Polizisten suchen in der Umgebung des Zuges nach Spuren. | Bildquelle: AP

Jahresrückblick Anschläge, Pannen und Ermittlungserfolge

Stand: 29.12.2016 04:03 Uhr

Hannover, Essen, Würzburg, Ansbach und schließlich Berlin: Mindestens fünf Mal hat der islamistische Terror in Deutschland 2016 zugeschlagen. Und damit häufiger als je zuvor.

Von Michael Stempfle, ARD-Hauptstadtstudio

Fast könnte man von einem Wettlauf sprechen. Auf der einen Seite stehen IS-Anhänger mit einer perfiden Strategie. Sie wollen mit möglichst einfachen Mitteln möglichst viele Menschen töten. Auf der anderen Seite sind die deutschen Ermittlungsbehörden. Sie können zwar immer wieder Erfolge vorweisen. Doch klar ist auch: Unachtsamkeit oder gar Fehler können fatale Folgen haben.  

Das zeigen auch die vorläufigen Rekonstruktionen der fünf Anschläge dieses Jahres. Sie ergeben sich aus den bisher bekannt gewordenen Ermittlungserkenntnissen. In allen fünf Fällen gilt: Die gerichtlichen Verfahren laufen noch. Abschließende richterliche Urteile liegen noch nicht vor.

Hannover, 26. Februar

Safia S. sticht einem Bundespolizisten am Hauptbahnhof ein Gemüsemesser in den Hals. Der Beamte wird lebensgefährlich verletzt. Ein Kollege überwältigt das Mädchen und nimmt es fest. Die Beschuldigte ist zur Tatzeit gerademal 15 Jahre alt: Eine Gymnasiastin, die nun als jüngste islamistische Attentäterin in Deutschland gilt. Und noch eine Besonderheit: Safia S. steht via Handy in Kontakt zu IS-Leuten.

Vorgeschichte: Safia S. ist den Behörden bekannt. Als Kind verkehrt sie bereits beim radikalen "Deutschsprachigen Islamkreis" in Hannover und taucht in Videos des bekannten Salafisten-Predigers Pierre Vogel auf.

Wenige Wochen vor dem Messer-Attentat reist Safia S. nach Istanbul. Hier trifft sie sich mit IS-Anhängern. Ihr Plan, nach Syrien zu reisen, scheitert jedoch. Ihre Mutter holt sie nach Deutschland zurück. Die Behörden nehmen ihr zwar zwei Smartphones ab. Doch die Beamten werten zunächst nicht alle Chat-Protokolle aus. Hätte der Anschlag am Hauptbahnhof verhindert werden können? Ein Untersuchungsausschuss im niedersächsischen Landtag befasst sich damit.

Justiz: Wegen ihres jugendlichen Alters findet der Prozess gegen Safia S. vor dem Oberlandesgericht Celle unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Blick in den Verhandlungssaal des OLG Celle vor dem Prozessauftakt gegen Safia S. | Bildquelle: dpa
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Safia S. muss sich in Celle vor Gericht verantworten.

Essen, 16. April

Die Freunde Yusuf T. und Mohamed B., beide 16 Jahre alt, legen am Eingang eines Sikh Tempels eine selbstgebaute Bombe ab. Diese detoniert kurz darauf. Im Inneren des Gebetshauses werden ein Sikh-Priester und zwei Gemeindemitglieder verletzt. Es ist der erste geglückte Bombenanschlag dschihadistischer Islamisten in Deutschland.

Vorgeschichte: Der Hauptangeklagte Yusuf T. interessiert sich schon früh für den Salafisten-Prediger Pierre Vogel und nimmt an der Koran-Verteilaktion "Lies!" teil. Außerdem hat er Kontakt zu Hasan C., der gegen Ende des Jahres gemeinsam mit anderen Mitgliedern eines islamistischen Netzes um Abu Walaa festgenommen wird.

Yusuf T. spricht sich mit anderen Teenagern in sozialen Netzwerken ab. Der Name ihrer WhatsApp-Gruppe lautet "Anhänger des Islamischen Kalifats". Hier können sich die Jugendlichen über Anschlagsplanungen austauschen, ohne dass die Behörden etwas erfahren. Und doch hätten die Behörden auch in diesem Fall gewarnt sein müssen: Die Eltern von Yusuf T. hatten die Polizei einige Tage vor dem Anschlag darüber informiert, dass von der Gruppe Gefahr ausgehe.

Justiz: Auch dieser Prozess am Landgericht Essen läuft unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Ein Polizist vor dem zerstörten Eingangsbereich des Sikh-Tempels
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Bei der Explosion am Tempel wurden drei Menschen verletzt.

Ochsenfurt, 18. Juli

Der 17-jährige Riaz Khan A. greift in einem Regionalzug nach Würzburg fünf Touristen aus Hongkong mit einer Axt an und verletzt sie. Während der Tat ruft er "Allahu akbar". Fahrgäste ziehen die Notbremse. Riaz Khan A. springt aus dem Zug. Ein Spezialeinsatzkommando der Polizei, das zufällig in der Nähe ist, erschießt ihn.

