Reservisten schießen auf dem Truppenübungsplatz Lehnin (Brandenburg) mit dem G36-Standardgewehr | Bildquelle: dpa

Streit um Bundeswehr-Gewehr "Das G36 hat keine Zukunft mehr"

Stand: 22.04.2015 13:53 Uhr

Das Sturmgewehr G36 hat in seiner derzeitigen Version laut Verteidigungsministerin von der Leyen keine Zukunft in der Bundeswehr. Dies kündigte die Ministerin nach einer Sitzung des Verteidigungsausschusses im Bundestag an.

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen hält die Standardwaffe der Bundeswehr, das Sturmgewehr G36, wegen massiver Probleme bei der Treffsicherheit für unbrauchbar. "Dieses Gewehr, so wie es konstruiert ist, hat in der Bundeswehr keine Zukunft", sagte die CDU-Politikerin nach einer Sitzung des Verteidigungsausschuss des Bundestags. Bei der Truppe sind zurzeit rund 167.000 dieser Gewehre der Firma Heckler & Koch in Gebrauch.

Von der Leyen will G36-Gewehre ersetzen
tagesschau 15:00 Uhr, 22.04.2015, Jochen Graebert, ARD Berlin

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Zuvor hatte bereits der verteidigungspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Rainer Arnold, zügigen Ersatz für das G36 gefordert. "Wir müssen schnell Soldaten im Einsatz wieder ein Gewehr geben, auf das sie sich verlassen können", sagte Arnold im ARD-Morgenmagazin. Mittelfristig müsse das G36 ausgetauscht werden. Die Beschaffung eines neuen Gewehrs dürfe aber keine zehn Jahre dauern. Arnold forderte zudem die zügige Aufklärung der Affäre um das Bundeswehr-Gewehr. Es müsse endlich damit begonnen werden, die Verantwortungen zu klären.

In der vergangenen Woche hatten Experten der Standardwaffe der Bundeswehr ein verheerendes Zeugnis ausgestellt. Nach ihren Untersuchungen sinkt die Trefferquote bei extremer Erhitzung von den erforderlichen 90 auf nur noch sieben Prozent. Von der Leyen hatte daher bereits die Tauglichkeit des G36 infrage gestellt.

Hersteller verteidigt sich

Der Hersteller Heckler und Koch wiederum warf dem Verteidigungsministerium eine "laienhafte Prüfung" vor. Die Waffenschmiede des umstrittenen Sturmgewehres G36 führt die mangelhafte Treffsicherheit der Waffe auf fehlerhafte Munition zurück. Die Ursache für die massive Streuung der Schüsse liege in der "mangelhaften Zinnbeschichtung der Geschosse", teilte die Firma Heckler und Koch mit.

Der Vorwurf, dass das G36 bei Dauerfeuer nicht mehr präzise trifft, ist laut verschieden Rüstungsexperten zudem irreführend, da das Sturmgewehr für Dauerfeuer nicht gebaut worden sei.

Untersuchungsausschusses angedroht

Die Opposition wirft von der Leyen vor, in der Affäre zu zögerlich zu agieren. Die Grüne hatten daher die Einsetzung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses in Spiel gebracht.

Christian Thiels @ThielsChristian
Untersuchungsausschuss zu #Bundeswehr-Sturmgewehr #G36 immer wahrscheinlicher - Koalitionskreise.

Auch den früheren Verteidigungsminister und heutigen Innenminister Thomas de Maizière will die Opposition zum G36 befragen. Der CDU-Politiker müsse dazu Stellung nehmen, "was er wusste, wie er mit diesen Informationen umgegangen ist und wie eben auch in seiner Amtszeit diese Vertuschung beim G36 stattgefunden hat", sagte die Grünen-Abgeordnete Agnieszka Brugger.

Der Verteidigungsexperte der Linkspartei, Jan van Aken, will neben de Maizière auch den früheren Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg befragen. Denn nach seinen Angaben gab es schon 2010 Hinweise auf Präzisionsprobleme.

De Maizière offenbar detailliert informiert

Tatsächlich ist bereits seit Jahren bekannt, dass es Probleme mit dem Gewehr G36 gibt. Neuen Medienberichten zufolge war der damalige Bundesverteidigungsminister de Maizière bereits im März 2012 in einer Vorlage an ihn persönlich detailliert über erhebliche Präzisionsprobleme des G36 unterrichtet worden. Das berichteten "Spiegel Online" und die "Süddeutsche Zeitung" unter Berufung auf interne Dokumente.

Die Vorlage vom 23. März 2012 die de Maizière mit seiner Paraphe abgezeichnet habe, decke sich mit den Ergebnissen der gerade vorgestellten Untersuchung verschiedener Institute über die gravierenden Probleme des G36, wenn es heiß geschossen ist. Das Phänomen der Ausweitung des Streukreises und der abnehmenden Trefferwahrscheinlichkeit bei einer heiß geschossenen G36-Waffe stelle "aus militärischer Sicht einen erheblichen Mangel" dar, zitierten beide Medien aus dem internen Papier. Die Probleme seien von "erheblicher Einsatzrelevanz", da Soldaten im Gefecht den Gegner auf 200 Meter nicht mehr sicher bekämpfen könnten.

Thomas de Maizière | Bildquelle: dpa
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Der damalige Verteidigungsminister de Maizière war spätenstens im März 2012 über die Probleme beim G36 informiert.

Keine Konsequenzen gezogen

Trotz der Warnung seien bis zum Ende von de Maizières Amtszeit kaum Konsequenzen gezogen worden, schrieb "Spiegel Online". Der weitere Ankauf von G36-Gewehren sei nicht gestoppt oder zumindest angehalten worden. Vielmehr wurden im April 2012, also kurz nach der Warnung an den Minister, 3770 neue G36-Modelle bestellt.

Bereits im Juli 2014 hatte tagesschau.de berichtet, das de Maizières Büro spätestens im August 2012 Kenntnisse von den Mängeln beim G36 hatte.

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S. Überbach, ARD Berlin
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