Ein Lkw spiegelt sich vor dem Toll-Collect-Logo. (Archivbild) | Bildquelle: picture alliance / dpa

Mautbetreiber Toll Collect Systematisch zu viel abgerechnet

Stand: 09.08.2018 08:18 Uhr

Lkw-Maut-Betreiber Toll Collect hat Hunderte Millionen Euro zu viel beim Bund abgerechnet. Darunter sollen auch Posten wie ein Luxushotel-Ausflug und eine Oldtimer-Rallye sein.

Von Johannes Edelhoff, Christian Salewski und Jonas Schreijäg, NDR

Vertraulichen Dokumenten zufolge, die dem ARD-Magazin Panorama, der "Zeit" und "zeit.online" vorliegen, hat Toll Collect dem Bund das Sponsoring der Oldtimer-Rallye "Hamburg-Berlin-Klassik", einen Ausflug der Toll-Collect-Chefs ins Brandenburger Luxushotel "Zur Bleiche" sowie die Unterstützung des Berliner Kinderheims Elisabethstift in Rechnung gestellt. In allen drei Fällen rechnete der Mautbetreiber die Ausgaben als "Marketingkosten" für die Maut ab, was der vertraglichen Regelung mit dem Bund widerspricht.

Dabei handelt es sich nicht um Einzelfälle: Laut einem Gutachten der Prüfungsgesellschaft Mazars hat Toll Collect in nur drei stichprobenhaft untersuchten Jahren mindestens 298 Millionen Euro zu viel abgerechnet. Ein früherer Mitarbeiter von Toll Collect, der bis 2012 für die Vergütung durch den Bund zuständig war und sich nun erstmals öffentlich äußert, nennt das Abrechnungssystem eine "Einladung zum Betrug". Er hatte 2016 anonym Anzeige erstattet. Dabei ging es um Abrechnungen bei der Maut auf Bundesstraßen.

Bewirtungsbelege, die Toll Collect beim Bund als Marketingkosten für die Maut abrechnete. | Bildquelle: Panorama
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Außer Spesen nichts gewesen? Unter anderem rechnete Toll Collect solche Bewirtungsbelege beim Bund als "Marketingkosten" ab.

Verkehrsstaatssekretär schützt Toll Collect

Das Verkehrsministerium versuchte offenbar, die Ermittlungen zugunsten von Toll Collect zu beeinflussen. Nach den vorliegenden Dokumenten sagte der heutige Verkehrsstaatssekretär Gerhard Schulz dem zuständigen Berliner Oberstaatsanwalt Wolfgang Kirstein, er könne sich einen Betrug nicht vorstellen.

Dieser hatte Ermittlungen gegen Verantwortliche von Toll Collect eingeleitet, weil diese intern mit Kosten von rund zwei Millionen Euro für die Ausweitung der Maut auf Bundesstraßen kalkulierten, beim Bund aber rund fünf Millionen Euro abrechneten.

Ein Betrug sei für ihn "nicht vorstellbar", erklärte Schulz dem Staatsanwalt, weil Toll Collect für den Bundesstraßen-Vertrag aus 2012 schließlich eine Erfolgs- und Risikoprämie von 50 Millionen Euro erhalten habe. In Anbetracht dessen würden "drei Millionen zusätzliche Kostenerstattung pro Jahr nicht ins Gewicht" fallen. Außerdem sei das Verfahren "zu einem sensiblen Zeitpunkt" anhängig. Die Neuvergabe der Maut laufe schon, sagte er dem Staatsanwalt, und das bisherige Konsortium habe "eine aussichtsreiche Bewerbung abgegeben". Im Falle "nachgewiesenen betrügerischen Handelns" dürfte eine Übernahme von Toll Collect "politisch nicht mehr in Betracht zu ziehen sein."

Anwalt spricht von "Grenzüberschreitung"

Der Hamburger Strafverteidiger Gerhard Strate.
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Sieht die Gewaltenteilung verletzt: Gerhard Strate.

So hielt es der Staatsanwalt in einer Aktennotiz fest. Schulz war damals noch Leiter der Abteilung Grundsatzangelegenheiten im Verkehrsministerium. Später stellte der Staatsanwalt das Verfahren ein. Gerhard Strate, einer der angesehensten Strafverteidiger Deutschlands, spricht von einer "Grenzüberschreitung". Das sei inakzeptabel und habe mit der Gewaltenteilung in unserem Rechtsstaat nichts zu tun.

Abgerechnet, aber nicht vergütet?

Zu den überhöhten Abrechnungen teilten das Verkehrsministerium und Toll Collect mit, es würden nur solche Aufwendungen erstattet, die vergütungsfähig seien. Eine Oldtimer-Rallye und ein Meeting im Hotel "Zur Bleiche", so das Verkehrsministerium, seien nicht erstattet worden. Dass diese aber abgerechnet wurden, bestreiten weder das Ministerium noch Toll Collect.

Auch die Prüfer von Mazars stellten fest, dass der Mautbetreiber das Sponsoring der Oldtimer-Rallye über mehrere Jahre abgerechnet hatte. Bezogen auf die "Teilnahme an der Rallye 'Hamburg-Berlin-Klassik 2012'" etwa ergebe sich, zusammen mit einheitlichen Geschäftsvorfällen, ein Betrag von 79.910,90 Euro, "den wir in voller Höhe als nicht vergütungsrelevant eingeschätzt haben", schreiben die Prüfer in ihrem Gutachten.

Verkehrsminister Scheuer betont "faires Miteinander"

Auf die Abrechnungspraxis von Toll Collect angesprochen, erklärt Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) im Interview mit dem ARD-Magazin Panorama, dass kürzlich der über 14 Jahre ausgetragene Schiedsstreit zwischen dem Bund und Toll Collect beigelegt worden sei. Er betont das "gute, faire Miteinander". "Wir haben in meinen ersten 100 Tagen in Fairness und in gutem Miteinander einen Schiedsstreit zwischen Toll Collect und dem Bund abgeschlossen, und das ist nur zustande gekommen, weil sich ein paar Partner fair begegnet sind."

Zum Ende des Monats will der Bund Toll Collect für eine Übergangsphase übernehmen, anschließend soll der Auftrag wieder an Konzerne vergeben werden. Diese Pläne sah das Ministerium offenbar gefährdet. Auf Anfrage wollte es zu diesem Vorgang keine Stellung nehmen.

Über dieses Thema berichtet Panorama heute Abend um 21.45 Uhr im Ersten.

"Toll Collect" rechnete systematisch zu viel ab
Jennifer Lange, NDR
09.08.2018 17:00 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Panorama am 09. August 2018 um 21:45 Uhr im Ersten.

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