Flüchtlinge in deutschen Unterkünften | Bildquelle: dpa

Übergriffe auf geflüchtete Frauen Der Gewalt ausgesetzt - hier und dort

Stand: 06.03.2016 07:07 Uhr

Sie nehmen eine gefährliche Flucht auf sich, weil sie auf ein besseres Leben in Deutschland hoffen. Doch auch in den Unterkünften in Deutschland kommt es offenbar zu Übergriffen auf Frauen. Experten fordern einheitliche Standards für die Unterkünfte.

Von Barbara Schmickler, tagesschau.de

"Wer ist die Schönste im ganzen Land?", fragt ein kleines Mädchen und schaut in den Spiegel. Gemeinsam mit drei anderen Kindern spielt sie im Kinderhaus einer Flüchtlingsunterkunft in Berlin-Lichtenrade. Die Kinder toben, haben ihren Spaß. Ein behüteter Raum.

Inken Stern, Juristin | Bildquelle: Barbara Schmickler / tagesschau.
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Die Berliner Rechtsanwältin Inken Stern berät bedrängte Migrantinnen.

Während die Kinder hier möglichst unbeschwert spielen, haben ihre Mütter Zeit für sich. Das sei wichtig, sagt die Berliner Sozialpädagogin Nivedita Prasad. Gerade für Frauen sei die Flucht oft besonders gefährlich. "Viele erleben Gewalt und sexuelle Übergriffe. Manche müssen Schlepper mit ihrem Körper bezahlen. Sex ist dann eine Währung", sagt Inken Stern. Die Berliner Rechtsanwältin berät geflüchtete und oft traumatisierte Frauen: "Viele trauen sich nicht, über ihre Gewalterfahrungen zu sprechen. Sie haben Angst, dass sich dies negativ auf ihr Asylgesuch auswirkt."

Angst, den Behörden lästig zu werden

Nivedita Prasad, Sozialpägagogin Alice Salomon Hochschule | Bildquelle: Barbara Schmickler / tagesschau.
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Die Sozialpädagogin Nivedita Prasad hilft traumatisierten Flüchtlingsfrauen.

Doch auch in den deutschen Unterkünften kommt es offenbar immer wieder zu Gewalt-Vorfällen. Sozialpädagogin Prasad berichtet das aus der Flüchtlingsunterkunft in Berlin-Hellersdorf, wo es in der Vergangenheit zu heftigen Protesten der Bevölkerung kam. "Wir erleben sehr oft, dass Frauen von anderen Flüchtlingen oder Sicherheitsleuten belästigt werden", berichtet Prasad.

Auch sie nimmt die Ängste der Frauen wahr, die aber kaum darüber sprechen würden. Zu Anzeigen komme es fast nie - aus Sorge, den Behörden damit lästig zu werden. Insbesondere gewaltsame Ehemänner nutzten diese Sorgen und übten Druck aus, die Frauen hätten still zu sein. Der Fluchtgrund zentriere sich oft auf den Mann, falle der weg, würde Deutschland sie abschieben und dann müsste die Frau mitgehen. Diese Sorge sei zwar oft nicht berechtigt, doch für bereits traumatisierte Frauen sei allein die Vorstellung furchtbar.

Unterkünfte als Nährboden für Gewalt

Prasad berichtet von anderen Unterkünften, wo die Security die Vorgabe habe, nicht die Polizei zu rufen, wenn es einen Vorfall gebe. "Es hängt von der Gunst des Leiters einer Unterkunft ab, ob im Fall von Gewalt etwas passiert oder nicht. Das ist eine strukturelle Lücke", kritisiert die Sozialpädagogin.  Gerade die Erstaufnahme-Einrichtungen und die Gemeinschaftsunterkünfte böten einen Nährboden für Gewalt und ließen keine Privatsphäre zu, kritisiert Prasad. Hinzu kommt: Sie hätten oft kein Gewaltschutzkonzept. 

