Tankred Dorst | Bildquelle: picture alliance / dpa

Tankred Dorst gestorben "Die Menschen folgen ihrer Fantasie"

Stand: 01.06.2017 12:19 Uhr

Tankred Dorst war einer der meistgespielten Autoren des deutschen Gegenwartstheaters. Er ließ sich nicht politisch vereinnahmen, blieb stets geistig unabhängig. Nun ist er im Alter von 91 Jahren in Berlin gestorben.

Von Jan Ehlert, NDR

Seinen Durchbruch als Dramatiker verdankte Tankred Dorst einem Missverständnis. Mit seinem Stück "Toller. Eine deutsche Revolution", in dem Dorst die Münchener Räterepublik zu Zeiten des Schriftstellers und Revolutionärs Ernst Toller wieder aufleben ließ, platzte er mitten in die Studentenproteste des Jahres 1968. Die Aufführung wurde zu einem politischen Skandal. Völlig unbeabsichtigt, so Dorst.

Dorst sagte damals über den "Toller": "Ich dachte nicht daran, dass es aktuell sein könnte. Mich interessiert die Figur, mich interessiert die Zeit, aber von der Politik verstehe ich nichts." Der Dramatiker sagte, er fühle sich nicht als politischer Mensch. Er habe das Stück eigentlich für sich geschrieben. "Und ich dachte auch nicht, dass das jemand aufführen könnte." Dazu sei das Stück auch ziemlich umfangreich. "Und dann hat sich aber während der Arbeit daran dieser Stoff von selber mit Emotionen aufgeladen und wurde plötzlich so aktuell ohne mein Zutun, ich konnte das nicht wissen."

Nachruf auf Dramatiker Tankred Dorst
tagesschau 20:00 Uhr, 01.06.2017, Andreas Herz, BR

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Zwei Stücke pro Jahr

So hat sich Dorst auch danach nicht politisch vereinnahmen lassen. Er blieb geistig unabhängig und vor allem produktiv. Zwei Stücke pro Jahr - dieses Ziel hatte sich Dorst schon früh gesetzt. Geschrieben hat er schließlich insgesamt mehr als 50 Dramen, Drehbücher und Theaterstücke. Sie wurden von Regisseuren wie Peter Zadek, Jossi Wieler und Dieter Dorn uraufgeführt.

Im Jahr 1990 wurde Dorst für sein Gesamtwerk mit dem Büchner-Preis ausgezeichnet, dem bedeutendsten Preis für deutschsprachige Literatur. Routine sei das Stückeschreiben trotz hoher Produktivität für ihn nie geworden, so Dorst. "Wenn man zwei, drei Stücke geschrieben hat, und die haben sich auf der Bühne bewährt, denkt man: 'Ich kann das jetzt.' Und dann kam etwas anderes auf mich zu, und dann merke ich: 'Ich kann das überhaupt nicht. Ich muss eigentlich mit jedem Stück neu anfangen.'"

Mythische und historische Stoffe

Tankred Dorst griff mythische oder historische Stoffe auf, schrieb Märchenstücke und Parabeln und reagierte auch auf aktuelle politische Entwicklungen. Zu seinen bekanntesten Werken neben "Merlin oder das wüste Land" (1981 uraufgeführt) zählen das Revolutionsdrama "Toller" (1968 uraufgeführt), die Trilogie "Auf dem Chimborazo"/"Die Villa"/"Heinrich oder Die Schmerzen der Fantasie" (1975-1985) sowie die Stücke "Eiszeit" (1973), "Karlos" (1990) und "Herr Paul" (1994).

1999 wurde in München das unter dem Eindruck des Bosnienkrieges geschriebene Stück "Große Szene am Fluss" uraufgeführt. Im Februar 2005 feierte der Dramatiker mit der Uraufführung seines Dramas "Wüste" in Dortmund einen weiteren Erfolg - ein Meisterwerk voller Altersweisheit, Nachdenklichkeit, Skepsis und Humor. Tankred Dorst war einer der meistgespielten Autoren des deutschen Gegenwartstheaters.

Muster im umfangreichen Oeuvre

Und doch gab es bestimmte Muster in Dorsts umfangreichem Oeuvre. Im Mittelpunkt seiner Stücke stand immer der Mensch und fast immer ging es um das Scheitern von Utopien. In "Eiszeit", in dem Dorst den Schriftsteller Knut Hamsun mit dessen Nazi-Vergangenheit konfrontierte, in "Karlos", das die Vereinsamung des spanischen Königssohns beschreibt, und in seinem Opus magnum "Merlin oder das wüste Land", in der Dorst anhand der Artus-Sage das Scheitern einer gerechten Weltordnung auf die Bühne brachte.

Dorst sagte über seinen Merlin, die Grundvorstellung in dem Stück sei, dass die Zivilisation ein dünner Teppich über einer steinernen Wüste sei. "Und dass dieser Teppich leicht zerreißt, und dann ist das wüste Land eben wieder da", so Dorst.

Regisseur in Bayreuth

Im Publikum der Uraufführung von Merlin saß damals auch der Opernregisseur und Bühnenbildner Wolfgang Wagner, einer der Enkel von Richard Wagner. Wolfgang Wagner holte Dorst gut 25 Jahre später als Regisseur auf den Grünen Hügel nach Bayreuth. 2006 inszenierte Dorst dort im Alter von mehr als 80 Jahren den Ring des Nibelungen als Fantasy-Märchen. Das war eine Idee, die bei der Kritik nur auf wenig Verständnis stieß.

Für Dorst galten jedoch Zeit seines Lebens andere Maßstäbe. "Ich denke, die Menschen werden zum wenigsten von der Vernunft beherrscht, sondern sie folgen vielmehr ihrer Fantasie als ihrem Verstand", so Dorst.

Im Alter von 91 Jahren ist er nun in Berlin gestorben.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 01. Juni 2017 um 12:00 Uhr.

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