Bessere Arbeitsbedingungen in der Modebranche Was bringt Müllers Textilbündnis?

Stand: 16.10.2014 01:06 Uhr

Bundesentwicklungsminister Gerd Müller dringt auf mehr Sicherheit und höhere Löhne für Textilarbeiter in Billiglohnländern. Doch sein Aktionsbündnis droht zu scheitern: Wichtige Branchenverbände stiegen kurz vor der heutigen Unterzeichnung aus.

Von Sandra Stalinski, tagesschau.de

Nach dem Einsturz der Textilfabriken im Rana-Plaza-Gebäudes in Bangladesch im Jahr 2013 war die Welt schockiert. Mindestens 1134 waren dabei ums Leben gekommen, noch mehr Menschen wurden verletzt - weil die Fabrikbesitzer Hinweise auf Sicherheitsmängel im Gebäude einfach ignoriert hatten.

Arbeiter in einer Textilfabrik in Bangladesch | Bildquelle: dpa
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Arbeiter in einer Textilfabrik in Bangladesch

Damit solche Katastrophen nicht mehr vorkommen und die Arbeitsbedingungen von Textilarbeitern in Billiglohnländern insgesamt verbessert werden, startet  der deutsche Entwicklungsminister nun ein "Bündnis für nachhaltige Textilien". Ziel ist es, in der gesamten Produktions- und Handelskette, vom Baumwollfeld bis zum Kleiderbügel, für bessere soziale, ökologische und ökonomische Standards zu sorgen. "Das bedeutet, dass wir beispielsweise bei der Jeans bereit sind, einen Euro in Löhne für Näherinnen in Bangladesch zu investieren", sagt Gerd Müller. Derzeit bekämen Arbeiterinnen dort 15 Cent pro Stunde, das führe zwangsläufig zu Verarmung.

Ökologische Standards verwässert

Doch bevor die Mitglieder des Bündnisses heute feierlich die Gründungsurkunde unterschreiben wollen, sind bereits mehrere große Branchenverbände ausgestiegen. Der Handelsverband Deutschland (HDE) und die Außenhandelsvereinigung des deutschen Einzelhandels (AVE) erklärten, sie teilten zwar die Ziele des Bündnisses, der von Entwicklungsminister Müller vorgelegte Aktionsplan sei aber noch nicht entscheidungsreif. "Eine lückenlose Überwachung sämtlicher Produktionsstufen ist unrealistisch", erklärte AVE-Hauptgeschäftsführer Jan Eggert.

Auch der Gesamtverband der deutschen Textil- und Modeindustrie (t+m) und der Verband German Fashion kündigten an, sie würden sich an dem Bündnis nicht beteiligen. Als Grund nennt Hartmut Spiesecke von t+ m zu hohe Anforderungen. Sein Verband könne sich beispielsweise nicht verpflichten, auf bestimmte chemische Stoffe in der Produktion zu verzichten. Solche Stoffe würden dringend bei feuerschutzsicherer Kleidung gebraucht und seien unersetzbar. Außerdem seien die in Deutschland üblichen Sozialstandards international nicht durchsetzbar.

Entwicklungsminister Müller (CSU) hält am Textilbündnis fest
R. Jung, MDR, ARD Berlin
15.10.2014 21:09 Uhr

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Ist das Bündnis ohne Textilverbände gescheitert?

In den Ohren von Kirsten Brodde, Textilexpertin bei Greenpeace, dürfte das nach einer lahmen Ausrede klingen. Der Aktionsplan des Bündnisses sehe ohnehin nur sehr lasche Umweltschutzauflagen vor, denn die Festlegung auf ökologische Standards sei vertagt worden. "Wir gehen davon aus, dass das Entwicklungsministerium dem Druck der Textillobby nachgegeben und deshalb die ökologischen Standards verwässert hat", sagt Brodde gegenüber tagesschau.de.  Greenpeace habe sich deshalb entschieden, diesem Bündnis nicht beizutreten. 26 internationale Modeunternehmen, darunter Adidas, Puma, H&M und C&A, hätten bereits gezeigt, dass es geht und sich im Rahmen der Detox-Kampagne von Greenpaece verpflichtet, auf alle gefährlichen Chemikalien in der Produktion zu verzichten. "Ich verstehe nicht, wieso der Minister in seinem Bündnis jetzt dahinter zurückgeht".

Tatsächlich ist beispielsweise der Verzicht auf schädliche Chemikalien im Aktionsplan festgeschrieben, allerdings noch nicht ab sofort verbindlich. Denn das Bündnis behält sich vor, die ökologischen Standards in der Produktion bis Ende 2014 erst noch zu prüfen.

