Ein Mann mit Schirm bei trübem Wetter

Depressionsstudie der Techniker Krankenkasse Wenn der Alltag zum Albtraum wird

Stand: 28.01.2015 17:52 Uhr

Immer mehr Menschen in Deutschland sind offenbar depressiv. Die Betroffenen können häufig lange Zeit nicht arbeiten, die Fehlzeiten in Unternehmen haben deutlich zugenommen. Manche Patienten müssen sogar dauerhaft mit der Depression zu leben.

Von Martin Mair, ARD-Hauptstadtstudio, MDR

Niedergeschlagenheit, Dauermüdigkeit, Antriebslosigkeit - das alles können Anzeichen einer Depression sein. Das Gesundheitsministerium schätzt, dass rund vier Millionen Deutsche betroffen sind. Die Techniker Krankenkasse hat eine Studie zum Thema präsentiert: Deutschland ist niedergeschlagen, lautet das Fazit. Mehr als 30 Millionen Tage fehlen Erwerbstätige pro Jahr wegen einer Diagnose, Tendenz steigend. Außerdem müssen Betroffene oft Jahre suchen, ehe sie die passende Hilfe finden.

Auch der Berliner Manfred Bieschke-Behm hat diese Suche schmerzhaft erlebt. "Diesen Untermieter werde ich nie los", sagt er über seine Depression. Einzugsdatum: unbekannt. Vor etwa zwanzig Jahren kam ein Tag, an dem alles anders wurde: Der Versicherungsangestellte versucht Post zu sortieren, doch die scheinbare Routine wird zum Albtraum.

"Ich bin völlig durchgedreht an so einer simplen Aufgabe", erzählt Bieschke-Behm. "Ich habe den ganzen Mist vom Tisch gefegt und bin das Haus hoch, das war fünfzehn oder sechzehn Stockwerke hoch. Ich habe gedacht: So, jetzt willst Du nicht mehr, jetzt kannst Du nicht mehr. Du schaffst das Leben nicht.“

Depression wird heute häufiger erkannt als früher

Ein Suizid wird manchmal als letzter Ausweg aus der endlosen Traurigkeit und Verzweiflung gesehen. Vor zwanzig Jahren, als Bieschke-Behm sich vom Dach stürzen wollte, war die Diagnose Depression selten. Das habe sich geändert, sagt der Chef der Techniker Krankenkasse Jens Baas. "Früher ist man durchaus mit einer Erklärung nach Hause gegangen und hatte Rückenschmerzen. Doch die Rückenschmerzen waren vielleicht in Wirklichkeit auch eine Depression.", so Baas. "Ich glaube hier ist auch in der Tat zum Glück die Diagnosequalität besser geworden.“

Das ist auch ein Grund, weshalb die Zahl der Fehltage wegen psychischer Erkrankungen explodiert: Von 2000 bis 2013 errechnet die Krankenkasse ein Plus von 70 Prozent. Auch, dass Depression heute kein Tabu mehr ist, habe die Zahl nach oben schnellen lassen. Besonders betroffen sind Altenpfleger, Erzieher und allen voran Mitarbeiter von Call-Centern.

Die Zahl der Krankschreibungen hat zugenommen

"Da scheint der Faktor Selbstbestimmung eine Rolle zu spielen", sagt Baas. "Da klingelt das Telefon und ich kann gar nichts machen. Als Vorstand hat man da vielleicht doch ein wenig mehr Freiheiten, als wenn man am Telefon sitzt und in der Sekunde dran gehen muss, wenn es klingelt.“

Außerdem fühlen sich die Deutschen gestresster und sind wieder häufiger krank geschrieben. Im vergangenen Jahr waren es im Schnitt fast fünfzehn Tage. Wer unter einer Depression leidet, fehlt im Schnitt mehr als viermal solange.

Ein Mensch sitzt am Schreibtisch und stützt den Kopf auf die Hand.
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Die Fehltage in Unternehmen aufgrund von psychischen Erkrankungen haben deutlich zugenommen.

Bei Manfred Bieschke-Behm war die Krankheit so schlimm, dass er frühverrentet wurde. Nach seinem Suizid-Versuch ging der Berliner ins Krankenhaus. "Da wurde mir zum ersten Mal schmerzhaft bewusst, dass ich eine Depression habe und dass das eine Krankheit ist. Ein Krankheit, die man die nicht so ohne weiteres wie einen Armbruch einbandagiert und die Sache ist erledigt", erzählt Bieschke-Behm. Er müsse mit dem unliebsamen Untermieter immer leben.

Wie die meisten Betroffenen hat auch Bieschke-Behm lange nach seinem Weg gesucht: Klinikaufenthalte, Therapeuten, Tabletten - eine Odyssee auf der Suche nach Hilfe. Hier gebe es noch immer Defizite, so TK-Chef Baas. "Was hier besonders schlecht funktioniert, ist die Vernetzung zwischen ambulantem und stationärem Sektor.“

In Hamburg fehlen die Betroffenen am längsten

Dabei gebe es regionale Unterschiede, genauso auch bei der Dauer der Krankschreibung. Besonders lange fallen die Schleswig-Holsteiner, Hamburger und Berliner aus, die Baden-Würrtemberger sind schneller wieder fit. Im Osten verordnen Ärzte weniger Medikamente gegen Depression als im Westen.

Der Studienautor Thomas Grobe erklärt das so: "Es gibt unterschiedliche Einstellungen, wie man an bestimmten Beschwerden und Erkrankungen ran geht. Und das hat glaube ich auch ganz viel mit Traditionen zu tun.“

Rund sechs Prozent bekommen Medikamente gegen Depressionen

Allerdings beobachtet die TK seit Jahren, dass sich Ost- und West in Bezug auf Antidepressiva-Verordnungen angleichen und zwar nach oben. Rund sechs Prozent der Erwerbstätigkeiten bekommen bundesweit Medikamente gegen Depressionen.

Manfred Bieschke-Behm verzichtet heute darauf. Nach vielen Therapien hat er einen anderen Weg für sich gefunden. "Für mich war die Erkenntnis wichtig, dass ich nicht die Depression bin, sondern die Depression habe", erzählt er. "Und heute fühle ich mich nicht als geheilt, sondern ich habe mich von der Krankheit Depression entfernt.“ Und wenn der Untermieter Depression doch wieder anklopft, sagt der Berliner, dann könne er damit umgehen. Der Weg dahin war allerdings lang.

Dieser Beitrag lief am 28. Januar 2015 um 15:11 Uhr auf RBB Inforadio.

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