Soldat mit G36-Gewehr | Bildquelle: dpa

Streit um das G36 Ein Gewehr unter Dauerbeschuss

Stand: 18.04.2015 13:48 Uhr

Wird ein Gewehr heiß, lässt die Zielgenauigkeit nach. Das gilt auch für das G36. Physikalische Begebenheit nennt Heckler und Koch das, was Verteidigungsministerin von der Leyen vehement als Mangel kritisiert. Doch im Streit mit der Waffenschmiede könnte sie sich verkalkuliert haben.

Von Oliver Mayer-Rüth, BR, ARD-Hauptstadtstudio

"Meine Waffe: Zur Selbstbelehrung des Infantristen nach dem Unterricht in der Rekrutenschule." So lauten Titel und Untertitel eines Lehrbuchs von 1907, geschrieben von Major Mariotti, Kommandant eines Schweizer Bataillons. Wer beim schwäbischen Waffenbauer Heckler und Koch anruft, erfährt üblicherweise wenig. Seitdem die Kritik am Bundeswehr Strurmgewehr G36 lauter wird, weist die Geschäftsführung jedoch gerne auf Seite 19 der historischen Soldatenfibel hin. Dort heißt es: "Nahe beim Ofen aufbewahrt, rostet das Gewehr und krümmt sich der Schaft; derselbe kann sich auch krümmen bei ständiger, einseitiger Sonnenbestrahlung."

Dazu fallen die belehrenden Worte, dass es dem schwäbischen Unternehmen bisher nicht gelungen sei, physikalische Gesetze aufzuheben. Sonneneinstrahlung erzeuge Hitze, genauso wie Reibung. Wer also sein Gewehr zu lange in der Sonne stehen lässt oder im Dauerfeuer schießt, muss sich nicht wundern, wenn das Material des Laufs aufgrund großer Hitze reagiert und damit die Zielgenauigkeit nachlässt.

Verbal mit dem Bajonett aufgespießt

Trotz der physikalischen Gegebenheiten glaubte die Bundesverteidigungsministerin vor gut zwei Wochen richtig zu handeln, als sie nach Jahren der Kritik am G36 in die Offensive ging und damit das bereits angeschlagene Image des Waffenbauers Heckler und Koch verbal mit dem Bajonett aufspießte. "Das G36 hat offenbar ein Präzisionsproblem bei hohen Temperaturen, aber auch im heißgeschossenen Zustand", erklärte Ursula von der Leyen.

Titelseite des Heftes "Meine Waffe"
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Das Lehrbuch "Meine Waffe": Nahe beim Ofen aufbewahrt, rostet das Gewehr und krümmt sich der Schaft"

Inzwischen hat die Ministerin verschiedene Kommissionen eingesetzt und Untersuchungen anstellen lassen, um mögliche Mängel des G36 aufzuklären. Seit Amtsantritt verkauft sich die CDU-Politikerin als Chefaufklärerin in Sachen Rüstungsprojekte der Bundeswehr und lässt keinen Stein auf dem anderen.

Das hat ihr bisher bei einigen Beobachtern Respekt eingebracht, doch diesmal könnte sie über das Ziel hinaus geschossen sein. Immerhin ruderte ihr Sprecher in Sachen Kritik am G36 wieder ziemlich zurück, als er erklärte, die Ministerin sei "keine Sachverständige für Gewehre" und es sei "sicher nicht sachgerecht, dieses Gewehr in Bausch und Bogen für untauglich zu erklären."

Wie kommt es zu dieser Einsicht? Der Vorwurf verschiedener Expertenberichte an das G36 ist, dass das Sturmgewehr bei Dauerfeuer nicht mehr präzise trifft. Dabei stellt sich die Frage, ob ein Sturmgewehr überhaupt für Dauerfeuer gebaut wurde. Dirk G., Oberfeldwebel in Reserve, ehemals Soldat der Komandokompanie, der Vorläufereinheit der geheim operierenden Kommando Spezialkräfte, hält die Kritik am G36 für völlig überzogen.

"Ein Sturmgewehr ist im Gegensatz zu einem Maschinengewehr nicht für das Dauerfeuer geeignet, sondern für einzelne präzise Schüsse, allenfalls einige wenige Salven", sagt der Oberfeldwebel. "Wer ein Sturmgewehr wie ein Maschinengewehr für Dauerfeuer einsetzt oder um den Feind niederzuhalten, also in Schach zu halten, muss sich nicht wundern, wenn der Lauf glühend heiß läuft und sich verzieht, so dass die Schüsse nicht mehr präzise treffen", erklärt er weiter.

Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen | Bildquelle: dpa
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Verteidigungsministerin von der Leyen - kein "Sachverständige für Gewehre"

Nicht für Dauerfeuer ausgelegt

Diese Erkenntnis macht sich inzwischen auch in der Spitze des Verteidigungsministeriums breit. Dass man mit einem Sturmgewehr Dauerfeuer schießt, sei ein ungewöhnlicher Vorgang, erklärte von der Leyens Sprecher in der Bundespressekonferenz gegenüber Journalisten. Dafür hätte man normalerweise ein Maschinengewehr. Das G36 sei ein Sturmgewehr, das nicht auf Dauerfeuer ausgelegt war. "Das ist auch in den Lieferbedingungen nicht abgebildet gewesen und das ist die erste Grundlage, um herauszufinden, ob ein Hersteller im Obligo geblieben sei oder nicht", so der Sprecher.

Die vom Ministeriumssprecher genannten "Technischen Lieferbedingungen" des Bundesamts für Wehrtechnik und Beschaffung vom Oktober 1996 liegen auszugsweise dem ARD-Hauptstadtstudio exklusiv vor. Auf Seite 28 des Dokuments mit der Kennziffer TL 1005-0099 heißt es, die Trefferleistung sei erfüllt, wenn 4 von 5 Schüssen in einem Trefferkreis mit einem Durchmesser von maximal 120mm einschlagen. Der vom Hersteller geforderte Abstand sei 100 Meter, so Heckler und Koch. Von Dauerfeuer ist dort allerdings keine Rede.

Aufschluss gibt das Dokument auch über den Umgang mit einer Fähigkeitslücke, die vor allem nach dem Afghanistaneinsatz der Bundeswehr im Zusammenhang mit dem G36 deutlich wird. Dort waren Soldaten und Gewehr immer wieder in Einsätzen mit Dauerfeuer. Das Bundesamt für Beschaffung wollte in den 1990er-Jahren offenbar neben dem G36 auch ein leichtes Maschinengewehr MG36 anschaffen. Zumindest ist dieses auf dem Deckblatt der Lieferbedingungen vermerkt mit dem Hinweis "diese Waffen waren bis 1995 angedacht, wurden aber nie bei der BW (Bundeswehr) eingeführt."

Auch der Lauf eines MG36 kann sich bei Dauerfeuer erhitzen, allerdings dauert das eben länger, heißt es aus Industriekreisen. Folglich wäre dieses Gewehr für den Einsatz in Afghanistan geeigneter gewesen. Das MG36 wäre etwas teurer als das G36 gewesen, doch offenbar wollte sich das Verteidigungsministerium die Kosten kurz nach Ende des Kalten Krieges sparen, weil niemand mit einem Einsatz wie dem in Afghanistan rechnete.

Dass die Beschaffung eines MG36 geplant war und dann aus bisher unerfindlichen Gründen verworfen wurde, bestätigt auch Oberfeldwebel G. Hätten die Soldaten ein Maschinengewehr am Hindukusch in Gefechten eingesetzt, wäre die absurde Diskussion um das G36 vielleicht nie aufgekommen, so der Ex-Elitesoldat.

Ein Soldat hält eine G36 von Heckler & Koch | Bildquelle: dpa
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G36 - Gewehr mit "Fähigkeitslücken"?

"Ein sehr gutes Gewehr"

Offenbar hat das Verteidigungsministerium aufgrund der Vorwürfe gegen das G36 vorübergehend Schadenersatzansprüche gegen Heckler und Koch geprüft. Inzwischen fragt man sich im Bundestag, ob dieses Vorhaben nicht nach hinten los gehen könnte. Florian Hahn, CSU Bundestagsabgeordneter und Mitglied des Verteidigungsausschusses, hält das G36 für ein "sehr gutes Gewehr". Es diene der Selbstverteidigung, so der CSU Mann. "Unsere Soldaten sind damit sehr gut ausgerüstet, aber vielleicht gibt es Fähigkeitslücken im modernen Kampf", sagt Hahn. Doch in Sachen Schadenersatz sei die Frage eher, "ob nicht Heckler und Koch Anforderungen an die Regierung stellt, wenn man weiter so mit denen umgeht".

Auch das nun auszugsweise veröffentlichte 372 Seiten lange Gutachten des Verteidigungsministeriums zum G36 bringt bisher kaum neue Erkenntnisse mit sich. "Die inhomogene Erwärmung des G36, bedingt durch seitliche, an die Strahlungsintensität der Sonne angelehnte Bestrahlung, bewirkt einen reversiblen Verzug des Waffengehäuses und damit eine Verlagerung der Rohrseelenachse zur Visierlinie und führt zu einer Treffpunktverlagerung", heißt es dort unter anderem.

Bei Heckler und Koch bemerkt man dazu mit einigem Kopfschütteln, dass man sich diese Untersuchung hätte sparen können, denn das hätte bereits Major Mariotti vor mehr als hundert Jahren so festgestellt.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 11. April 2015 um 20:00 Uhr.

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