Vorgeschichte: Riaz Khan A. stammt vermutlich aus Afghanistan. Er ist als Flüchtling nach Deutschland eingereist, Ende Juni 2015. Nach außen hin läuft zunächst alles gut: Er findet einen Praktikumsplatz und kommt Anfang Juli bei einer Pflegefamilie unter. Er erzählt, ein Freund von ihm sei ums Leben gekommen. Zunächst wird in den Medien spekuliert, der Tod des Freundes könnte ihn schwer erschüttert haben. Anschließend könnte es zu einer Radikalisierung über Nacht gekommen sein. Doch diese Theorie erweist sich schnell als völlig falsch.

Riaz Khan A. kommuniziert bis kurz vor seiner Tat mit einer Kontaktperson des IS. Wieder - via Chats. Der IS-Kontaktmann legt nahe, mit einem Auto in eine Menschenmenge zu fahren. Doch Riaz Khan A. lehnt ab. Er habe keinen Führerschein.

Während Riaz Khan A. bei der Pfegefamilie wohnt, nimmt er ein Video auf. Er bekennt sich darin zum IS und rechtfertigt vorab seinen geplanten Anschlag. Nach seinem Tod wird das Video von der Propaganda-Plattform des IS, Amaq, veröffentlicht.

Justiz: Trotz des Todes des Axt-Attentäters führt die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe ein Verfahren gegen Unbekannt. Sie versucht, die Hintergründe der Tat herauszubekommen und mögliche Mitwisser oder Mithelfer des Axt-Attentats zu finden.

Der Täter der Zugattacke in Würzburg
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Auch Riaz Khan A. stand in Kontakt mit dem IS.

Ansbach, 27. Juli

Mohammed D. versucht, auf das Gelände des Musik-Festivals "Ansbach Open" zu kommen. Im Rucksack trägt er selbst hergestellten Sprengstoff bei sich. Er hat allerdings keine Eintrittskarte. Der Einlass wird ihm verwehrt. Der Sprengstoff explodiert, als Mohammed D. vor einem Weinlokal steht. Es ist das erste islamistische Selbstmord-Attentat in Deutschland. 15 Menschen werden verletzt.

Vorgeschichte: Mohammed D. stammt aus Syrien. Sein Asylantrag in Deutschland wird Ende 2014 abgelehnt. Die Ausländerbehörde fordert ihn auf, nach Bulgarien zurückzukehren, also in das erste europäische Land, in das er eingereist ist. Daraufhin ritzt sich Mohammed D. die Unterarme auf. Er gilt als psychisch krank und kann so, mit dem Status eines Geduldeten, fast zwei Jahre in Ansbach bleiben.

Wieder rekonstruieren die Ermittler die Vorgeschichte anhand von gefundenen Mobiltelefonen und eines Laptops. Chat-Protokolle ergeben: Eine IS-Kontaktperson setzt Mohammed D. regelrecht unter Druck, den Anschlag zu begehen.

Justiz: Auch in diesem Fall führt die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe ein Verfahren gegen Unbekannt.

Ermittler am Tatort des Anschlags von Ansbach
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Bei dem Selbstmordattentat werden 15 Menschen verletzt.

Berlin, 19. Dezember

Der Tunesier Anis A. kapert das Fahrzeug eines polnischen LKW-Fahrers, tötet den Familienvater und steuert den Sattelschlepper in den Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche. Zwölf Menschen sterben, mehr als 50 werden verletzt. Der 24-jährige Attentäter flüchtet nach Italien. Bei einer Kontrolle in Mailand eröffnet er das Feuer auf einen Polizisten und wird anschließend selbst erschossen.

Vorgeschichte: Anis Amri kommt im März 2011 über Lampedusa nach Europa. Er wird zusammen mit drei anderen Tunesiern festgenommen, weil er eine Schule in Brand gesetzt hat und verbüßt eine fast vierjährige Haftstrafe. Im Juli 2015 reist er nach Deutschland. Sein Asylantrag wird abgelehnt. Er kann eine Abschiebung verhindern. Zwar stufen ihn die Behörden als Gefährder ein - als jemanden, dem sie zutrauen zu töten. Dennoch verlieren sie ihn einen Monat vor dem Anschlag aus den Augen.

Justiz: Die Bundesanwaltschaft führt ihre Ermittlungen weiter gegen Unbekannt. Gut eine Woche nach dem Anschlag kann sie einen Erfolg vermelden. Eine 40-jährige Kontaktperson Amris wird vorläufig festgenommen. Sie könnte in die Anschlagspläne eingeweiht gewesen sein.

Luftaufnahme vom Breitscheidplatz in Berlin am Tag nach dem Anschlag | Bildquelle: dpa
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Vor dem Anschlag in Berlin verloren die Ermittler Amri aus den Augen.

Geplanter Anschlag an Berliner Flughafen

Im Schatten der Anschläge und Pannen geraten die Erfolge der Ermittlungsbehörden in den Hintergrund. Und doch konnte 2016 Schlimmeres verhindert werden. Etwa ein geplanter Sprengstoffanschlag an einem Berliner Flughafen. Im September erhält der Verfassungsschutz einen Hinweis eines US-Geheimdienstes. Die Behörde kann den Verdächtigen Anfang Oktober in Chemnitz ausfindig machen - offenbar in letzter Sekunde. Bei Jabr A. wird hochexplosiver Sprengstoff gefunden. Doch auch in diesem Fall kommt es zu Pannen. Der Verdächtige kann nach Leipzig fliehen. Nach seiner Festnahme begeht er in der JVA Selbstmord.

Über dieses Thema berichtete u.a. der ARD-Jahresrückblick am 19. Dezember 2016 um 23:25 Uhr.

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