem es finanziell den Einbau von Abbiege-Assistenzsystemen fördere sowie die Ausrüstung von Lkw mit Kamera-Monitor-Systemen.

Diese Assistenz-Systeme könnten einer Studie der Versicherer zufolge mehr als 40 Prozent der Unfälle von Lastwagen mit Fußgängern und Radfahrern vermeiden. Wann es eine Vorschrift geben könnte, die Systeme europaweit einzubauen, wisse man noch nicht. "Aber das Verkehrsministerium bemüht sich, damit der Einbau von Abbiege-Assistenzsystemen schnellstmöglich verbindlich wird", so Scheuer.

Seifenblasen schweben vor Radfahrern | Bildquelle: dpa
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Weltweit steigen am letzten Freitag im Monat Menschen aufs Rad, um auf die Belange des Radverkehrs aufmerksam zu machen. Die Bewegung nennt sich "Critical Mass".

Bedingungen für eine Verkehrswende

ADFC-Sprecherin Krone empfiehlt einen Blick ins Nachbarland: in die Niederlande nämlich, dem weltweit einzigen Land, in dem es mehr Fahrräder als Einwohner gibt. Dort werden alle Verkehrsteilnehmer in neue Planungen mit einbezogen. Auch ADAC-Sprecherin Mikulla steht Radwegen nach niederländischem Vorbild positiv gegenüber: "Die Niederlande machen es vor, wie es richtig geht."

Über dieses Thema berichtete das Morgenmagazin am 15. April 2018 um 05:43 Uhr.

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