Unwort | Bildquelle: dpa

Sprachwissenschaft "Sozialtourismus" ist Unwort des Jahres

Stand: 14.01.2014 09:36 Uhr

Sprachwissenschaftler haben den Begriff "Sozialtourismus" zum "Unwort des Jahres" 2013 erklärt. Die sprachkritische Jury wählte den Begriff aus mehr als 700 verschiedenen Vorschlägen und 1300 Einsendungen aus. Als weitere Favoriten galten oft genannte Begriffe wie "Supergrundrecht" und "Armutszuwanderung". Das Gremium richtete sich aber nicht nach der Häufigkeit der Vorschläge.

"Sozialtourismus" ist das Unwort des Jahres 2013
J. König, DLF
14.01.2014 15:13 Uhr

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"Gezielte Stimmung gegen unerwünschte Zuwanderer"

Die Jury begründete die Auswahl damit, dass im vergangenen Jahr die Diskussion um erwünschte und nicht erwünschte Zuwanderung nach Deutschland wieder aktuell geworden sei. In diesem Zusammenhang wurde von einigen Politikern und Medien mit dem Ausdruck "Sozialtourismus" gezielt Stimmung gegen unerwünschte Zuwanderer, insbesondere aus Osteuropa, gemacht.

Das Grundwort "Tourismus" suggeriere in Verdrehung der offenkundigen Tatsachen eine dem Vergnügen und der Erholung dienende Reisetätigkeit. Das Bestimmungswort "Sozial" reduziere die damit gemeinte Zuwanderung auf das Ziel, vom deutschen Sozialsystem zu profitieren. Dies diskriminiere Menschen, die aus purer Not in Deutschland eine bessere Zukunft suchen, und verschleiere ihr prinzipielles Recht hierzu.

Der Ausdruck "Sozialtourismus" reiht sich der Jury zufolge dabei in ein Netz weiterer Unwörter ein, die zusammen dazu dienen, diese Stimmung zu befördern: "Armutszuwanderung" werde im Sinne von "Einwanderung in die Sozialsysteme" ursprünglich diffamierend und nun zunehmend undifferenziert als vermeintlich sachlich-neutraler Ausdruck verwendet. Der Ausdruck "Sozialtourismus" treibe die Unterstellung einer böswilligen Absicht jedoch auf die Spitze.

Die von Sprachwissenschaftlern gewählten "Unwörter" des Jahres gelten als Ausdruck des Zeitgeistes. Eine Auswahl der vergangenen Jahre:

JahrUnwortBegründung
2012"Opfer-Abo"Das Schlagwort hatte Wetter-Moderator Jörg Kachelmann geprägt. Er meinte damit, dass Frauen immer wieder die Opferrolle zugesprochen wird. Die Jury kritisierte, der Begriff stelle Frauen "pauschal und in inakzeptabler Weise" unter den Verdacht, sexuelle Gewalt zu erfinden und damit selbst Täterinnen zu sein.
2011"Döner-Morde"Mit der "sachlich unangemessenen, folkloristisch-stereotypen Etikettierung" würden ganze Bevölkerungsgruppen ausgegrenzt, erklärte die Jury.
2010"Alternativlos"Das Wort suggeriere zu Unrecht, dass keine Diskussion mehr notwendig sei.
2009"Betriebsratsverseucht"Damit würden Arbeitnehmer-Interessen in völlig unangemessener Weise als Seuche dargestellt.
2008"Notleidende Banken"Der Begriff stelle das Verhältnis von Ursachen und Folgen der Weltwirtschaftskrise auf den Kopf.
2007"Herdprämie"Diffamierung von Eltern, insbesondere von Frauen, die ihre Kinder zu Hause erziehen, anstatt einen Krippenplatz in Anspruch zu nehmen.
2006"Freiwillige Ausreise"Damit werde suggeriert, dass viele abgelehnte Asylbewerber vor einer Abschiebung "freiwillig" in ihre Heimat zurückkehrten. Tatsächlich hätten sie keine Wahl.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 14. Januar 2014 um 10:00 Uhr.

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