Köln Hauptbahnhof | Bildquelle: dpa

Unter Fahndungsdruck Kölner Polizei meldet 16 Verdächtige

Stand: 07.01.2016 16:43 Uhr

Die Aufklärung der Übergriffe am Silvesterabend in Köln setzt die Polizei stark unter Druck. Sie bemüht sich um Fahndungserfolge und meldete nun, 16 Verdächtige ausgemacht zu haben. Der interne Bericht eines leitenden Bundespolizisten offenbart indes das Ausmaß der Gewalt.

Nach den Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht in Köln ist die Zahl der Strafanzeigen auf 121 gestiegen. Wie die Polizei mitteilte, gaben die Opfer bei etwa drei Viertel der angezeigten Taten an, auch sexuell bedrängt worden zu sein. In zwei Fällen seien Vergewaltigungen angezeigt worden. Bis jetzt seien 16 Verdächtige ausgemacht worden, die mit den Taten in Zusammenhang stehen könnten. Die meisten von ihnen seien noch nicht namentlich bekannt, aber auf Bild- oder Videoaufnahmen klar erkennbar.

Zuvor hatte die Polizei angegeben, die Identität von vier Verdächtigen ermittelt zu haben. Von ihnen befinden sich zwei in Untersuchungshaft. Allerdings ist unklar, ob sie in der Silvesternacht Frauen angegriffen und sexuell belästigt haben.

Stand der Ermittlungen nach den Übergriffen in Köln
tagesschau 17:00 Uhr, 07.01.2016, Michael Heussen, WDR

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Die zuständige Ermittlungskommission in Köln wurde verstärkt. Die Leitung übernahm die Abteilung für Organisierte Kriminalität, die bei der Staatsanwaltschaft angesiedelt ist.

Augenzeugen und Opfer hatten nach den Übergriffen ausgesagt, die Täter seien dem Aussehen nach größtenteils nordafrikanischer oder arabischer Herkunft. In der Silvesternacht hatten sich aus einer Gruppe von rund 1000 Männern kleinere Gruppen gelöst, die vor allem Frauen umzingelt, sexuell belästigt und bestohlen haben sollen.

Bundespolizist: "In 29 Dienstjahren nicht erlebt"

Die Kölner Polizei steht wegen der Silvesternacht massiv in der Kritik - unter anderem wegen der Pressemeldung vom Neujahrstag, in der die sie erklärt hatte, die Nacht sei weitgehend friedlich verlaufen. Einen nun aufgetauchten internen Einsatzbericht eines leitenden Bundespolizisten, der mehreren Medien vorliegt, kommentierte die Kölner Polizei bislang nicht.

Der Bundespolizist schrieb darin, dass die Polizei frühzeitig über Ausmaß und Dramatik der Übergriffe informiert gewesen sei. Viele weinende und schockierte Frauen und Mädchen hätten den Beamten von sexuellen Übergriffen berichtet.

"Frauen mit Begleitung und ohne durchliefen einen im wahrsten Sinne 'Spießrutenlauf' durch die stark alkoholisierten Männermassen, wie man es nicht beschreiben kann", zitiert die dpa aus dem Bericht.

Im Gespräch mit einem führenden Landespolizisten habe er sogar befürchtet, dass das "Chaos noch zu erheblichen Verletzungen wenn nicht sogar zu Toten führen würde".

Auffällig sei die "sehr hohe Anzahl an Migranten innerhalb der polizeilichen Maßnahmen" gewesen. Es seien viel zu wenige Polizisten vor Ort gewesen. Sie konnten "nicht jedem Opfer einer Straftat helfen und den Täter dingfest machen" und kamen "schnell an die Leistungsgrenze". Deshalb hätten sich die Beamten "auf die Lagebereinigung mit den notwendigsten Maßnahmen" beschränkt. Doch diese "Maßnahmen der Kräfte begegneten einer Respektlosigkeit, wie ich sie in 29 Dienstjahren noch nicht erlebt habe", berichtet der Beamte weiter.

Die Deutsche Polizeigewerkschaft rechnet damit, dass die meisten Schuldigen für die massenhaften Übergriffe kaum zur Rechenschaft gezogen werden. "Ich bin sehr pessimistisch, dass es zu Verurteilungen kommen wird", sagte Gewerkschaftschef Rainer Wendt dem Sender Phoenix. Die Hürden bei den Gerichten seien hoch: "Man muss jedem einzelnen Täter den eigenen Tatbeitrag nachweisen." Dies werde angesichts der Vielzahl der Beteiligten extrem schwierig.

Hotline für Opfer

Beim Landschaftsverband Rheinland (LVR) gibt es für Frauen, die in der Silvesternacht Opfer von sexuellen Übergriffen wurden, eine Telefon-Hotline. Unter der Nummer 0221/8096777 sei täglich zwischen 9 und 17 Uhr ein geschulter Ansprechpartner erreichbar, teilte der LVR mit.

Köln sorgt sich um Tourismus

Die Stadt Köln macht sich derweil Sorgen wegen drohender Schäden für den Tourismus. "Das Image Kölns hat einen Knacks erlitten", sagte Köln-Tourismus-Geschäftsführer Josef Sommer dem "Kölner Stadt-Anzeiger". Wie die Zeitung berichtet, haben erste Touristen ihre Reise in die Domstadt storniert. So habe eine Gruppe aus dem Erzgebirge erklärt, ihre geplante Sommerreise nach Köln abzusagen. Der Hotel- und Gaststättenverband Köln mit rund 1500 Mitgliedsbetrieben berichtete ebenfalls von einer großen Unsicherheit, auch bei Geschäftsreisenden.

Mehr als 50 Anzeigen in Hamburg

Auch aus anderen Städten wurden ähnliche Vorfälle an Silvester wie auf dem Bahnhofsvorplatz in Köln gemeldet - unter anderem aus Stuttgart, Hamburg und Düsseldorf. Dort gingen inzwischen elf Anzeigen ein. In Hamburg sind es bislang 70. Tatverdächtige wurden in der Hansestadt nach Polizeiangaben noch nicht ermittelt.

Offenbar Gruppenvergewaltigung in Baden

Erst jetzt wurde aus Weil am Rhein bekannt, dass zwei Mädchen offenbar von einer Gruppe junger Männer in der Silvesternacht vergewaltigt wurden. Die vier Beschuldigten und die 14 und 15 Jahre alten Opfer kannten sich laut Staatsanwaltschaft. Drei Tatverdächtige Syrer im Alter zwischen 14 und 21 Jahren sitzen in Untersuchungshaft. Nach dem vierten Verdächtigen sucht die Polizei noch.

Zu den Ereignissen in Köln sendet das Erste heute um 20:15 Uhr einen Brennpunkt. Titel: "Köln - Das Protokoll der Überforderung".

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