Flüchtlinge in einer Flüchtlingsunterkunft in Hamm. | Bildquelle: dpa
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Kaum Privatsphäre: eine Unterkunft in Hamm.

Einheitliche Standards gefordert

"Gewaltschutz ist kein Thema, wenn es um Vorgaben an Betreiber geht", kritisiert Heike Rabe vom Deutschen Institut für Menschenrechte. Es kranke oft an konkreten Ablaufplänen, was Leitung oder Wachschutz in bestimmten Situationen zu tun hätten. "In einigen Bundesländern gibt es Empfehlungen, die endlich in Verpflichtungen umgewandelt werden müssen", fordert Rabe. An vielen Orten seien derzeit Maßnahmen in Planung, dadurch werde die Lage aber unübersichtlich, ein Flickenteppich entstehe.

Rabe fordert deswegen bundesweit einheitliche Standards: "Bund, Länder und Kommunen müssen die Maßnahmen in einem Gewaltschutzkonzept bündeln. In Einrichtungen muss zum Beispiel klar sein, wie Täter und Opfer sinnvoll getrennt werden", sagt Rabe im Gespräch mit tagesschau.de. Gerade jetzt sei es wichtig, vernünftige Standards zu erarbeiten. "Denn das, was gerade erarbeitet wird, bestimmt die nächsten Jahre."

EU-Aufnahmerichtlinie

Die EU-Aufnahmerichtlinie wurde am 26. Juni 2013 beschlossen. Sie regelt die Aufnahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen. Im zweiten Kapitel, Artikel 18, Absatz 4, heißt es: "Die Mitgliedstaaten treffen geeignete Maßnahmen, damit Übergriffe und geschlechtsbezogene Gewalt einschließlich sexueller Übergriffe und Belästigung in den (...) genannten Räumlichkeiten und Unterbringungszentren verhindert werden." Im vierten Kapitel werden weitere Schutzmaßnahmen genannt. Diese Richtlinie hätte Deutschland bereits 2015 umsetzen müssen. Das ist bislang nicht geschehen.

Gewaltkonzepte einfordern - das wäre eine konkrete Maßnahme, die auch die EU-Aufnahmerichtlinie fordert. Sie ist eine rechtliche Grundlage, die auch in Deutschland gewährleistet sein müsse, fordert Rabe. Die Richtlinie besagt in Artikel 18, Absatz 4: "Die Mitgliedstaaten treffen geeignete Maßnahmen, damit Übergriffe und geschlechtsbezogene Gewalt einschließlich sexueller Übergriffe und Belästigung in den (...) genannten Räumlichkeiten und Unterbringungszentren verhindert werden." Weil Deutschland die Richtlinie noch nicht umgesetzt hat, gab es schon einen blauen Brief aus Brüssel. Rechtsanwältin Stern fordert daher: Deutschland muss endlich die EU-Aufnahmerichtlinie umsetzen.

Mindestmaß an Privatsphäre

Matthias Nowak
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Matthias Nowak von den Maltesern wird öfter mit geschlechtsspezifischen Problemen von Flüchtlingsfrauen konfrontiert.

Matthias Nowak leitet die Flüchtlingsarbeit der Malteser in Berlin. Im Herbst übernahmen die Malteser einige Unterkünfte in Berlin, mehrere Hundert Flüchtlinge sind dort untergebracht. Die Hilfsorganisation versuche in ihren Unterkünften ein Mindestmaß an Privatsphäre zu gewährleisten, sagt Nowak. Auch bei kleineren Streitigkeiten habe man dazu gelernt: "Wir haben gemerkt, dass es immer wieder Streit um die Steckdosen in den Strominseln gab. Wir haben jetzt eine Strominsel nur für Frauen - jetzt funktioniert es", sagt Nowak.

