Blumen für die Terroropfer vom Breitscheidplatz | Bildquelle: dpa

Leben nach dem Terror Die vergessenen Opfer

Stand: 24.07.2017 06:48 Uhr

Wie meistert man das Leben nach dem Terror? Manche Überlebende und Hinterbliebene verarbeiten die Tragödie alleine, andere finden Halt in Selbsthilfegruppen. Viele sind jedoch enttäuscht über die mangelnde staatliche Unterstützung.

Von Anna Klühspies und Judith Gridl, BR

Düsseldorf, ein altes Backsteingebäude am Rande der Stadt: Die evangelische Kirche veranstaltet hier zwei Mal im Jahr ein Treffen für Opfer und Hinterbliebene von Terroranschlägen. Michaela und Tobias, ein junges Ehepaar aus der Nähe von Düsseldorf, kommt seit dem Tod seiner Mutter bei einem Terroranschlag 2015 in Tunesien hierher: "Wir können nicht abschließen, wir werden wahrscheinlich auch nie abschließen können", sagt Tobias. "Sie ist erschossen worden von einem Attentäter, und mehr wissen wir nicht."

Michaela und Tobias
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Michaela und Tobias trauern um Tobias' Mutter.

Das Ehepaar tauscht sich hier mit anderen Opfern und Hinterbliebenen von Terroranschlägen aus, die entweder Zeuge eines Anschlags wurden oder jemanden dabei verloren. Bei Anschlägen in Istanbul etwa oder auf dem Breitscheidplatz in Berlin im vergangenen Jahr. Die Gespräche drehen sich nicht nur darum, wie man nach einem solchen Anschlag weitermacht oder wie sehr der Terror das Leben verändert. Ein großes Thema auf dem Hinterbliebenen-Treffen ist auch die fehlende staatliche Unterstützung, die sich viele Opfer nach einem Anschlag gewünscht hätten.

Rückführung der toten Mutter alleine organisiert

Michaela und Tobias zum Beispiel mussten sich um die Rückführung seiner verstorbenen Mutter aus Tunesien komplett alleine kümmern. Bis heute haben sie nur einen Totenschein auf Arabisch. Sie wissen im Prinzip nicht, ob der Leichnam, der im Sarg aus Tunesien überführt wurde, auch wirklich seine Mutter ist. Sie sagen, sie wurden in ihrer Notsituation schlichtweg vom Staat vergessen.

Hinterbliebene berichten von Chaos nach Anschlag in Berlin

Ähnlich geht es den Angehörigen der Opfer vom Anschlag auf den Berliner Breitscheidplatz. Was sie in den Tagen nach dem Anschlag erleben, klingt beschämend.

Herrlich
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Stephan Herrlich verlor seinen Bruder bei dem Anschlag in Berlin.

In New York trifft das report München-Rechercheteam Stephan Herrlich. Der Software-Unternehmer ist vor zwei Jahren hierher ausgewandert. Er verlor seinen einzigen Bruder bei dem Anschlag in Berlin: "In den ersten drei Tagen hatten wir keine Informationen darüber, was vorgefallen ist", berichtet Herrlich. "Wir wissen, dass mein Bruder am Abend des Anschlags in der Gerichtsmedizin lag und dort identifizierbar gewesen ist. Trotzdem hat man uns keine Informationen zukommen lassen, sondern nur gesagt, dass man nichts sagen kann."

Stephan Herrlich flog nach Deutschland, um seine Familie zu unterstützen. Denn es wurde deutlich, dass es niemanden auf staatlicher Seite gab, der ihnen mit Informationen und Hilfe zur Seite stand: "Es gab keine Verantwortlichkeit, niemanden, der gesagt hätte, das sind die nächsten Dinge, die passieren werden. All das hat nicht stattgefunden."

Ein Opferbeauftragter drei Monate nach dem Anschlag

Erst drei Monate nach dem Anschlag reagiert die Politik: Kurt Beck, der ehemalige Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, wird zum offiziellen Opferbeauftragten der Bundesregierung ernannt. Er organisiert Angehörigentreffen und besucht Opfer und Hinterbliebene.

Allerdings ist Beck nur für die Opfer des Berliner Anschlags zuständig. Für alle anderen Terroropfer gibt es weiterhin niemanden. Erklärungsversuche des Opferbeauftragten: "Ich kann nicht beantworten, warum es sonst niemanden gibt. Aber wenn das hilfreich ist, dann sollte es dem Staat ein Anliegen sein, eine solche Möglichkeit einzurichten."

Eine bloße Absichtserklärung der Politik nützt Hinterbliebenen wie Michaela und Tobias aber wenig. Sie fordern, dass sich Deutschlands Umgang mit Terroropfern grundlegend verändern muss: "Von der Bundesregierung erwarte ich Menschlichkeit. Ich denke, dass wir füreinander einstehen müssen", sagt Tobias.

Merkel und Hollande legen am Breitscheidplatz Blumen nieder | Bildquelle: dpa
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Kanzlerin Merkel und der damalige französische Präsident Hollande legten im Januar am Breitscheidplatz Blumen nieder.

Unterstützung ist in Frankreich Staatsaufgabe

In Frankreich ist man da weiter: Kurz nach den Anschlägen von Paris im November 2015 wurde das Staatssekretariat für Opferhilfe gegründet. Es ist direkt beim Premierminister angesiedelt und hat das Ziel, die Situation der Opfer von Terroranschlägen, Gewalttaten und Großschadensereignissen zu verbessern. Frankreich hat die Unterstützung von Terroropfern damit zur Staatsaufgabe gemacht.

Über dieses Thema berichtete "Exclusiv im Ersten: Das zweite Leben" am 24. Juli 2017 um 22:25 Uhr.

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