"Produktionskette ist wahnsinnig verzweigt"

Gerd Müller | Bildquelle: dpa
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Entwicklungsminister Müller wird durch den Ausstieg der Textilverbände brüskiert.

Genützt hat das dem Minister allerdings wenig, die Verbände sind trotzdem ausgestiegen. Wie schlagkräftig kann ein Textilbündnis ohne sie noch sein? Bislang ist völlig offen, wer tatsächlich beitreten wird. "Wir führen nach wie vor Gespräche mit den Akteuren und hoffen, so viele wie möglich einzubinden, damit das Bündnis ein Erfolg wird", sagt ein Sprecher des Entwicklungsministeriums.

Kirsten Brodde von Greanpeace fordert hingegen schonmal vorsorglich: "Wenn die Textilunternehmen nicht freiwillig bei dem Bündnis mitmachen, muss der Minister eine gesetzliche Regelung auf den Weg bringen." In der Tat hatte Minister Müller zu Beginn der Gespräche auch gesetzlich festgelegte Standards in Erwägung gezogen. Davon ist im Ministerium jetzt aber keine Rede mehr: "Das Prinzip der Freiwilligkeit ist uns sehr wichtig, damit wir alle an einen Tisch bekommen."

Gescheitert sei das Bündnis noch lange nicht, meint die Textilexpertin Katharina Schaus. Sie erforscht und erarbeitet mit ihrem Unternehmen itfits seit Jahren Standards für nachhaltige Textilien und begrüßt den Vorstoß von Entwicklungsminister Müller. "Es ist klar, dass jetzt gerade die Unternehmen und Verbände abspringen, die große Schwierigkeiten haben werden, die Standards des Bündnisses umzusetzen." In der Tat sei es sehr schwierig, die Lieferkette bis zum Baumwollfeld zurückzuverfolgen. "Die Produktionskette ist wahnsinnig verzweigt. Meist geben Modefirmen ihre Aufträge an Agenturen, die dann wiederum Produzenten aussuchen." Es sei schwer nachvollziehbar, wie viele Subunternehmen beteiligt seien.

Kontrolle wird kaum zu leisten sein

Die im Aktionsplan festgelegten Standards wie das Verbot von Kinderarbeit, verbesserte Sicherheitsstandards und existenzsichernde Löhne  findet sie zwar gut und notwendig. Gleichzeitig seien diese Ziele aber auch sehr ambitioniert. "Bei der Umsetzung und vor allem bei der Kontrolle dieser Standards wird man auf große Probleme stoßen", sagt Schaus. Es sei beispielsweise nirgends festgehalten, was ein existenzsichernder Lohn ist. Das könnten die einzelnen Länder selbst definieren. "Darüber hinaus könnten Produzenten versuchen mithilfe von Tricks die Löhne zu umgehen, beispielsweise durch Strafabzüge. Es wird sehr schwierig sein, zu kontrollieren, wo die Kriterien umgesetzt werden und wo nicht."

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Hauseinsturz in Bangladesch (24.04.2013)

Eingestürztes Gebäude in Dhaka

Beim Einsturz eines Hauses in Dhaka/Bangladesh kam am 24. April 2013 nach offiziellen Angaben zufolge kamen 1127 Menschen ums Leben, 2438 wurden verletzt. In dem Gebäude waren mehrere Textilfabriken untergebracht. | Bildquelle: AP

Dass es dennoch möglich ist, zeigen Unternehmen, die bereits heute Zertifizierungen für nachhaltige Kleidung haben, beispielsweise das anerkannte GOTS-Siegel. Mehr als 3000 Unternehmen sind GOTS-zertifiziert, darunter bekannte Namen wie Tchibo. GOTS (Global Organic Textile Standard) selbst wird dem Textilbündnis ebenfalls beitreten. "Ich finde das eine sehr sinnvolle Sache, allein schon, weil wir mehr Öffentlichkeit und Aufklärung bei diesem Thema brauchen", sagt Claudia Kersten von GOTS im Gespräch mit tagesschau.de. Allerdings dürfe man nicht mit schnellen Ergebnissen rechnen. Das Bündnis verstehe sich ja auch eher als Prozess, der nun angestoßen werde. Ein Zeithorizont von fünf Jahren, wie er im Aktionsplan für die Umsetzung einzelner Standards vorgesehen ist, sei angesichts der großen Herausforderungen kaum einzuhalten.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 16. Oktober 2014 um 11:30 Uhr.

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