Martin Schulz | Bildquelle: dpa

SPD im Aufwind Alles Schulz, oder was?

Stand: 24.02.2017 11:42 Uhr

Lange schienen die Umfragewerte der Parteien wie festgefroren. Doch seit Martin Schulz Kanzlerkandidat wurde, ist das anders. Der Schulz-Effekt scheint Konsequenzen selbst für AfD und Grüne zu haben. Doch ist der Höhenflug von Dauer?

Von Sandra Stalinski, tagesschau.de

Monatelang tat sich wenig bei den Zustimmungswerten der Parteien. Die SPD verharrte im 20-Prozent-Tief, fern abgeschlagen von der Union, die bei deutlich über 30 Prozent lange uneinholbar schien. Die AfD liegt seit etwa einem Jahr mit wenigen Ausnahmen zwischen 13 und 15 Prozent. Und auch bei Grünen und Linken war lange Zeit Stagnation angesagt.

Doch seit Martin Schulz zum Kanzlerkandidaten gekürt wurde, ist Bewegung in das Spiel mit den Prozenten gekommen - und zwar in erster Linie bei der SPD: Im aktuellen DeutschlandTrend im ARD-Morgenmagazin überholt sie mit 32 Prozent erstmals die Union (31). "Dass die SPD gegenüber einer Umfrage vom Januar ganze elf Prozentpunkte zulegen konnte, ist schon etwas sehr Außergewöhnliches", sagt der Wahlforscher Jürgen Falter im Gespräch mit tagesschau.de.

Und auch bei den Parteimitgliedschaften macht sich der Höhenflug bemerkbar: Seit Martin Schulz vor vier Wochen als Kanzlerkandidat vorgeschlagen wurde, sind über das Internet 6564 Bürger in die SPD eingetreten. Hinzu kommen noch viele Menschen, die ihr Parteibuch bei den SPD-Landesverbänden beantragt haben. Diese Zahlen werden erst mit Verzögerung zentral erfasst. Allein in NRW, wo im Mai gewählt wird, gab es seit Jahresanfang 2300 Neueintritte, online und auf Papier. "Solche Zahlen haben wir seit 20 Jahren nicht mehr gehabt", sagte ein SPD-Sprecher in Düsseldorf.

Schulz-Effekt sehr wirkungsvoll

Der viel beschworene Schulz-Effekt scheint wirkungsvoller als manch einer gedacht hätte. "Schulz ist der neue Mann der SPD, ein zumindest innenpolitisch unverbrauchtes Gesicht und einer, der zuspitzen kann", findet Falter. "Er hat der SPD und ihren Sympathisanten enormen Mut gemacht und das macht sich hier bemerkbar."

Bei den in die Höhe schnellenden Umfragewerten der SPD spielen verschiedene Aspekte eine Rolle: "Schulz ist ein sehr geschickter Wahlkämpfer, der es schafft, genau das richtige Image von sich aufzubauen: Ein Mann aus dem Volk, nah bei den Leuten mit einem ursozialdemokratischen Werdegang, auch mit Brüchen, wie dem Alkoholismus", sagt der Politologe Oskar Niedermayer im Gespräch mit tagesschau.de. Zu diesem Zweck versuche Schulz seine Vergangenheit als hoch bezahltes Mitglied des EU-Establishments in den Hintergrund zu rücken, das passe nicht zum Image des kleinen Mannes.

"Schulz ist ein sehr geschickter Wahlkämpfer"

Auch bei seinen inhaltlichen Akzentsetzungen verhält Schulz sich sehr geschickt. "Er bleibt sehr vage und hat bislang nur Themen angesprochen, die mehrheitsfähig sind", sagt Jürgen Falter. Dazu zählen auch seine jüngsten Äußerungen zu Korrekturen bei der Agenda 2010, beispielsweise einem längeren Bezug von ALG I: 65 Prozent der Befragten sprechen sich im DeutschlandTrend dafür aus.

Mit dieser Strategie gelinge es Schulz, auch ehemalige Nichtwähler zu mobilisieren, die der SPD zugeneigt sind, sagt Oskar Niedermayer. "Und von denjenigen, die überhaupt keine Parteienbindung haben, gehen momentan viele zur SPD."

