Atomkraftwerk Tihange | Bildquelle: dpa

Risiko-Studie über belgisches AKW Tihange Katastrophe könnte ganz NRW treffen

Stand: 27.10.2016 18:11 Uhr

Tihange in Belgien gilt als Pannen-AKW und in den Augen der Städteregion Aachen als unhaltbarer Risikofaktor. Eine Studie zeigt nun, was passieren könnte, sollte es wirklich zur Reaktorkatastrophe kommen. Und die möglichen Folgen reichen weit über die Region Aachen hinaus.

Seit Langem ist das belgische Atomkraftwerk Tihange Städteregion Aachen ein Dorn im Auge. Knapp 65 Kilometer Luftlinie trennen das AKW von der Stadt in Nordrhein-Westfalen. Immer wieder waren Pannen im AKW nahe des Ortes Lüttich bekannt geworden: Tausende Haarrisse im Reaktorbehälter, Sabotage, brennende Schalttafeln.

Eine von der Städteregion in Auftrag gegebene Studie zeigt nun mögliche Risiken auf, sollte es bei Tihange wirklich zur Reaktorkatastrophe kommen. Das Ergebnis: Aachen und die umliegenden Regionen könnten sogar unbewohnbar werden.

Studie zeigt Risiken je nach Wetterlage

Erhoben hat die Studie das Institut für Sicherheits- und Risikowissenschaften an der Universität für Bodenkultur in Wien. Grundlage waren repräsentative Wetterdaten. Auf dessen Basis entwickelten die Forscher mögliche Szenarien, abhängig von der jeweiligen Wettersituation - also zum Beispiel, wie drastisch die Folgen für deutsche Gebiete sein könnten, wenn der Wind ungünstig steht.

Karte der Kernkraftwerke Doel und Tihange in belgien
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Belgien hat sieben Atomreaktoren an zwei Standorten: In Doel gibt es vier Druckwasserreaktoren, in Tihange drei. Tihange liegt rund 70 Kilometer entfernt von Aachen.

Die Wahrscheinlichkeit, dass bei einem Reaktorunfall "ein guter Teil Deutschlands" und "vor allem Aachen" betroffen wären, liege relativ hoch, sagt Nikolaus Müller, der Autor der Studie. Das Risiko, dass die Stadt unbewohnbar werden würde, bestünde zwar nur zu zehn Prozent. Höher liege dafür die Wahrscheinlichkeit, dass die Region bei einem Unfall von radioaktiver Strahlung getroffen werden würde, die dreifach höher als der erlaubte Grenzwert liege. Das könne verschiedene Erkrankungen, etwa Krebs, verursachen.

Ganz NRW bekäme mögliche Folgen zu spüren

Sollte der Wind im Falle einer Reaktorkatastrophe ungünstig stehen, könne deren Ausmaß in der Region Aachen ähnlich aussehen, wie in dem 20 Kilometer umfassenden Sperrradius rund um das AKW im japanischen Fukushima, in dem es 2011 zur Kernschmelze kam, fügt Wolfgang Renneberg vom Institut für Sicherheits- und Risikowissenschaften hinzu. Und er geht noch weiter: Nicht nur die Region Aachen, sondern ganz Nordrhein-Westfalen wäre "mehr oder weniger" betroffen.

Dem stimmt auch Städteregionsrat Helmut Etschenberg zu. Die Studie zeige, dass je nach Wetterlage die "latente Gefahr" bis nach Hannover oder Bremen reichen würde. "Das ist ein deutsches Problem", sagt er in Bezug auf Tihange und pocht erneut auf dessen Abschaltung. Für die setzt sich eine Allianz aus insgesamt 90 Kommunen aus den Niederlanden, Luxemburg, Rheinland-Pfalz und NRW ein. Sogar vor ein belgisches Gericht sind die Tihange-Gegner gezogen - die Studie ist Bestandteil ihrer Klage.

Die belgischen Sicherheitsbehörden weisen Bedenken wegen des AKW Tihange bislang zurück.

Über dieses Thema berichtete der WDR am 28. Oktober 2016 um 18:45 Uhr

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