Gewehre vom Typ G36 von Heckler&Koch stehen im Juni 2014 beim Abschiedsappell der 10. Panzerdivision in Sigmaringen vor den Soldaten.  | Bildquelle: dpa

Mängel bei Bundeswehr-Standardgewehr Kein Gewehr für heiße Tage

Stand: 30.03.2015 21:19 Uhr

Das Standard-Sturmgewehr G36 der Bundeswehr hat erhebliche Mängel. Wenn es in der Sonne zu heiß wird oder man zu viel damit schießt, treffe es nicht mehr verlässlich, gibt nun auch die Bundeswehr zu. Die Verteidigungsministerin denkt über den Kauf anderer Gewehre nach.

Von Christian Thiels, tagesschau.de

Die "Braut des Soldaten“ - so nennen manche Traditionalisten in etwas angestaubtem Sprachgebrauch auch heute noch die Gewehre der Armee. Doch die Beziehung zwischen dem Sturmgewehr G36 und der Bundeswehr bröckelt anscheinend. "Das G36 hat offenbar ein Präzisionsproblem bei hohen Temperaturen, aber auch im heißgeschossenen Zustand", erklärte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen. Monatelange hatte von der Leyens Haus von Experten in Instituten und in der Truppe selbst untersuchen lassen, was denn an den vielfältigen Berichten über Probleme mit der Standardwaffe, mit der fast jeder Soldat ausgerüstet ist, dran sein könnte.

Nun muss auch das Wehrressort selbst einräumen, dass das G36 Probleme hat. Das Verteidigungsministerium hat seit 1996 insgesamt 176.467 Stück bei der schwäbischen Waffenschmiede Heckler & Koch aus Oberndorf gekauft - für rund 180 Millionen Euro. Die Firma trat den Vorwürfen von Verteidigungsministerin von der Leyen entgegen. Die Einschätzung, das Gewehr sei nicht treffsicher, widerspreche "diametral" eigenen Prüfungen der Waffe, erklärte das Unternehmen.

Ursula von der Leyen | Bildquelle: AFP
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Nun räumt auch Verteidigungsministerin von der Leyen ein: Mit dem G36 gibt es Probleme.

Waffe besteht zu Teilen aus Kunststoff

Noch gibt es keinen Abschlussbericht, doch wenn der bestätigt, dass das G36 bei besonders heißer Witterung, etwa in Afrika, oder sobald die Waffe heißgeschossen wird, nicht mehr verlässlich trifft, dann werde man weitere Konsequenzen ziehen, kündigt die Ministerin an. "Das schließt auch die Frage ein, ob und inwieweit die Truppe auf mittlere Sicht mit einem anderen Sturmgewehr ausgerüstet werden muss."

Das Problem beim G36 ist seine spezielle Leichtbauart. Die Waffe besteht zu großen Teilen aus Kunststoff, der sich bei Hitze so stark ausdehnt, dass der Lauf des Gewehrs nicht mehr fest genug sitzt. Das ist allerdings keine echte Neuigkeit. Medienberichte, unter anderem im ARD-Politikmagazin "Report Mainz", hatten schon vor mehr als zwei Jahren erste Zweifel an der Verlässlichkeit des G36 öffentlich gemacht. Ein umfangreicher Bericht des Bundesrechnungshofes bestätigte später die Recherchen und die Erfahrungen vieler Soldaten – etwa im Afghanistan-Einsatz.

Doch der damalige Verteidigungsminister Thomas de Maizière zog keine Konsequenzen - obwohl er offenbar schon seit 2011 von Problemen mit der Waffe wusste. So hielt es auch seine Nachfolgerin Ursula von der Leyen. Noch im Februar 2014 ließ sie ihren Staatssekretär Markus Grübel verkünden, Treffungenauigkeiten beim G36 hätten nur etwas mit fehlerhafter Munition zu tun. Und auch das Ausrüstungsamt der Bundeswehr bilanzierte damals: "Das Gewehr G36 ist technisch zuverlässig und ohne Mängel." Es erfülle vollumfänglich die Anforderungen der laufenden Einsätze und des Grundbetriebes der Bundeswehr.

Sturmgewehr G36 hat offenbar technische Mängel
tagesschau 20:00 Uhr, 30.03.2015, Marion von Haaren, ARD Berlin

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Erst als der Wehrbeauftragte des Bundestages, Hellmut Königshaus, in drastischen Worten Alarm schlug und der Haushaltsausschuss des Bundestages einer weiteren Beschaffung von G36-Gewehren einen vorläufigen Riegel vorschob, dachte man offenbar auch im Bendlerblock um. Nun schreibt auch der oberste Soldat der Bundeswehr, General Volker Wieker, an die Truppe, dass die Untersuchungen der vergangenen Monate eine "eindeutige Sprache" sprächen und zitiert aus den vorläufigen Ergebnissen: "Die Präzisionseinschränkungen seien beim G36 signifikant größer als bei den untersuchten Vergleichswaffen. Das G36 sei eindeutig Teil des Problems (das heißt nicht nur die Munition oder sonstige Faktoren)".

Opposition kritisiert "Schönreden von Problemen"

Nun sollen die Sturmgewehre "für eine Übergangszeit", so Wieker, noch weiter genutzt werden. Für die Auslandseinsätze will der Generalinspekteur nun eine operativ-taktische Weisung erlassen. Soll heißen: Es gibt neue Anweisungen, wie sich die Truppe verhalten soll. Und: dass sie womöglich ältere, aber verlässlichere Sturmgewehre des Typs G3 verwenden sollte. Das alles, "um den absehbaren Defiziten des G36 Rechnung zu tragen".

Für die Opposition ist der plötzliche Sinneswandel bei Militärs und Ministerin kaum nachvollziehbar. Agnieszka Brugger, Sprecherin für Sicherheitspolitik und Abrüstung der Grünen-Bundestagsfraktion, betont, dass das Ministerium "nach jahrelangen Verschleierungen" nun wenig überraschend die großen Probleme beim G36 einräume. "Dieser Vorgang steht exemplarisch dafür, wie Probleme schöngeredet werden, bis es nicht mehr geht. Mit viel Geld, Zeit und Studien ist vergeblich versucht worden, zu beweisen, dass das G36 fehlerfrei sei. Probleme kann man nicht lösen, indem man sie so lange wie möglich leugnet", so Brugger. Das Ergebnis ist nun wohl eine echte Beziehungskrise zwischen der Bundeswehr und ihrem Standardgewehr. Und die könnte auch mit einer Trennung enden.

Standardgewehr der Bundeswehr nicht treffsicher genug
C. Schabosky, WDR
31.03.2015 15:51 Uhr

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