Umfragehoch: SPD zieht an Union vorbei
tagesschau 17:00 Uhr, 24.02.2017, Marie von Mallinckrodt, ADR Berlin

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Grüne im Sinkflug

Das bekommen jetzt auch die anderen Parteien zu spüren. Die Grünen verharrten bis zum Jahresende im sicheren zweistelligen Bereich, seit Januar befinden sie sich nun im Sinkflug, erst recht seit die SPD so deutlich zulegt: Gerade acht Prozent der Befragten würden laut DeutschlandTrend momentan grün wählen. Und auch hier scheint Schulz einer der Gründe zu sein.

"Ehemalige Grünen-Wähler, die nicht sehr stark an die Partei gebunden sind, gehen momentan zur SPD. Das Thema Soziale Gerechtigkeit ist hier eine Schnittmenge", sagt Niedermayer. Außerdem hätten die Grünen es momentan sehr schwer, ein Wahlkampfthema zu finden, das einerseits ein Alleinstellungsmerkmal sei und das gleichzeitig für die Menschen wirklich wichtig sei. "Lange Zeit war das der Atomausstieg, jetzt versuchen sie es mit dem Klimaschutz. Aber es zeigt sich, dass die Bevölkerung sich dafür nicht so sehr interessiert wie für andere Themen."

AfD könnte Protestwähler verloren haben

Selbst die AfD scheint unter dem Schulz-Effekt zu leiden. Zumindest glaubt das der Wahlforscher Jürgen Falter: "Die AfD hat viele Protestwähler, die nicht voll hinter dem Programm der Partei stehen, sondern mit dem gesamten Angebot der Parteienlandschaft unzufrieden sind." Von ihnen dürften einige zur SPD gewechselt sein, denn Schulz' Hauptthema Soziale Gerechtigkeit sei ja eins, das auch viele AfD-Anhänger umtreibe.

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ARD-DeutschlandTrend im Morgenmagazin

Die Ergebnisse vom 24. Februar 2017

Sonntagsfrage

Sonntagsfrage

Oskar Niedermayer ist da etwas skeptischer: "Wir haben dazu keinerlei Analysen von Wählerwanderungen. Wir können nur mutmaßen, dass wohl auch einge AfD-Protestwähler jetzt wieder zur SPD gewandert sind." Im aktuellen DeutschlandTrend liegt die AfD bei 11 Prozent, während sie noch im Januar bei 15 beziehungsweise 14 Prozent lag. Für Niedermayer hat das aber in erster Linie mit den Querelen um den Thüringer AfD-Vorsitzenden Björn Höcke zu tun. "Höcke hat mit seiner Dresdner Rede eine Grenze überschritten, wo viele der bürgerlichen AfD-Wähler sagen: Das geht mir zu weit."

SPD-Höhenflug von Dauer?

Bleibt die Frage, wie nachhaltig der Schulz-Effekt sein wird und ob sich daraus bereits Aussagen über die Bundestagswahl ableiten lassen. Parteienforscher bremsen die Euphorie, zumindest vorerst. Noch immer sei es zu früh, um zu sagen, ob der Höhenflug der SPD von Dauer sein wird. Erstens müsse man bei Umfragen immer Schwankungen von zwei bis zweieinhalb Prozentpunkten plus/minus einkalkulieren. Hinzu kommt, dass die Bindungen an die Parteien generell lockerer geworden seien. Das erkläre größere Schwankungen in Umfragen, die sich auch schnell wieder umkehren könnten. "Mit näherrückendem Wahltag können sich die Motive der Wähler nochmal verändern, aus Stimmungen werden dann Stimmen, taktische Überlegungen kommen dazu", sagt der Politikwissenschaftler Thorsten Faas gegenüber tagesschau.de. "Es kann noch viel passieren."

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Niedermayer glaubt zwar, dass die SPD besser abschneiden wird, als es noch bis vor kurzem schien: "Ich denke aber nicht, dass sie die Union überholen kann." Denn zum einen seien mehr Wähler fest an die Union gebunden als an die SPD, und zum anderen habe die Union bei vielen inhaltlichen Fragen bei den Bürgern einen Kompetenzvorsprung. Und: "Schulz hat sich bei den Fragen, die die Bürger momentan am meisten bewegen, wie Flüchtlingspolitik und innere Sicherheit, noch nicht positioniert." Sobald er das tut, werde es auch genügend Kritiker geben.

Über dieses Thema berichtete das ARD-Morgenmagazin am 24. Februar 2017 u.a. um 06:11, 07:12, 08:07 und 08:47 Uhr.

Autorin

Sandra Stalinski  Logo tagesschau.de

Sandra Stalinski, tagesschau.de

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