Auch er berichtet von Vorfällen, bei denen sogar einmal ein Ehemann einer Unterkunft verwiesen werden musste. Doch es sei auch vorgekommen, dass die Polizei im Haus war und die Frau dann doch sagte, es sei nicht so schlimm. Wieder geht es um Ängste. Insgesamt aber, so schildert Nowak seinen Eindruck, bestehe durch eine große Anzahl an Sozialarbeitern, auch an Sozialarbeiterinnen, ein Vertrauensverhältnis zwischen Bewohnern und Personal.

Kaum Schutzräume für Frauen

Dabei sind die Einrichtungen für Flüchtlinge oft männlich dominiert. Besondere Einrichtungen für Frauen gibt es selten. Dabei hätten sich eigene Schutzräume für besonders schutzbedürftige Frauen bewährt. "Hier schränkt das Asylrecht Frauen ein", kritisiert Rabe vom Deutschen Institut für Menschenrechte. Aufgrund der Residenzpflicht dürften Frauen nicht ohne Erlaubnis der Behörde die Stadt oder den Landkreis wechseln, um zum Beispiel in eine andere Unterkunft als der gewalttätige Ehemann zu kommen.

Genauso könne die Wohnsitzauflage zum Problem werden: Die Behörden seien oft nicht auf kurzfristige Entscheidungen eingestellt, um eine Frau in eine andere Unterkunft zu lassen. "Die Flucht ins Frauenhaus kann eine Ordnungswidrigkeit darstellen", kritisiert die Wissenschaftlerin. "Wir müssen die Angebote und die rechtlichen Möglichkeiten endlich auf Frauen in Flüchtlingsunterkünften übersetzen", fordert Rabe.

Flüchtlingsunterkunft im ehemaligen Flughafen Berlin Tempelhof | Bildquelle: AFP
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Die Unterkünfte sind meist männlich dominiert. Besondere Einrichtungen für Frauen gibt es kaum. Das Foto zeigt die Unterkunft im ehemaligen Flughafen Berlin Tempelhof.

Zu wenig weibliche Dolmetscher

Rechtsanwältin Stern empfiehlt eine unabhängige Beschwerdestelle in den Unterkünften oder eine Anlaufstelle nur für Frauen - unabhängig von Leitung, Träger und Sozialamt. Doch das Problem fange schon damit an, dass es zu wenige Dolmetscher gebe, auch zu wenige weibliche Dolmetscher.

Ein altes Seniorenheim in Berlin-Lichtenrade. Neben dem Eingang der Unterkunft sind Schaukeln und ein paar Spielgeräte für Kinder. Hier leben 265 Flüchtlinge, drei Viertel der Erwachsenen sind Männer, erzählt Leiterin Christiane Wahl. Sie hat sich vorgenommen, besonders Frauen und ihre Schicksale im Blick zu halten. Ihr Glück in der Einrichtung sei, sagt sie, dass sie kleine Wohneinheiten mit Toiletten und Duschen hätten.

Hoffnung auf Ausbildung und Arbeit

Samah und Zahraa | Bildquelle: Barbara Schmickler / tagesschau.
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Samah und Zahraa kamen 2015 aus dem Irak nach Deutschland.

Hier leben Samah (19) und ihre Schwester Zahraa (30). Die beiden Frauen sind mit Zahraas sieben Jahre alter Tochter im September aus dem Irak nach Deutschland geflüchtet. Sie erzählen von ihrer Reise über die Türkei mit dem Boot nach Griechenland, dann weiter über Mazedonien bis nach Deutschland.

In Berlin teilen sie sich zu dritt ein Zimmer, sind sehr froh über ihre Situation. Beide hoffen nun auf Ausbildung und Arbeit. In gutem Englisch erzählen sie, dass sie zum Beispiel geschlechtsspezifische Deutschkurse nicht für nötig halten: "Die Trennung der Geschlechter war auch ein Grund, warum wir aus unserer Heimat weg wollten." Samah berichtet, dass sie sich in Deutschland frei fühle: "Wenn ich möchte, kann ich zu einer Party gehen." In ihrer Heimat wäre das als Frau alleine schwierig gewesen, sagt die 19-Jährige Irakerin.

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