Wolfgang Albers | Bildquelle: REUTERS

Nach Vorwürfen Kölner Polizeichef muss gehen

Stand: 08.01.2016 17:18 Uhr

Das NRW-Innenministerium zieht die Konsequenz aus den Vorfällen in Köln in der Silvesternacht und dem Kommunikationsdesaster der Polizei: Kölns Polizeipräsident Albers wird in den einstweiligen Ruhestand versetzt. Um den 60-Jährigen war es zuletzt einsam geworden.

Der Umgang der Polizei mit den Übergriffen gegen Frauen in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof hat personelle Konsequenzen: Der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger versetzte den in die Kritik geratenen Kölner Polizeipräsidenten Wolfgang Albers am Freitag in den einstweiligen Ruhestand. "Meine Entscheidung ist jetzt notwendig, um das Vertrauen der Öffentlichkeit und die Handlungsfähigkeit der Kölner Polizei zurückzugewinnen - auch mit Blick auf die anstehenden Großveranstaltungen", sagte SPD-Politiker Jäger. Er habe Albers diese Entscheidung in einem persönlichen Gespräch mitgeteilt. Dieser habe dafür "großes Verständnis aufgebracht".

Jetzt sei Aufklärung nötig. Die Menschen wollten wissen, was in der Silvesternacht in Köln passiert sei und wer die Täter seien, so Jäger weiter. Am kommenden Montag sollen das Parlament, die Öffentlichkeit und die Medien vollumfänglich informiert werden. Detailfragen zu den Sachverhalten würden erst dann beantwortet.

Ralf Jäger, Innenminister Nordrhein-Westfalen, zur Entlassung Albers
tagesschau24 17:30 Uhr, 08.01.2016

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Um den 60-jährigen Kölner Polizeipräsidenten Wolfgang Albers war es zuletzt einsam geworden. Ihm wurde unter anderem vorgeworfen, die Öffentlichkeit nach den Übergriffen nicht rechtzeitig informiert zu haben und Informationen unter anderem über die Herkunft der Verdächtigen zurückgehalten zu haben. Bis zuletzt hatte er sich gegen seinen Rücktritt gewehrt und den Vorwurf der Vertuschung zurückgewiesen.

"Vertrauensverhältnis erschüttert"

Nach der harschen Kritik des Bundesinnenministers Mitte der Woche in den tagesthemen ging heute jedoch auch Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker deutlich auf Distanz. Die ihr von der Polizeiführung geschilderten Fakten gäben nicht das vollständige Bild der Einsatznacht wieder, hieß es in einer Stellungnahme der parteilosen Oberbürgermeisterin. "Insofern ist mit meinem heutigen Kenntnisstand das Vertrauensverhältnis zur Kölner Polizeiführung erheblich erschüttert."

Jens Eberl, WDR, zum Rücktritt von Polizeichef Albers
tagesschau 17:00 Uhr, 08.01.2016

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Die veröffentlichten internen Berichte zeigten, dass die Polizei bereits seit Tagen ein wesentlich differenzierteres Bild zur Lage am Silvesterabend und zur Herkunft möglicher Tatverdächtiger habe als bislang vermittelt worden sei, erklärte Reker. "Dass ich diese Informationen, insbesondere zur Herkunft von ermittelten Beteiligten aus der Gruppe der Täter, erst aus den heutigen Medien entnehmen kann, kann ich als Oberbürgermeisterin dieser Stadt nicht akzeptieren."

Viele Flüchtlinge unter Tatverdächtigen

Reker hatte am vergangenen Montag, drei Tage nach den Ausschreitungen, vor Journalisten gesagt, die Behörden hätten keine Hinweise darauf, dass es sich bei den Beteiligten um Flüchtlinge handele. Die Bundespolizei gab dagegen heute bekannt, dass von den bislang 32 namentlich bekannten Tatverdächtigen, 22 den Status als Asylbewerber hätten.

Kölns Polizeipräsident Albers in den Ruhestand versetzt
tagesthemen 22:00 Uhr, 08.01.2016, Michael Heussen, WDR

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Der "Kölner Stadtanzeiger" berichtete, leitende Beamte sollen bewusst die Herkunft der Menschen verschwiegen haben, die im Umfeld des Hauptbahnhofs kontrolliert worden waren. Es sei ihnen politisch heikel erschienen, schreibt das Blatt.

Der Polizeiführung sei offenbar schon in der Nacht klar gewesen, dass es sich bei vielen von rund 100 kontrollierten jungen Männern um Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak und Afghanistan gehandelt habe, die erst seit kurzem in Deutschland lebten, heißt es in dem Bericht. Auf Anfrage der Zeitung wollte die Polizei diesen Vorgang weder bestätigen noch dementieren. Zuvor war bereits aus einem Protokoll eines leitenden Bundespolizisten, datiert vom 4. Januar, hervorgegangen, dass die Verantwortlichen Ausmaß und Dramatik der Lage in Köln frühzeitig gekannt haben müssen.

Zwei Festgenommene wieder frei

Unterdessen sind zwei wegen der Übergriffe in der Kölner Silvesternacht festgenommene Männer wieder auf freiem Fuß. Bei den 16 und 23 Jahre alten Männern aus Marokko und Tunesien sollen nach Polizeiangaben Handys sichergestellt worden sein. Der WDR hatte berichtet, die Videos zeigten Ausschreitungen und Übergriffe auf Frauen. Außerdem sei ein Zettel mit arabisch-deutschen Übersetzungen von sexistischen Begriffen sichergestellt worden. Dazu wollte sich der Staatsanwalt nicht äußern.

Diebstahl und Körperverletzung

Unter den von der Bundespolizei insgesamt 31 identifizierten Verdächtigen sind laut Innenministerium neun Algerier, acht Marokkaner, vier Syrer, fünf Iraner, ein Iraker, ein Serbe, ein Amerikaner und zwei Deutsche. Ihnen würden hauptsächlich Diebstähle und Körperverletzungen vorgeworfen. Es seien auch drei Anzeigen wegen sexueller Delikte bei der Bundespolizei eingegangen, dazu hätten aber keine Verdächtigen ermittelt werden können. Der Sprecher betonte, es handele sich lediglich um Fälle, die in den Zuständigkeitsbereich der Bundespolizei fielen - also auf dem Bahnhofsgelände und bis zu einer Entfernung von 30 Metern auf dem Vorplatz.

Bei der Kölner Polizei summiert sich die Zahl der Anzeigen wegen der Vorfälle in der Silvesternacht auf 170, in rund 120 Fällen geht es einer Sprecherin zufolge um sexuelle Übergriffe.

Zu den Vorfällen in der Silvesternacht in Köln und den Entwicklungen danach sendet das Erste auch heute einen Brennpunkt - um 20:15 Uhr nach der tagesschau.

Hotline für Opfer

Beim Landschaftsverband Rheinland (LVR) gibt es für Frauen, die in der Silvesternacht Opfer von sexuellen Übergriffen wurden, eine Telefon-Hotline. Unter der Nummer 0221/8096777 sei täglich zwischen 9 und 17 Uhr ein geschulter Ansprechpartner erreichbar, teilte der LVR mit.

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