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Größter sprachlicher Missgriff 2012
"Opfer-Abo" ist das "Unwort des Jahres"
Das "Unwort des Jahres" 2012 lautet "Opfer-Abo". Das gab die Jury unter dem Vorsitz der Sprachwissenschaftlerin Nina Janich bekannt. Der Wettermoderator Jörg Kachelmann habe im vergangenen Jahr in mehreren Interviews davon gesprochen, dass Frauen in der Gesellschaft ein "Opfer-Abo" hätten, erklärte die Jury weiter. Das Wort stelle in diesem Zusammenhang "Frauen pauschal und in inakzeptabler Weise unter den Verdacht, sexuelle Gewalt zu erfinden und somit selbst Täterinnen zu sein."
Die Sprachforscher betonten zugleich, sie urteilten damit nicht über den Fall Kachelmann. Der Wettermoderator war im Mai 2011 vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen worden.
Überrascht reagierte der Direktor des Instituts für Deutsche Sprache (IDS) auf die Wahl. Der gekürte Begriff habe bei ihm zunächst nichts "klingeln" lassen, sagte Ludwig Eichinger gegenüber der Nachrichtenagentur dapd. "Ich kannte das Wort nicht." Erst nach dem Lesen der Jury-Begründung verstehe er, was mit der Wahl kritisiert werde.
Auch "Pleiten-Griechen" zu Unwort gewählt
Zu weiteren Unwörtern wählte die Jury "Pleite-Griechen" und "Lebensleistungsrente". Der Begriff "Pleite-Griechen" diffamiere ein ganzes Volk in "unangemessener und unqualifizierter Weise", erklärten die Sprachforscher. Das Wort "Lebensleistungsrente" sei eine "irreführende bis zynische Bezeichnung für ein Vorhaben, bei dem unter sehr restriktiven Bedingungen eine geringfügige Zusatzleistung des Staates versprochen wird".
Für 2012 waren den Angaben zufolge 2232 Einsendungen mit 1019 verschiedenen Vorschlägen eingegangen. Am häufigsten vorgeschlagen wurde das Wort "Schlecker-Frauen", ein Begriff aus der Krise der Drogeriemarktkette Schlecker.
"Opfer-Abo" ist das Unwort des Jahres 2012
tagesschau 12:00 Uhr, 15.01.2013, Alex Jakubowski, HR
Das "Unwort des Jahres" 2011 heißt "Döner-Morde". 2010 war es der Begriff "alternativlos" gewesen. Das "Unwort des Jahres" wurde bereits zum 19. Mal seit 1991 bestimmt. Seit 1994 wird es von einer unabhängigen und ehrenamtlichen Jury gewählt.
| Jahr | "Unwort" | Erklärung |
|---|---|---|
| 1991 | Ausländerfrei | Fremdenfeindliche Parole in Hoyerswerda |
| 1992 | Ethnische Säuberung | Propagandaformel in Ex-Jugoslawien |
| 1993 | Überfremdung | Scheinargument gegen Zuzug von Ausländern |
| 1994 | Peanuts | Abschätziger Banker-Jargon |
| 1995 | Diätenanpassung | Beschönigung der Diätenerhöhung im Bundestag |
| 1996 | Rentnerschwemme | Falsches, angstauslösendes Naturbild für einen sozialpol. Sachverhalt |
| 1997 | Wohlstandsmüll | Umschreibung arbeitsunwilliger Menschen (Helmut Maucher, Nestlé) |
| 1998 | Sozialverträgliches Frühableben | Zynisch wirkende Ironisierung (Karsten Vilmar, Ärztepräsident) |
| 1999 | Kollateralschaden | Verharmlosung der Tötung Unschuldiger |
| 2000 | National befreite Zone | Zynisch heroisierende Umschreibung einer von Rechtsextremen terrorisierten Region |
| 2001 | Gotteskrieger | Selbst- und Fremdbezeichnung der Taliban- und Al Kaida-Terroristen |
| 2002 | Ich-AG | Reduzierung von Individuen auf sprachliches Börsenniveau |
| 2003 | Tätervolk | Inakzeptabler Vorwurf der Kollektivschuld, Martin Hohmann (CDU-MdB) |
| 2004 | Humankapital | Degradiert Menschen zu nur noch ökonomisch interessanten Größen |
| 2005 | Entlassungsproduktivität | Gewinne aus Produktionsleistungen eines Unternehmens nach der Entlassung von Mitarbeitern |
| 2006 | Freiwillige Ausreise | Gesetzes- und Behördenterminus in Asylverfahren |
| 2007 | Herdprämie | Diffamierende Bezeichnung für Frauen, die ihre Kinder zu Hause erziehen, anstatt einen Krippenplatz in Anspruch zu nehmen |
| 2008 | Notleidende Banken | Das Verhältnis von Ursachen und Folgen der Weltwirtschaftskrise wird rundweg auf den Kopf gestellt |
| 2009 | Betriebsratverseucht | Skandalöse Diffamierung der Vertretung von Arbeitnehmerinteressen |
| 2010 | Alternativlos | Politiker bezeichnen damit nicht einen Weg ohne Alternative, sondern die von ihnen bevorzugten Lösungsansätze |
| 2011 | Döner-Morde | Verharmlosung der Mordserie an acht türkischstämmigen und einem griechischen Kleinunternehmer |
Neben der unabhängigen, sprachkritischen Jury mit ihrer Sprecherin in Darmstadt wählt davon getrennt die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) in Wiesbaden das "Wort des Jahres". Für 2012 wurde im Dezember der Begriff "Rettungsroutine" bekanntgegeben. Das Wort stehe für die immer wiederkehrenden Maßnahmen zur Rettung des Finanzsystems.
Stand: 15.01.2013 10:09 Uhr
