Polizisten stehen vor dem Kölner Dom. | Bildquelle: dpa

Übergriffe in Kölner Silvesternacht Polizeibericht zeigt Ausmaß der Gewalt

Stand: 07.01.2016 21:59 Uhr

"Spießrutenlauf" für Frauen, zu wenige Polizisten vor Ort, Angst vor Todesopfern: Ein interner Bericht eines Bundespolizisten zeigt das Ausmaß der Kölner Silvester-Übergriffe - und die Überforderung der Polizei. Die hat inzwischen 16 Tatverdächtige ermittelt.

Während die Kölner Polizei weiter nach Tatverdächtigen der Silvester-Übergriffe fahndet, zeigt ein interner Bericht eines leitenden Bundespolizisten das Ausmaß der Gewalt.

In dem Papier, dessen Echtheit bestätigt wurde, schilderte er einen kompletten Kontrollverlust der Sicherheitskräfte am Hauptbahnhof und kritisierte das Einsatzkonzept. "Der viel zu geringe Kräfteeinsatz brachte alle eingesetzten Kräfte ziemlich schnell an die Leistungsgrenze", heißt es in dem Papier.

Nach Angaben des Bundespolizisten war die Polizei frühzeitig über Ausmaß und Dramatik der Übergriffe informiert gewesen. Viele weinende und schockierte Frauen und Mädchen hätten den Beamten von sexuellen Übergriffen berichtet.

"Frauen mit Begleitung und ohne durchliefen einen im wahrsten Sinne 'Spießrutenlauf' durch die stark alkoholisierten Männermassen, wie man es nicht beschreiben kann."

Bereits vor Mitternacht Hinweise auf Übergriffe

In seinem Bericht beschreibt der leitende Bundespolizist, wie auf die Beamten seiner Hundertschaft bereits bei der Ankunft am Einsatzort deutlich vor Mitternacht viele aufgewühlte Passanten zuliefen und von Schlägereien, Diebstählen und sexuellen Übergriffen auf Frauen berichteten.

"Am Vorplatz und der Domtreppe befanden sich einige tausend meist männliche Personen mit Migrationshintergrund, die Feuerwerkskörper jeglicher Art und Flaschen wahllos in die Menschenmenge feuerten beziehungsweise warfen", berichtet der Beamte. Die Polizei habe Schwerverletzte oder Tote befürchtet und daher um 23.30 Uhr mit der Räumung des Platzes begonnen.

Stand der Ermittlungen nach den Übergriffen in Köln
tagesthemen 22:30 Uhr, 07.01.2016, Demian von Osten, WDR

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16 Tatverdächtige identifiziert

Die Polizei identifizierte eigenen Angaben zufolge inzwischen 16 mögliche Tatverdächtige. Die jungen Männer stammen "weitestgehend" aus dem nordafrikanischen Raum. Die Zahl der Strafanzeigen von Opfern der Übergriffe und Raubstraftaten stieg auf nunmehr 121. In etwa drei Viertel dieser Fälle handelt es sich laut Polizei um Sexualstraftaten, teilweise in Verknüpfung mit Eigentumsdelikten.

Nach Angaben der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) waren an den Übergriffen womöglich auch Flüchtlinge beteiligt. "Nach unseren Erkenntnissen sind es in der Tat überwiegend junge Männer aus dem arabischen und nordafrikanischen Raum gewesen", sagte der Vorsitzende der DPolG-Bundespolizeigewerkschaft, Ernst G. Walter, im Brennpunkt. "Wir haben auch Erkenntnisse darüber, dass sich darunter auch Flüchtlinge befunden haben." Ob diese zu den Haupttätern gehörten, müssten nun die Ermittlungen zeigen.

Die DPolG rechnet damit, dass die meisten Schuldigen für die massenhaften Übergriffe kaum zur Rechenschaft gezogen werden. "Ich bin sehr pessimistisch, dass es zu Verurteilungen kommen wird", sagte Gewerkschaftschef Rainer Wendt dem Sender Phoenix. Die Hürden bei den Gerichten seien hoch: "Man muss jedem einzelnen Täter den eigenen Tatbeitrag nachweisen." Dies werde angesichts der Vielzahl der Beteiligten extrem schwierig.

Hotline für Opfer

Beim Landschaftsverband Rheinland (LVR) gibt es für Frauen, die in der Silvesternacht Opfer von sexuellen Übergriffen wurden, eine Telefon-Hotline. Unter der Nummer 0221/8096777 sei täglich zwischen 9 und 17 Uhr ein geschulter Ansprechpartner erreichbar, teilte der LVR mit.

70 Anzeigen in Hamburg

Auch aus anderen Städten wurden ähnliche Vorfälle an Silvester gemeldet - unter anderem aus Stuttgart, Hamburg und Düsseldorf. In Stuttgart erstattete ein gutes Dutzend Frauen Anzeige, in Düsseldorf gingen elf Anzeigen ein. In Hamburg sind es bislang 70. Tatverdächtige wurden in der Hansestadt nach Polizeiangaben noch nicht ermittelt.

Sexuelle Belästigungen gab es offenbar auch bei der größten öffentlichen Silvesterparty in der Schweiz. Mehrere Frauen hätten der Polizei ähnliche Straftaten wie in Köln gemeldet, berichtet die schweizerische Nachrichtenagentur sda.

Köln: Das Protokoll der Überforderung
Brennpunkt, 07.01.2016

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Interner Polizeibericht zur Kölner Silvesternacht
M. Schmitz, WDR
07.01.2016 22:11 Uhr

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